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Ehrliche Risikobewertung lohnt sich!

18. Dezember 2020, 08:44 Uhr   |  Heinz Arnold

Ehrliche Risikobewertung lohnt sich!
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Heinz Arnold, Editor-at-Large, HArnold@weka-fachmedien.de

Bestimmte Oszillatoren werden knapp. Viele Anwender wiegten sich in Sicherheit, bezogen sie doch aus verschiedenen Quellen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

Ohne noch einmal speziell auf das große Thema dieses Jahres eingehen zu wollen: Es hat gezeigt, welch hohe Bedeutung dem Risikomanagement zukommt. Nun gibt es sicherlich Ereignisse, die sich kaum vorhersehen lassen – dem Menschen ist es nun einmal nicht gegeben, in die Zukunft schauen zu können.

Doch oftmals bedarf es keinerlei prophetischer Gaben, um Risiken zu erkennen. Offenbar gibt es aber die Tendenz, gar nicht erst so genau hinschauen zu wollen. Ich kann mich dunkel erinnern, dass Mitte der 1990er-Jahre eine Epoxy-Fabrik in Japan explodiert ist, aus der 80 Prozent der Vergussmasse für die weltweite Chipproduktion kam. Da nützte es den Anwendern der ICs wenig, dass sie Second-Source-Strategien verfolgt hatten: Zum Schluss war ein großer Teil der Lieferkette von einer einzigen Fabrik in Japan abhängig. Diese Abhängigkeit wurde offenbar als schicksalsgegeben hingenommen.

Manchmal wiederholt sich Geschichte: Kürzlich vernichtete ein Brand eine komplette IC-Fab in Japan, aus der der größte Teil der Chips für bestimmte Oszillatoren stammt, die nun knapp werden. Sie finden überall Einsatz, wo sehr genaue Taktsignale erforderlich sind – also fast überall. Viele Anwender dieser Komponenten wähnten sich gegen Risiken abgesichert: Denn sie bezogen die Oszillatoren von mehreren verschiedenen Herstellern – machten sie sich jedenfalls vor.

Hätten sie etwas genauer hinsehen wollen, so hätten sie erkannt, dass hinter den unterschiedlich gelabelten Produkten zumeist nur ganz wenige echte Hersteller stecken. Und dass diese wenigen auch noch fast alle ihre Oszillator-ICs von einer einzigen Firma bezogen. Und diese eine Firma die ICs in nur einer einzigen Fab fertigte. Die jetzt mindestens ein Jahr ausfällt.

Die Lieferkette ist also ernsthaft beschädigt. Doch führt die Not auch dazu, flexibler zu werden: Redesigns, Qualifizierungen und Zertifizierungen lassen sich beschleunigen und Alternativen lassen sich finden, wie dieses Jahr schon auf vielfältige Weise gezeigt hat.

Der aktuelle Fall aber macht wieder einmal deutlich: Statt den Kopf – nach dem Motto „Den Worst Case gar nicht erst herbeireden!“ – in den Sand zu stecken, lohnt es sich, genau hinzusehen und die Risiken ehrlich zu bewerten, um die richtigen Schlüsse ziehen und entsprechende Maßnahmen einleiten zu können. Was sicherlich ein schöner Vorsatz für 2021 wäre. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein besinnliches Weihnachten und ein gutes neues Jahr!

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