Renaissance der europäischen Fertigung

„Mehr OEMS denken darüber nach, wo Dinge hergestellt werden“

16. November 2022, 8:00 Uhr | Karin Zühlke
Bruno Racault
Bruno Racault, CEO von All Circuits: „Natürlich müssen wir bei all dem in der Lage bleiben, global zu denken und zu agieren, jedoch mit mehr Fokus auf „in Region“.
© AllCircuits

Die jüngsten und kommenden Krisen, von der Pandemie über die Disruption der Logistikketten bis zu andauernden Handelskrisen bringen ein Ende des kostengetriebenen China-Rausches und möglicherweise eine Renaissance der regionalen Fertigung in Europa...

... meint Bruno Racault, CEO von All Circuits, im Interview auf der electronica.

Markt & Technik: Herr Racault, woran machen Sie obige These fest?

Racault: In den letzten 12 bis 18 Monaten haben wir eine Änderung in der Einstellung unserer Kunden zu „made in Europe“ festgestellt, bzw. in unserem eigenen Fall, zu „made in France“. Wir haben signifikante Aufträge gewonnen, weil wir in Frankreich produzieren können. Kundennähe, vor allem im Designbereich werden wieder stärker geschätzt.

Markt & Technik: Was treibt diese Kundeneinstellung?

Racault: Nähe erzeugt mehr Vertrauen, vor allem im Hinblick auf die Endkunden unserer Kunden. Es stellt sich mehr und mehr heraus, dass dies die Risikoeinschätzung und das Risikomanagement leichter macht. Denken Sie an die letzten zwei Jahre: Geopolitik, Logistikkosten, Lockdowns, Supply-Chain-Komplexität, Arbeitsfluktuation und in manchen Fällen die Abhängigkeit von einzelnen Locations. Wir wechseln sozusagen von „just-in-time“ zu “just in case“.

Markt & Technik: Das hat aber auch finanzielle Konsequenzen. Was heisst das von der Kostenseite?

Racault: Wir sehen einen Shift dahingehend, dass immer mehr Unternehmen – OEMs, Markenunternehmen – darüber nachdenken, wo Dinge hergestellt werden und unter welchen Bedingungen. Warum? Weil deren Kunden, die Konsumenten darüber nachdenken. Und Soziale Medien machen es leichter, die Stimme der Kunden zu hören. Und wenn diese eine Problem mit Billiglöhnen, mit laschen Gesetzen oder schlechten Umweltbedingungen haben, sind OEMs und Markenunternehmen gut beraten, zuzuhören.

Markt & Technik: Wie sieht diese Renaissance der europäischen Fertigung denn aus?

Racault: Wir sehen sehr viele Technologietrends, die komplette Industrien und Infrastrukturen ändern werden und erhebliches Wachstum im Bereich der Elektronik und Elektronikfertigung versprechen: sehen Sie sich den Automobilmarkt an, das Auto der Zukunft – hauptsächlich E-Autos – wird mehr Technologie beinhalten als je zuvor; der Gesundheitsbereich wird technisierter; IoT und Künstlichen Intelligenz werden zu durchdringenden Technologien in Smart Cities, in der Intelligenten Fertigung und der öffentlichen Infrastruktur. All dies näher denn je am Endkunden und mit weniger Supply-Chain-Risiko – dies zusammen ergibt einen sehr soliden Ausblick für eine europäischen Fertigung.

Markt & Technik: Wird das nicht wieder ein Spiel der globalen Fertigungsplayer, wenn auch in Europa?

Racault: Naja, das hängt nicht zuletzt davon ab, wie gut sich vor allem die Westeuropäer aufstellen, um globale OEMs oder Markenunternehmen zu überzeugen. Es sollte dabei nicht um kurzfristige Zugewinne gehen, sondern um langfristige Modelle der Zusammenarbeit, die alle Stakeholder im Blick haben und das Ziel einer nachhaltigen Produktion forcieren. Ich rede hier vom klassischen Model der Corporate Responsibility, das vom Kunden über die Mitarbeiter bis zu den Gemeinden, in denen man tätig ist, alles berücksichtigt und auch in deren Augen einen Gewinn darstellt.

Markt & Technik: Bedeutet das das Ende der Globalisierung?

Racault: Natürlich müssen wir bei all dem in der Lage bleiben, global zu denken und zu agieren, jedoch mit mehr Fokus auf „in Region“. Das ist eine Herausforderung in Sachen Effizienz und unserer eigenen digitalen Transformatíon, hierin liegt aber die Chance: eine bessere Nutzung von Daten und Informationen, mehr KI in unseren eigenen Prozessen, sowohl in den technischen als auch den logistischen.

Markt & Technik: Wie denken Sie, kann Europa standhalten?

Racault: Indem man auf keinen Fall versucht, über den Preis zu gewinnen. Die EMS-Industrie hat komplexe Strukturen und damit auch Bedürfnisse. Mehr Intelligenz und Automation in den Fertigungsprozessen sind ein Muss, deshalb setzen wir verstärkt auf anpassungsfähige Fertigungszellen, die Schnelligkeit, Effizienz und Qualität erhöhen können.

Markt & Technik: Was sind die mittelfristig größten Herausforderungen?

Racault: Die jüngste Knappheit an Komponenten war ein Problem und wird sicher in der Zukunft wieder zur Herausforderung, aber viel dramatischer ist der Mangel an Fachkräften, der durch die zunehmende Arbeitslosigkeit aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Lage noch schlimmer wird. Die zunehmende Automation allein kann das nicht auffangen, wir müssen als Unternehmen mehr tun, um Talente zu fördern und Upskilling zu erreichen. Aber klar, wir stehen im Wettbewerb um Ingenieure, um Logistikexperten und System- und Prozessentwickler.

Markt & Technik: Sie können diese Fachkräfte aber nicht aus dem Hut zaubern, zumal jetzt Generationen an Ingenieuren in Pension gehen.

Racault: Wir benötigen die Unterstützung von Regierungen, die die Vision einer Fertigungsrenaissance mit vielen gut bezahlten Jobs teilen. Die französische Regierung ist hier sehr aktiv, sei es mit Beratung, mit Zuschüssen oder mit Krediten, und ich sehe das auch in anderen europäischen Ländern. Doch genauso wichtig ist es, dass die Kunden dies auch sehen und unterstützen – eine nachhaltige und umweltfreundliche Fertigung, die flexibel und robust genug ist, um die nächste Disruption besser zu meistern.

All Circuits Halle A1, Stand 240


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