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Digitale Bedienfelder

Wie beeinflusst das Touchscreen-Urteil die Auto-Entwicklung?

05. August 2020, 13:00 Uhr   |  Ute Häußler

Wie beeinflusst das Touchscreen-Urteil die Auto-Entwicklung?
© Marvin Meyer | Unsplash

Wenn die Bedienung eines Touchscreens während der Fahrt nicht erlaubt ist: Was bedeutet das für die Innenraumgestaltung und digitale Bedienkonzepte im Auto?

Touchscreens galten als Revolution für die einfache Bedienung im Auto. Jetzt wurde ein Tesla-Fahrer verurteilt, weil er damit seinen Scheibenwischer einstellte und von der Strasse kam. Die Krux: Der übliche Lenkradhebel fungierte nur als Ein-/Aus-Schalter. Doch die Verantwortung liegt beim Fahrer.

Das Oberlandesgericht in Karslruhe hat in zweiter und letzter Instanz den im Auto verbauten Touchscreen als elektronisches Gerät i.S.d. § 23 Abs. 1a S. 1 u. 2 StVO eingestuft – es gelten während der Fahrt damit die selben Regeln für das digitale Bedienfeld wie für ein Handy.

Im zugrundeliegenden Fall war ein Mann zu einem Fahrverbot veruteilt wurden, weil er im März 2019 in Folge der Bedienung seines Scheibenwischers einen Unfall baute. Er kam im abendlichen Regen von der Strasse ab, durchschlug eine Böschung und streifte mehrere Bäume – gott sei dank ohne Personenschaden. Das Gericht sah es schon in erster Instanz als erwiesen an, dass der Grund für den Unfall in der Bedienung des »fest neben dem Lenkrad über der Mittelkonsole des Fahrzeugs installierten Berührungsbildschirm (Touchscreen)« und »aufgrund nicht angepasster Blickzuwendung auf den Bildschirm und der damit verbundenen Blickabwendung vom Verkehrsgeschehen« geschah. Der Mann hatte also zu lange am Display rumgewerkelt und sollte zum Fahrverbot 200 Euro Strafe zahlen, er ging daraufhin in Revision. Denn er hatte seiner Meinung nach in seinem Tesla gar keine andere Möglichkeit, den Intervall des Scheibenwischers einzustellen. In dem amerikanischen Elektroauto kann der Scheibenwischer per Hebel am Lenkrad nur an- oder ausgeschaltet, jedoch nicht geregelt werden. Dies funktioniert über den digitalen Berührungsbildschirm in einem Untermenü – zu tief ‘versteckt’ für den erlaubten kurzen Blick. Der Fahrer hatte nicht bedacht: Ein erneutes Aus-/Ein-Schalten hätte den gewünschten Effekt ebenfalls erzielt und mit aktiviertem Autopiloten zum Spurhalten hätte er alle Ruhe für die Displaybenutzung gehabt. Nach einem Software-Update kann die Frequenz mittlerweile auch über die Sprachsteuerung verändert werden. Auch wenn sich mehrere Tesla-Fahrer im Tff-Forum sehr unzufrieden mit der Wischautomatik und Frequenz der Scheibenwisch-Anlage äußern und die Einstellung bei Tesla sicherlich umständlich oder zumindest ungewöhnlich geregelt ist: der Fahrer muss sich mit seinem Auto vertraut machen und Einstellungen verkehrssicher durchführen.

Was bedeutet das Urteil für die Auto-Entwicklung?

Das OLG Karlsruhe hat folgerichtig entschieden, dass »auch die Einstellung der zum Betrieb des Kraftfahrzeugs notwendiger Funktionen über Touchscreen (hier: Einstellung des Wischintervalls des Scheibenwischers) nur gestattet ist, wenn diese mit einer nur kurzen, den Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen angepassten Blickzuwendung zum Bildschirm bei gleichzeitig entsprechender Blickabwendung vom Verkehrsgeschehen verbunden ist«. Das Urteil ist bestätigt und rechtskräftig. Sprich: da die Einstellung am Display zu lange braucht, hätte der Fahrer zum Einstellen des Intervalls anhalten müssen oder auf eine der anderen (für ihn wohl noch neuen) Möglichkeiten zurückgreifen sollen. Dementsprechend hat das Urteil für Tesla keine Konsequenzen, der Wagen ist vom Kraftfahrzeugbundesamt geprüft und ordnungsgemäß zugelassen – verfügt also über alle Funktionen, ihn auf deutschen Strassen sicher zu führen.

Dennoch dürfte der Gerichtsentscheid die Autobauer beschäftigen und könnte ein Überdenken des Designs von Fahrzeug-Innenräumen anregen. Armaturenbrett-große Touchscreens, ohne die manche Funktionen nicht mehr eingestellt werden können, sind speziell in Elektroautos ein großer Trend. Doch die vom Gericht angeführte, länger andauernde "Blickabwendung vom Verkehrsgeschehen" gilt als Sicherheitsrisiko und ist damit während der Fahrt nicht erlaubt, komplizierte Menüführungen ausgeschlossen.

Statements von Mercedes, Audi und BMW

Auf Rückfrage sagen Mercedes, BMW und Audi recht einheitlich, dass das Urteil für sie keine größeren Auswirkungen auf die Entwicklungsprozesse haben wird. Laut Mercedes »bedingt [das Urteil] aber keine neuen Anforderungen etwa in Bezug auf das zulässige Maß einer Blickabwendung bei der Nutzung eines Touchscreens«. Die drei Autobauer verweisen darauf, dass in ihren Autos alle Grundfunktionen direkt erreichbar seien und alle internationalen Standards eingehalten sind. Bei Audi zählen dazu etwa Blinker, Scheibenwischer sowie längs- und querregelnde Fahrerassistenzsysteme. BMW betont, dass diese »sicherheitsrelevanten Grundfunktionen ... auch in Zukunft direkt bedienbar [bleiben], z.B. über physische Schalter, Lenkstockhebel, usw.« Nicht-essentielle Funktionen wie Navigation, Radio und Telefon werden bei den Fahrzeugherstellern über das Display geregelt und dieses wird mit zahlreichen Tests und Studien so einfach bedienbar wie möglich entwickelt. Ablenkungsintensive Funktionen wie Textnachrichten sind oft nur aus dem Stand aktiv, ein generelles Abschalten würde aber die Bedienung durch den Beifahrer unmöglich machen. Die Hersteller beschreiben in dem Zuge auch ihre jeweiligen Sicherheitssysteme und Komfortbedienelelemente wie etwa Lenkradschalter, Sprachsteuerung, Touchscreens »ohne aufwändige Untermenüs« (Zitat Mercedes) und für bestimmte Funktionen auch die Gestensteuerung. Audi bringt den Grundtenor aller Antworten auf den Punkt: »Wir geben dem Fahrer alle Voraussetzungen, seine Fahraufgabe ohne Ablenkung wahr zu nehmen. Die Verantwortung dafür liegt jedoch letztendlich bei ihm«.

Die Sicherheit von Touchscreen regt den Erfindergeist und die Kreativität der Auto-Entwickler auf jeden Fall an: Jaguar Land Rover hat zusammen mit der Universität Cambridge die Predictive-Touch-Technologie entwickelt, die den Kontakt mit der Oberfläche des Bedienfeldes überflüssig macht und den Fahrer damit nicht ablenkt. Auch wenn neue technische Gadgets die Display-Bedienung noch bequemer und sicherer machen sollen – am Ende ist allein der Fahrer verantwortlich. So bitter es klingt, der Tesla-Fahrer hätte halten müssen, um dem Regen und dem Display Herr zu werden. Oder vorab das Handbuch lesen.

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