VDI Verein Deutscher Ingenieure

Müssen wir Angst vor einer Energiekrise haben?

20. Oktober 2022, 11:00 Uhr | Ralf Higgelke
Euro, Natural Gas
© Gerd Altmann / pixabay

Sowohl Privathaushalte als auch Unternehmen schauen mit Sorge auf den kommenden Winter. Wie hart trifft uns die Energiekrise? Harald Bradke vom Interdisziplinären Gremium Klimaschutz und Energiewende des VDI versucht die wichtigsten Fragen zu beantworten und den drohenden Gasmangel einzuordnen.

Importabhängigkeit bei fossilen Brennstoffen

Nachdem die Nachfrage und somit die Preise für fossile Brennstoffe (Kohle, Erdöl, Erdgas) in Europa 2020 aufgrund der Pandemie auf die Hälfte des Niveaus zwischen 2017 und 2019 gesunken waren, stiegen sie 2021 infolge des Aufschwungs und des außergewöhnlich langen und kalten Winters wieder an. Insbesondere der Preis für Erdgas in Europa versechsfachte sich gegenüber dem langjährigen Durchschnitt. Die Befürchtungen vor einem Lieferausfall Russlands sowie die Stromknappheit in Frankreich dürften hier eine Rolle gespielt haben.

Deutschland ist bei den fossilen Brennstoffen fast vollständig (95 bis 100 Prozent) von Importen abhängig. Insbesondere aus Russland bezog Deutschland in erheblichem Maße Brennstoffe: 2021 waren es bei Erdgas und Kohle je 57 Prozent und bei Erdöl 45 Prozent. Während Erdöl und Kohle sich relativ leicht durch Importe aus anderen Ländern substituieren lassen, ist Erdgas in Deutschland bisher an den Bezug durch Pipelines gebunden.

Zwischen Europa, USA und Japan gab und gibt es beim Erdgas Preisunterschiede um den Faktor zwei bis vier sowie große Schwankungen. In den USA sanken die Erdgaspreise durch die damals neue Fördertechnik Fracking, in Japan stiegen sie nach dem Reaktorunglück in Fukushima. Bisher hat die europäische Industrie dies gut verkraftet. Die Erdgaspreise in Deutschland lagen sowohl in der Industrie wie auch bei den privaten Haushalten etwa im europäischen Durchschnitt.

Strom wird schon seit Jahren teurer

Auch die Strompreise an den europäischen Spotmärkten haben sich bis Ende 2021 von rund 50 Euro pro MWh auf über 250 Euro pro MWh verfünffacht. Dies geschah bereits vor dem Krieg in der Ukraine. Der Strompreis in Frankreich lag (und liegt) über dem in Deutschland. Ursache hierfür ist der Ausfall von fast der Hälfte der französischen Kernkraftwerke, die sonst 70 Prozent des französischen Strombedarfs decken. Die aktuellen Spotmarktpreise für Strom an der europäischen Strombörse EEX zeigen zum einen die hohe Volatilität der Strompreise sowie den stark dämpfenden Einfluss von Fotovoltaik und Windenergie auf den Strompreis.

Deutschland betreibt einen intensiven Stromhandel mit seinen Nachbarländern. Deutschland und Frankreich stehen dabei in einem sehr regen Austausch, wobei Frankreich mehr Strom von Deutschland kauft als umgekehrt.

Deutschlands Nettostromexport findet im Wesentlichen in der kälteren Jahreszeit statt, wenn die Stromnachfrage hoch ist. Dieser deutsche Nettostromexport existiert seit über zehn Jahren. In den Jahren 2017/2018 hatte er seinen Höhepunkt mit einem Stromexportüberschuss von rund 10 Prozent der deutschen Stromerzeugung. So exportierte Deutschland 2018 Strom für rund drei Milliarden Euro, importierte aber nur für knapp eine Milliarde Euro. Im Jahr 2020 war die Jahresbilanz wieder ausgeglichen.

Belastung durch hohe Energiekosten

Der Energiekostenanteil der deutschen Industrie insgesamt lag 2017 bei rund zwei Prozent bezogen auf den Bruttoproduktionswert. Zwischen den Branchen bestehen jedoch erhebliche Unterschiede. In den für die deutsche Volkswirtschaft besonders wichtigen Branchen, wie Fahrzeugbau und Maschinenbau, ist der Anteil mit rund einem Prozent vergleichsweise gering. In einigen energieintensiven Branchen liegt er jedoch deutlich darüber. Eine Verdoppelung bis Verdreifachung der Energiepreise stellt daher für energieintensive Unternehmen ein existenzielles Problem dar, besonders wenn sie im internationalen Wettbewerb stehen.

Auch viele private Haushalte stellt der Anstieg der Energiepreise vor Herausforderungen. Ein statistischer Durchschnittshaushalt gab bisher pro Jahr etwa 3000 Euro für Energie aus: circa 1000 Euro für Heizenergie, 1000 Euro für Strom und etwa 1000 Euro für Kraftstoffe. Die erwartete Kostenbelastung ist für viele Haushalte daher nicht einfach auszugleichen und wird zu einer Verschiebung des Konsumverhaltens führen. Gerade einkommensschwache Haushalte geben einen höheren Anteil ihres Einkommens für Energie aus und sind damit stärker von den Energiekostensteigerungen betroffen. Gleichzeitig haben sie weniger Reaktionsmöglichkeiten. Staatliche Hilfen sind hier unbedingt erforderlich.

Ein flächendeckender Blackout ist nicht zu befürchten

Aus Angst vor ausfallenden Gasheizungen haben sich viele Menschen elektrische Heizgeräte zugelegt. Diese verbrauchen zum Heizen jedoch viel Strom. Könnte es im Winter neben einer Gas-Mangellage also auch zu einer Strom-Mangellage kommen? 

Die in Deutschland installierte Kraftwerksleistung betrug 2017 rund 200 GW, die höchste nachgefragte Leistung betrug 80 GW. Allerdings waren rund 90 GW nicht einsatzbereit (zum Beispiel Fotovoltaik). 2017 betrug die Reserve somit knapp 40 GW und somit etwa die Hälfte der Stromnachfrage. Allerdings trug die Windkraft mit rund 30 GW zur Deckung der Nachfrage bei. Bei einer Flaute steht diese Kapazität nicht zur Verfügung. Kernenergie steuerte 8 GW zur Erzeugung bei.

Weichen viele Haushalte bei einer Unterbrechung der Gasversorgung auf elektrische Kleinheizgeräte aus, könnte die Situation eng werden. Ebenso, wenn die wegen technischer Probleme abgeschalteten rund 30 französischen Kernkraftwerke nicht wieder ans Netz können. Frankreich heizt in hohem Maße mit Strom und könnte dann auf Lieferungen auch aus Deutschland angewiesen sein. Ein flächendeckender Blackout ist jedoch nicht zu befürchten, da die Netzbetreiber rollierend Last für einen überschaubaren Zeitraum abwerfen würden.


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