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Open Source in der Automatisierung

»Monokulturen sind immer anfällig«

Auf dem Raspberry Pi Compute Module 4 beruht der RevPi 4, die vierte Generation des Revolution Pi von Kunbus.
Auf dem Raspberry Pi Compute Module 4 beruht der RevPi 4, die vierte Generation des Revolution Pi von Kunbus.
© Kunbus

Auch in der Automatisierungstechnik geht der Trend hin zu Open Source. Boris Crismancich und Nicolai Buchwitz von Kunbus erläutern, warum das so ist – und verraten, was ihr Unternehmen in diesem Herbst präsentiert.

Herr Crismancich, welche Bedeutung haben Open-Source-Hard- und -Software derzeit in der Automatisierungstechnik, und welche werden sie in absehbarer Zukunft haben?
Boris Crismancich, Business Development Manager bei Kunbus: Alle großen Marktteilnehmer haben mittlerweile begriffen, dass Open Source ein wichtiges Thema ist und immer wichtiger wird. Die Anwender haben nämlich festgestellt, dass es keinen Sinn hat, sich auf einen Vendor-Lock-in einzulassen, weil sie dann nur Geräte und Lösungen ein und desselben Herstellers einsetzen können. Zunächst haben viele Hersteller versucht, sich nur halb zu öffnen: Sie haben behauptet, komplett offen zu sein, aber die Premium-Features auf ihre eigenen Geräte beschränkt, so dass die Geräte von Drittherstellern Geräte zweiter Klasse waren.

Die Probleme, die ein Vendor-Lock-in mit sich bringen kann, sind nicht neu. Warum aber werden sie derzeit so akut?
Der Grund dafür ist die Entwicklung der industriellen Kommunikation hin zum IIoT. Weil die Anwendungsszenarien des IIoT sehr divers sind, bedarf es einer Interoperabilität aller integrierten Devices. Ob Steuerungen, Bussysteme, Sensoren – es muss alles mit allem funktionieren. Und angesichts dessen auf ein geschlossenes System eines einzigen Anbieters zu setzen, klappt im IIoT-Zeitalter genauso wenig wie ein Smartphone zu bauen, das nur mit Apps des Geräteherstellers ausgestattet ist.

Boris Crismancich, Kunbus: »Diverse Systeme sind grundsätzlich resilienter als Monokulturen.«
Boris Crismancich, Kunbus: »Diverse Systeme sind grundsätzlich resilienter als Monokulturen.«
© Kunbus

Wäre es für Anwender nicht schön, wenn sie einfach zu einem Unternehmen gehen könnten und sagen, erstelle mir doch bitte für meine Applikation ein Automatisierungssystem?
Doch, das wäre wunderbar einfach, wenn die Komponenten wirklich gut zusammenspielen würden. Entscheidend ist jedoch, das Ganze von der Anwendung her zu betrachten. Zu der Zeit, als die Geräte nur für einen einzigen Use Case funktioniert haben, war es natürlich die Methode der Wahl, alle Komponenten von ein und demselben Hersteller zu beziehen. Heutzutage haben wir aber beispielsweise in der Consumer-Elektronik nicht mehr Schreibmaschinen, sondern Smartphones und Tablets. Und die Entwicklung in der Industrie wird einen ganz ähnlichen Weg gehen, weil es angesichts der zunehmenden Komplexität und Komponentenvielfalt immer mehr Sinn hat, auf Spezialunternehmen zurückzugreifen, die bestimmte Dinge wie etwa eine Ex-Sensorik oder eine Machine-Learning-App besser können.
Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass der Hersteller, aus welchen Gründen auch immer, plötzlich nicht mehr liefern kann – dann haben die Anwender ein massives Problem. Monokulturen sind immer anfällig. Wenn ich aber ein diverses System betreibe, habe ich weniger Single Points of Failure sowie eine resilientere Hardware-Architektur und Gesamt-Infrastruktur.

Damit all die Komponenten interoperabel sein können, braucht es aber allgemein anerkannte Kommunikationsstandards.
Ja. Genau das ist der Grund, warum beispielsweise der VDMA beschlossen hat, auf OPC UA zu setzen.

Nicolai Buchwitz, Kunbus: »Die neue Generation des Revolution Pi wird ganz neue Anwendungsfelder möglich machen.«
Nicolai Buchwitz, Kunbus: »Die neue Generation des Revolution Pi wird ganz neue Anwendungsfelder möglich machen.«
© Kunbus

Herr Buchwitz, welche Rolle spielt das Vordringen von IT-Unternehmen in den OT-Bereich für den Trend in Richtung Open Source?
Nicolai Buchwitz, Produktmanager für die Revolution-Pi-Familie: Mit der Verschmelzung von IT und OT zu IoT oder IIoT sehen sich immer mehr klassische IT-Unternehmen, die aus der Software-Entwicklung kommen, auf dem OT-Markt um und bieten dort Lösungen an. Das sind aber Unternehmen, die nicht aus einer Welt kommen, in der es Anbieter kompletter Automatisierungssysteme mitsamt der entsprechenden Software gibt, sondern aus einer Welt, in der mit Linux-Computern auf Basis vorhandener Software-Bibliotheken oder Programmiersprachen wie Python Produkte entwickelt werden. Sie erwarten von einem modernen Automatisierer heutzutage auch, eine Plattform mit genau diesen Technologien bereitzustellen.

Last but not least: Welche Neuheit stellt Kunbus in diesem Herbst vor?
Wir präsentieren eine neue Generation des Revolution Pi, unseres industrietauglichen Open-Source-PCs auf Basis des Raspberry Pi. Anstelle des Raspberry Pi Compute Module 3 beruht der RevPi 4 auf dem Compute Module 4 und bietet dadurch mehr CPU-Kerne, mehr Leistung und mehr Arbeitsspeicher. Gigabit Ethernet hält Einzug mit zwei Anbindungen. Unsere Pi-Bridge für die interne Kommunikation zu und zwischen angeschlossenen Modulen wird erneuert, so dass Module mit verkürzten Zykluszeiten angeschlossen werden können, was gerade für Industrial-Ethernet-Bussysteme interessant sein dürfte. Mittels einer nativen Bluetooth- und WLAN-Funktion wird sich Automatisierungstechnik drahtlos anbinden lassen. Die erhöhte CPU-Leistung der neuen Generation wird auch ganz neue Anwendungsfelder möglich machen - über die klassische Edge Connectivity und Datenanbindung hinaus bis hin zu einfachen Machine-Learning- und Predictive-Maintenance-Szenarien.


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