Autonomes Fahren

Reiseübelkeit nicht durch optische Informationen lösbar

9. Dezember 2020, 14:00 Uhr | Stefanie Eckardt
Das Thema Reiseübelkeit sollt beim zukünftigen autonomen Fahren nicht unterschätzt werden. Doch lässt es sich so einfach lösen. Damit hat sich das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen auseinander gesetzt.
Das Thema Reiseübelkeit sollt beim zukünftigen autonomen Fahren nicht unterschätzt werden. Doch lässt es sich so einfach lösen. Damit hat sich das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen auseinander gesetzt.
© Max-Planck-Institut

Autonome Fahrzeuge bringen Herausforderungen mit sich, z.B. das erhöhte Risiko, dass die Insassen unterwegs unter Reiseübelkeit leiden. Allein durch optische Informationen, die über Displays eingespielt werden, wird sich das nicht lösen lassen, so das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik.

Viele Autoreisende haben es schon einmal erlebt: Während der Fahrer den Wagen unbehelligt über die kurvige Landstraße steuert, überkommt die Mitreisenden nicht selten eine unangenehme Übelkeit – vor allem dann, wenn sie auf der Rückbank oder gegen die Fahrtrichtung sitzen oder wenn sie während der Fahrt die Nase in ein Buch stecken und daher nicht sehen, wohin die Reise geht. »Reisekrankheit ist eine große Herausforderung für die Entwicklung autonomer Fahrzeuge«, erklärt Heinrich Bülthoff, Emeritus-Direktor am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen. »Wenn wir an geschlossene Kabinen denken, die in der Zukunft quasi als fahrendes Büro dazu dienen sollen, Reisezeit sinnvoll zu nutzen, müssen wir dieses Problem lösen

Wie es zur Reisekrankheit kommt, ist bislang nicht endgültig geklärt. Einer gängigen Theorie nach könnte die Ursache in einem sensorischen Konflikt liegen: Die Bewegung und die Erwartung daran stimmen nicht überein. Demnach müsste es helfen, den Insassen im Fahrzeug möglichst genaue Informationen über die bevorstehende Bewegung – Beschleunigung, Kurven, Abbremsen und so weiter – zu geben. Tatsächlich kamen in der Vergangenheit einige Studien zu dem Schluss, dass selbst simple Blinkzeichen, die etwa eine Kurve ankündigen, bereits dazu beitragen können, das Risiko für Reiseübelkeit etwas zu mindern. Für das Max-Planck-Institut stellte sich daher die Frage, ob es mit besseren visuellen Informationen gelingen könnte, das Problem weitestgehend zu lösen.

Das Ergebnis war jedoch ernüchternd, denn die Forscher konnten keine Linderung der Reiskrankheit während der Simulationen beobachten – nichts, was erfolreicher war als beispielsweise aus dem Fenster zu schauen. Für die Forschenden konnte das zweierlei bedeuten: Entweder man brauche zusätzliche sensorische Informationen zur Fahrtstrecke, die auch andere Sinne mit einbeziehen, also zum Beispiel akustische Signale oder veränderte Vibration. Oder aber die Schlussfolgerung, dass die bisherigen Annahmen zum Ursprung der Reisekrankheit unvollständig sind und die Übelkeit andere Ursachen hat.

Heinrich Bülthoff sieht für die Entwicklung autonomer Fahrzeuge außerdem die Notwendigkeit, ein möglichst ruhiges Fahrverhalten der Kabinen zu erreichen. »Politiker arbeiten häufig im fahrenden Auto«, zog er ein Beispiel heran. »Sie haben in der Regel aber auch außerordentlich gut geschulte Chauffeure, mit einem höchst vorausschauenden und dadurch sehr ruhigen Fahrstil.« Darüber hinaus werde man nach seiner Ansicht bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge aber immer für ausreichende Sicht nach draußen sorgen müssen – insbesondere in Fahrtrichtung. »Und wenn es dann statt über die Autobahn auf eine kurvenreiche Strecke geht, werden die Insassen auch in Zukunft wahrscheinlich nicht drum herumkommen, ihre Computer und Akten zuzuklappen und nach vorne aus dem Fahrzeug auf die Strecke zu schauen.«


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