Schwerpunkte

Carlos Ghosn reist aus

Flucht in James-Bond-Manier

01. Januar 2020, 13:03 Uhr   |  Heinz Arnold

Flucht in James-Bond-Manier
© Marwan Naamani/dpa

Das Haus des ehemaligen Nissan-Vorsitzenden Ghosn in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

Wie konnte Carlos Ghosn die Ausreise aus seinem überwachten Haus mitten in Tokio gelingen? Peinlich für Japan, heikel für Frankreich und den Libanon.

»Ich bin nicht vor der Justiz geflohen, ich habe mich von der Ungerechtigkeit und vor politischer Verfolgung befreit. Ich kann jetzt frei mit den Medien kommunizieren und werde das ab nächster Woche tun«, erklärte Carlos Ghosn über einen Sprecher zu seiner überraschenden Ausreise in den Libanon, wo er sich in Beirut in einem eigenen Anwesen mit seiner Frau Carole aufhält.

In Japan hatte Ghosn nach seiner Freilassung auf Kaution im Zentrum von Tokio unter Hausarrest gewohnt. Wie »Le Monde« wissen will, sei die Überwachung durch die Polizei, die Staatsanwaltschaft und auf privater Basis durch Nissan nicht sehr streng gewesen.

Zu den Auflagen seiner Freilassung auf Kaution gehörte, dass er Japan nicht verlassen durfte. Deshalb hatten die japanischen Behörden seinen Pass eingezogen. Der japanischen Ausländerbehörde lagen nach eigenen Angaben keine Informationen über die Ausreise Ghosn vor. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte sie die Strafverfolgungsbehörden eingeschaltet. Auf jeden Fall hat Ghson mit seiner spektakulären Flucht in James-Bond-Manier in der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember gegen die Kautionsbedingungen verstoßen.

Vor allem überrascht hat Carlos Ghosn seine japanischen Rechtsanwälte. Deren Chef, Junichiro Hironaka, sei nach eigenen Worten wie vor den Kopf gestoßen, er hätte alles aus dem Fernsehen erfahren. Ghosn hätte ihn zuvor nicht eingeweiht. Auch Mitarbeiter der französischen Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP), die mit ihm regelmäßig in Kontakt standen, haben nach eigenen Worten keine Hinweise erhalten: Ghosn schien nach wie vor damit beschäftigt, seinen Prozess in Japan vorzubereiten.

Er sollte in diesem Jahr stattfinden. Ghosn hatte behauptet, dass das japanische Justizsystem ihn bereits vorverurteilt hätte und unter politischen Einfluss stünde. Falls er schuldig gesprochen worden wäre, hätte ihm eine mehrjährige Haftstrafe in Japan gedroht. Die japanische Staatsanwaltschaft hatte ihn wegen Verstößen gegen das Finanzmarktgesetz und wegen Veruntreuung angeklagt.

Wie er aus Japan ausreisen – etwa unter falschen Namen – und in den Libanon einreisen konnte, ist bisher unklar. Laut einer libanesischen Zeitung ist er in einem Flugzeug türkischer Herkunft in Beirut eingeflogen. Die libanesische Zeitung al-Nahar zitiert den libanesischen Staatsminister Salim Jreissati mit den Worten, dass er legal mit einem französischen Pass über den Rafik-Hariri-Flughafen eingereist sei. Ghosn besitzt die libanesische, die brasilianische und die französische Staatsbürgerschaft. Er ist in Brasilen geboren, wuchs aber größtenteils im Libanon auf, aus dem seine Eltern stammen.

In Japan war Ghosn nach Zahlung einer Kaution in Höhe von 8,2 Mio. Euro unter sehr strengen Bedingungen – unter anderem durfte er seine Frau nicht sehen – aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Seine japanischen Rechtanwälte hatten die Bedingungen seiner Freilassung auf Kaution kritisiert und hielten sie weder mit der japanischen Verfassung noch mit dem internationalen Recht für vereinbar.

Kaum Unterstützung aus Frankreich

Wie »Le Monde« schreibt, habe die französische Regierung Ghosn während des vergangenen Jahres kaum unterstützt. Agnès Pannier-Runacher, Staatssekretärin im von Bruno Le Maire geführten Wirtschafts- und Finanzministerium, hatte in »France Inter« daran erinnert, dass Ghosn ein Bürger wie jeder andere wäre und nicht über dem Gesetz stünde. Wenn in Frankreich ein unter Verdacht stehender Ausländer sich der französischen Justiz entziehen würde, wäre die französische Regierung auch sehr verärgert. Die Regierung habe nach eigenen Angaben keine Hinweise auf die Ausreise Ghosns gehabt und wisse über die Umstände nicht Bescheid.

Weil zwischen dem Libanon und Japan kein Austauschabkommen besteht, könnte der Prozess gegen Ghosn in Japan wohl ohne den Hauptangeklagten stattfinden.

Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenAuf Linkedin teilenVia Mail teilen

Das könnte Sie auch interessieren

99,8 % stimmen gegen Ghosn
Ghosn-Affäre weitet sich aus
Ghosn hat Einkünfte verschwiegen
Flucht in den Libanon
Ghosn im Instrumentenkoffer entkommen
Von der Festnahme bis zur Flucht

Verwandte Artikel

Nissan Center Europe, Renault Deutschland AG