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Interview mit Christian Eder

»Wir sind flexibel aufgestellt«

27. Mai 2021, 08:30 Uhr   |  Tobias Schlichtmeier

»Wir sind flexibel aufgestellt«
© Congatec

Christian Eder ist Director Marketing bei Congatec.

Im Interview spricht Christian Eder, Director Marketing bei Congatec, über COM-HPC sowie Cloud und Edge Computing. Außerdem verrät er wie der Deggendorfer Embedded-Spezialist mit der Krise umgeht. Er sieht sein Unternehmen flexibel aufgestellt.

Herr Eder, welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie in den letzten Monaten für Ihr Unternehmen?

Viele Projekte dauern länger, jedoch sind unsere Design-Gewinne gestiegen – das ist der entscheidende Faktor für zukünftiges Wachstum. Zudem haben wir unsere EBIT-Ziele für 2020 erreicht. Wir sind zufrieden und blicken mit Zuversicht nach vorne. Zuversicht gibt uns außerdem der neue Investor DBAG.

Viele Lieferketten hielten den Folgen der Pandemie nicht stand. Wie sind Ihre Erfahrungen im Embedded-Bereich?

Die Covid-19 bedingte Situation bei Lieferanten und Fertigern und die starken Verschiebungen beim Bedarf in beide Richtungen – also hiervon mehr und davon weniger – waren herausfordernd. Mithilfe belastbarer Second-Source-Strategien, engen Kontakten sowie einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Kunden und Lieferanten konnten wir trotz allem unsere Lieferperformance auf einem sehr guten Stand halten. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wie gut eine Partnerschaft funktioniert.

Was ist in Ihren Augen nötig, um starke Lieferketten aufzubauen?

Gut vorbereitet ist, wer Pufferbeständen aufbaut und Second Source nutzt – sie gewährleisten über einen bestimmten Zeitraum die Versorgung. Eine bis zum Bauelement durchsetzbare Krisen-Dispositionsstrategie für Materialien, die in medizinischen Geräten zum Einsatz kommen, ist zudem sinnvoll. Bekommen diese beispielsweise eine spezielle Kennzeichnung, kann unmittelbar ausgelöst werden, dass sie bei Krisen direkter zu handhaben sind als andere Vorprodukte. Nach wie vor ist es jedoch nicht vorhersehbar, in welchem Land und in welcher Größe ein Problem auftritt. Einige Unternehmen müssen jedoch sicherlich ihr Supply Chain Risk Management nachjustieren.

Wie müssten in Ihren Augen Unternehmen ihr Lieferketten umgestalten, um den künftigen Ansprüchen an die Nachhaltigkeit zu genügen?

Computer-on-Modules sollten in allen Edge-Servern und -Geräten zum Einsatz kommen, denn so ist die Rechenleistung mit dem Austausch eines Moduls zu steigern. Das ist deutlich nachhaltiger als das ganze Board auszutauschen. Gleichzeitig sparen die Unternehmen Kosten ein.

Hat sich die Bedeutung des Produktionsstandortes China in Ihren Augen verändert? Rechnen Sie mittelfristig für die Embedded-Computing-Branche wieder mit einem verstärkten Fertigen in Europa?

Wir sind fertigungstechnisch sehr stabil und trotzdem flexibel aufgestellt. Neben Fertigungs-Dienstleistern in Asien fertigen wir bereits heute zu einem erheblichen Anteil in Europa. Wir stellen unsere Computermodule und -boards automatisiert her. Personalkosten spielen deshalb lediglich eine untergeordnete Rolle – letztendlich ist es fast egal auf welchem Kontinent der Bestückungsautomat steht. Wir können also ganz flexibel auf politische Änderungen reagieren und unsere Produktionsvolumen entsprechend verschieben.

Der neue Standard COM-HPC soll Server-Rechenleistung an das Edge bringen. Erleben wir nach der Zentralisierung in der Cloud eine neue Phase der Dezentralisierung?

Clouds sind weiterhin sehr bedeutend. Jedoch ergänzen Edge- oder Fog-Server die Cloud um latenzarme und – optimal sogar deterministische – Kommunikations- und Rechenleistung. Aus Sicht des Netzes ist das eine Dezentralisierung, aus Sicht der industriellen Prozess- und Feldebene jedoch eine Zentralisierung, da sich auf Edge-Servern mehrere Steuerungen konsolidieren lassen. Beispielsweise mit dem Einsatz von echtzeitfähigen virtuellen Maschinen, wie sie unserer Tochterunternehmen Real-Time Systems ermöglicht.

COM-Express, SMARC, Qseven, PC/104 und COM-HPC – haben wir nun genug Standards für Computer-Module? Oder sind es sogar schon zu viele?

Während sich COM-HPC gerade als der Standard des High-End Embedded und Edge Computings der Zukunft positioniert, hat PC/104 seinen Zenit längst überschritten. Alle weiteren Standards sind klar im Markt positioniert. Einzig Qseven und SMARC ähneln sich – der Markt tendiert bei neuen Designs zu SMARC. Für Qseven-Kunden ist ein Wechsel zu SMARC jedoch nicht nötig – bei Qseven wird es weiterhin eine starke Produktauswahl geben. Insofern sind beide Formfaktoren stark und vergleichbar mit Marken wie BMW und Mercedes. Fahrer dieser Marken wechseln nicht so schnell zur jeweils anderen Marke.

Im letzten Jahr wurden maschinell verarbeitbare Auflötmodule (OSM, Open Standard Module) von der SGET spezifiziert, in diesem Jahr hört man davon kaum mehr etwas. Was ist in Ihren Augen seitdem passiert?

Congatec selbst ist zum Thema Auflötmodule nicht aktiv. Jedoch bin ich selbst im Vorstand der SGET und daher mit dem Thema betraut. Die OSM-Spezifikation wurde im Dezember 2020 veröffentlicht. Seitdem herrscht zu dem Thema zwar Ruhe in der Öffentlichkeit, jedoch kann ich Ihnen versichern, dass die Entwicklungsabteilungen einiger Firmen sehr aktiv sind. Genau so soll es sein: erst den Standard definieren, dann die Produkte entwickeln.

Gerade im Bereich IoT ist Security ein zunehmend komplexes Thema. Welche Hardware-Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit ein Gerät mit einem langen Lebenszyklus für nötige Security-Patches Update-fähig bleibt?

Hardware und Updates haben grundsätzlich wenig gemeinsam. Ist ein Gerät einmal im Feld und soll neue Service-Patches bekommen, ist vor allem sicherzustellen, dass die Zugriffsrechte zueinander passen. Hardwareseitig ist mittlerweile meist ein Trusted-Platform-Modul (TPM) mit auf dem Computer-Modul verbaut, doch ebenso bringen die Prozessoren selbst immer mehr Sicherheitsfeatures mit. Der Rest ist in der Regel eine Frage der Software. Sicherheit kann jedoch ebenso ohne Updates mit einem hermetischen Abriegeln des Systems entstehen.

Viel wichtiger ist hardwareseitig die »Maintainability«. Systeme benötigen einen Fernzugriff, der selbst dann funktioniert, wenn das System nicht mehr funktioniert. Hier arbeitet die PICMG derzeit an neuen Funktionen für COM-HPC, die hierzu sogenannte Out-of-Band Management Features ermöglichen. Congatec implementiert sie in Zukunft auf seinen Carrierboards und Modulen. Im Prinzip stellt der Ansatz ein reduziertes IPMI mit ein paar neuen Funktionen dar, die speziell für Edge-Anwendungen nötig sind.

In der x86-Welt gibt es Embedded-Prozessoren mit bestimmten Langfrist-Verfügbarkeiten. Wie sieht es hier auf der Seite der Arm-Prozessoren aus, vor allem angesichts der großen Vielfalt an Chips?

Die i.MX8-Prozessoren, die wir auf SMARC und Qseven anbieten, sind laut NXP zwischen zehn und 15 Jahren verfügbar. Das sind Zeiträume, die sich zunehmend etablieren und die AMD und Intel ebenfalls anstreben. Gefordert werden die langen Verfügbarkeiten zum Beispiel vom Automotive-Markt, in dem NXP stark ist – im Bereich Mobility entstehen aktuell viele neue Produkte. Alle anderen Anwendungen können ebenfalls von der Langzeitverfügbarkeit profitieren.

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