Ausblick auf den Distributionsmarkt 2019

Holperdistolper, da wächst er!

14. Januar 2019, 10:51 Uhr | von Georg Steinberger, Chairman DMASS Ltd. und Vorstand FBDi e.V.

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Es muss ein anderes Innovationsmarketing her!

Der Markt selbst, oft unbeeinflusst von der Politik, erlebte eine sehr lange Wachstumsperiode mit entsprechenden Versorgungsengpässen, von denen einige (bei Kondensatoren) auch im neuen Jahr bestehen bleiben. Das Wachstum war 2017 großenteils getrieben von Preiserhöhungen, 2018 dagegen erschien zumindest bei den Halbleitern recht normal. Der Halbleitermarkt ist auch nicht homogen, da gibt es eine große Trennlinie zwischen den Speichern (hier fand ein massiver Kapazitätsausbau statt) und den Prozessoren (hauptsächlich Intel) auf der einen und den restlichen Halbleitern auf der anderen Seite. Ebenso inhomogen zeigten sich die Engpässe.

Wir sprechen bei Halbleitern von einer sehr komplexen Mischung aus IP, Design, Fertigungstechnologie (selbst oder Foundry), Testen und Packaging, die alle für sich Engpässe generieren können, in der Mischung von Problemen oder Änderungen dann umso mehr. Es sieht nicht so aus, als wären hier 2019 größere Probleme zu erwarten; die langen Lieferzeiten entspannen sich derzeit, mit punktuellen Ausnahmen.

Da ja der Löwenanteil des allgemeinen Halbleiterbedarfs von der Computer- und Smartphone-Industrie getrieben wird und die Fertigung zum größten Teil in Asien stattfindet, werden die in Europa dominierenden Bereiche Industrieelektronik und Automotive oft zum Kollateralschaden der oben genannten Massenprodukte. Wenn ein neues iPhone einfach mal 40 % mehr MLCCs benötigt als der Vorgänger, dann weiß man, wo es herkommt.

Zurück zur Frage: Womit ist 2019 zu rechnen, für den Markt in Europa und die Distribution? Geht man davon aus, dass wir derzeit eine eher weiche Supply-Chain-Korrektur erleben, mit Lagerbereinigungen, Backlog-Verschiebungen etc., dann wird wohl 2019 eher schwach beginnen gegenüber 2018, im niedrigen einstelligen Prozentbereich wachsen, um dann ab Herbst 2019 wieder anzuziehen. In US-Dollar wuchs der europäische Halbleitermarkt 2018 um rund 13 %, allerdings unbereinigt um Währungseffekte. In Euro dürften es eher um die 8 % gewesen sein. Dass die Distribution mit ca. 6 bis 6,5 % hinterherhinkte, ist nicht überraschend, da sich wohl die Verfügbarkeitsproblematik in der Distribution stärker auswirkte, als auch etliche große Hersteller angefangen haben, signifikante Distributionskunden selber zu betreuen.

Für 2019 rechnet der WSTS in Europa mit knapp 2 % Wachstum in Dollar, und so ähnlich könnte es wohl auch in Euro laufen. Zwischen allgemeinem Markt und der Distribution dürfte dabei kein großer Unterschied herrschen. Was tatsächlich passiert, wird sich zeigen.

Die grundsätzlichen Fragen aber – die auch die Marktentwicklung wesentlich beeinflussen werden – sind:

  • Wann kommt IoT tatsächlich? Angeblich gibt es bei vielen IoT-Projekten erhebliche Herausforderungen, die eher kommerzieller Natur sind.
  • Ab wann spielt KI tatsächlich eine Rolle, die auch Hardware- (und damit Komponenten-) Umsätze treibt?
  • Wie schnell entwickelt sich der notwendige Umbau der Automobilindustrie (E-Mobility, aber auch Autonomous Vehicles)?
  • Wann unternehmen die Regierungen endlich größere Anstrengungen in puncto Klima? Dies hätte massive Infrastruktur-Innovationen zur Folge und könnte den Elektronikbedarf rasant voranbringen.
  • Wann werden Startups und der Maker-Markt tatsächlich wesentlich zur Marktentwicklung beitragen? Es klingt sexy drüber zu reden, aber bei der geringen Erfolgsrate von Startups…

Ich will damit nur auf den Unterschied hinweisen zwischen dem riesigen Potenzial und der Realität – wenn sich Europas Halbleitermarkt ähnlich verdoppeln soll wie der Weltmarkt (dank KI) auf rund 100 Milliarden US-Dollar 2030 (die Distribution nimmt gern 30 % davon), das wären dann 7 % pro Jahr. Dann muss aber einiges an Entwicklungen, Entscheidungen und Umbaumaßnahmen passieren, denn auch die selbstlernenden Maschinen werden wohl ihre Speichererweiterungen und zusätzliche Prozessorleistung nicht selber erfinden und bestellen.

Vor allem muss in Deutschland mal ein anderes Innovationsmarketing her, damit die Inkubationszeiten für neue Technologien kürzer werden. Nur mal ein Beispiel: Heimvernetzung ist nach 30 Jahren seit den ersten Erfindungen in der Richtung für viele Bauherren, Architekten und Planer immer noch ein Fremdwort bzw. für Systemanbieter das Signal zur Abzocke. Es gibt viel zu tun; 2019 ist ein gutes Jahr, damit anzufangen.


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