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Wie Musik in meinen Ohren

22. Juli 2021, 09:24 Uhr   |  Irina Hübner

Wie Musik in meinen Ohren
© Elektronik | WEKA Fachmedien

Irina Hübner ist Redakteurin bei der Elektronik automotive

Seit 1. Juli müssen neue Elektroautos künstliche Geräusche erzeugen, zum Schutz anderer Verkehrsteilnehmer. Wie sinnvoll das ist und welche Blüten die neue Regelung treibt. Ein Kommentar.

Beim Anfahren und bis zu einem Tempo von 20 km/h sowie beim Rückwärtsfahren ist laut der europäischen AVAS-Verordnung (Acoustic Vehicle Alerting System) nun ein Lärmpegel zwischen 56 und 75 dB einzuhalten. Die Fahrzeuge müssen damit mindestens so laut wie ein brummender Kühlschrank und höchstens so laut wie eine Waschmaschine im Schleudergang sein.

Der künstlich aufgezwungene Geräuschpegel sorgt für Kritik. Unter anderem der VDA und Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer beanstanden, die AVAS-Pflicht mache einen der größten Vorzüge elektrischer Antriebe zunichte – die (Nahezu-)Geräuschlosigkeit, die sich insbesondere auf den innerstädtischen Verkehrslärm überaus positiv auswirke. Intelligente Systeme wie Notbremsassistenten seien deutlich zeitgemäßere Maßnahmen, um Fußgänger zu schützen.

Die Autohersteller hingegen machen aus der Not eine Tugend und werden kreativ. Die Vorgaben der EU lassen dabei viel Freiraum, denn sie besagen nur, dass das Warnsystem eindeutige Hinweise auf ein fahrendes Auto und dessen Fahrverhalten geben muss. Der Sound soll darüber hinaus mit dem Geräusch eines Verbrenners der gleichen Fahrzeugklasse vergleichbar sein. Ein individuelles Klangerlebnis könnte also zum neuen Erkennungszeichen werden, mit der sich Automarken und -modelle voneinander abheben.

Ideen für das neue Markenmerkmal von Elektroautos gibt es bereits viele: BMW engagierte eigens den Filmmusikkomponisten Hans Zimmer, dessen »Musik« nun beim SUV iX3 zu hören sein wird. VW arbeitete mit Leslie Mandoki, ehemals Mitglied der Band Dschinghis Khan, für den Elektroauto-Sound der ID-Reihe zusammen. Bei Audi wurden 32 verschiedene Tonspuren für den unverwechselbaren Klang des e-tron GT kombiniert. Mercedes setzt aktuell auf Fahrgeräusche, die sich eher wenig vom Klang der Verbrennermodelle unterscheiden. Mercedes-AMG hingegen hat in Zusammenarbeit mit der Band Linkin Park ein Soundkonzept erarbeitet.

Spielereien, wie sie in den USA möglich sind, bleiben uns in Europa jedoch erspart: Bei Teslas Boombox lässt sich der Autosound individuell nach den eigenen Vorstellungen variieren. Von einem »normalen« Motorengeräusch bleibt dann vermutlich nicht mehr viel übrig.

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