Rohde & Schwarz Geschäftsführer Alexander Philipp wird in seiner Keynote auf der Enforce Tac Conference 2026 die Auswirkungen der „Zeitenwende 2.0“ auf die Sicherheitsindustrie beleuchten. Im Interview mit Markt&Technik thematisiert er neue Möglichkeiten für die Elektronik- und IT-Zulieferer.
Markt& Technik: Herr Philipp, wie Sie in Ihrer Keynote auf der Enforce Tac Conference ausführen werden, sehen sich Europa und Deutschland sich aktuell mit einer massiv veränderten Bedrohungslage konfrontiert. Wie muss sich die Ausstattung der Streitkräfte aus Ihrer Sicht verändern, um diesen Bedrohungen begegnen zu können?
Alexander Philipp, Geschäftsführer der Rohde & Schwarz Vertriebs-GmbH: Eine deutlich bessere Ausstattung ist nicht nur für die Bundeswehr nötig, auch wenn diese im Verteidigungsfall natürlich von zentraler Bedeutung ist. Wir müssen die kritischen Infrastrukturen hierzulande ebenfalls stärken. Denn was bedeutet es beispielsweise für die Infrastruktur der Verkehrswege wie Autobahnen oder auch die Bahn, wenn Deutschland als NATO-Drehkreuz fungieren und die Zivilgesellschaft gleichzeitig weiter funktionieren muss? Zudem gilt es, Anlagen der kritischen Infrastruktur – nicht nur für militärische, sondern auch für andere, kritische Güter – gegen Angriffe durch Drohnen oder hybride Attacken zu schützen. Auch solche Aspekte müssen die Verantwortlichen in die Planungen gesamtstaatlicher Sicherheit mit einbeziehen, und das ist mit ein Grund, warum die ‚Bereichsausnahme‘ bei der Schuldenbremse durch den Gesetzgeber auf einen weiteren Sicherheitsbegriff gefasst wurde.
Sie sprechen die ‚Zeitenwenden‘ der deutschen Regierungen Scholz und Merz an. Welche Möglichkeiten ergeben sich dadurch für die Industrie?
Vor der ‚Zeitenwende‘ lag der deutsche Verteidigungshaushalt bei etwa 50 Milliarden Euro pro Jahr. Davon wurden etwa 90 Prozent vorwiegend für Betrieb, Materialerhalt und -nutzung verbraucht und nur 10 Prozent standen für echte Investitionen zur Verfügung. Diese jährlich rund fünf Milliarden Euro waren immer noch eine große Summe, aber verglichen mit den tatsächlich nötigen Investitionen dann doch stets zu wenig.
Dadurch, dass der Bereich Verteidigung im Rahmen der ‚Zeitenwende 2.0‘ nun von den Regeln der Schuldenbremse ausgenommen wird, stehen nicht nur einmalig die 100 Milliarden Sondervermögen zur Verfügung, sondern man kann jetzt langfristig bedarfsgerecht investieren. Hieß es salopp gesagt bisher immer: ‚Wir haben nur begrenzte Mittel, aber ewig Zeit‘, hat sich dies deutlich geändert – wir haben nun die erforderlichen Mittel zur Verfügung, doch nur eine sehr begrenzte Zeit, Deutschland und Europa in die Lage zu versetzen, sich gegen drohende Angriffe zur Wehr zu setzen. Dies sicherzustellen, mit hieraus erforderlichen Änderungen bei den Lieferketten und Ausbau der Produktionskapazitäten, darin sehe ich die große gemeinsame Herausforderung.
Die neue Enforce Tac Conference |
|---|
|
Mit dem Thema "Challenges and Opportunities for the Security Industry in the Wake of 2.0 Revolution" ist Alexander Philipp einer von vier Keynote-Sprechern auf der neuen Enforce Tac Conference am 23. Februar 2026 in Nürnberg. Als Diskussionsplattform für den Einsatz von Elektronik in der Sicherheits- und Verteidigungstechnik wird die Konferenz erstmals das Angebot der Fachmesse Enforce Tac in Nürnberg ergänzen und sich Fragen widmen wie:
Die Enforce Tac Conference bietet die ideale Plattform für den Austausch zwischen der Verteidigungsindustrie, den zahlreichen Zulieferern, der Elektronikbranche sowie der Forschung zum Einsatz von Elektronik für die Lösung der Herausforderungen in Anwendungen der Verteidigungs- und Schutztechnologien von heute und morgen – im bewährten, geschützten Rahmen der Enforce Tac als internationale Fachmesse für innere und äußere Sicherheit. |
Wie sieht diese Herausforderung konkret aus? Welche Technologien und Strukturen müssen aufgebaut werden?
Beschaffungen haben sich spürbar beschleunigt. In der nächsten Zeit kommt davon auch spürbar etwas bei den Nutzern und Bedarfsträgern an. Es geht dafür aber los bei den Lieferketten – auch wenn es sich nicht vermeiden lässt, dass viele Komponenten auf dem Weltmarkt derzeit nur aus Fernost kommen, müssen wir in Deutschland oder zumindest in Europa unsere Chips absehbar selbst fertigen können. Und wir brauchen verlässlichen Zugriff auf andere knappe Ressourcen und Materialien.
Das muss die Politik durch strategische Maßnahmen sicherstellen, aber auch in der Industrie muss jedes Unternehmen eigenverantwortlich schauen, wie tief die eigene Wertschöpfung ist und wie kurz oder lang und wie robust die eigenen Lieferketten sind. Dabei muss man genau hinsehen, denn auch mehrere verschiedene im Wettbewerb agierende Auftragnehmer bringen gar nichts, wenn alle drei wiederum ihre Komponenten aus einer einzigen Quelle im Ausland beziehen. Brennt dieses Werk ab oder stellt dies aus den verschiedensten Gründen die Lieferungen ein, können alle drei nicht liefern.
Dies sind alles Maßnahmen mit einem recht weitreichenden Zeithorizont. Wie muss sich das aus Ihrer Sicht auf die Planung und Auftragsvergabe an die direkten Auftragnehmer und Zulieferer auswirken?
Ganz wichtig und für beide Seiten sinnvoll sind Geschwindigkeit bei der Auftragsvergabe und wirtschaftliche Planbarkeit bei gleichzeitiger technischer Flexibilität. Ich bin kein Freund von Planwirtschaft, also auf zehn Jahre im Voraus festzulegen, was genau zu liefern ist. Aber eine gewisse Planbarkeit ist nötig – wir reden hier von zwei bis fünf Jahren, je nach Industriezweig vielleicht auch etwas mehr. Nehmen Sie nur den Bereich Personalplanung: Niemand kann und will neue, hoch qualifizierte Mitarbeitende in großer Zahl einstellen, wenn sie bereits im folgenden Jahr möglicherweise wegen mangelnder Budgetplanung des Auftraggebers nicht mehr ausgelastet werden können.
Es liegt an uns als Industrie, gemeinsam mit den Ministerien und Beschaffungsorganen, langfristige Verträge für anerkannte Bedarfe so zu gestalten, dass Produktionskapazitäten sicher abgerufen werden, aber noch eine gewisse Flexibilität bleibt, was genau produziert wird. Positiver Nebeneffekt einer solchen verlässlichen Flexibilisierung wäre, dass die die Abnehmer 2030 nicht noch Technik geliefert bekommen, die mittlerweile aber veraltet ist – wovon zum Beispiel im digitalen Bereich fast sicher auszugehen ist. Die Adaptionsfähigkeit muss hierüber mit „eingebaut“ werden.
A propos digitaler Bereich: Welche Rolle spielt die Digitalisierung in diesem Zusammenhang?
Als Industrie, aber auch als Gesellschaft insgesamt müssen wir die Digitalisierung deutlich voranbringen. Damit gehen aber auch Bedrohungen einher, mit denen wir umgehen müssen. Diese Bedrohungen sind vielschichtig, von direkten Angriffen gegen IT-Infrastruktur wie Server oder Rechenzentren bis zu Attacken auf die Gesellschaft mit Desinformationskampagnen und KI-generierten Deep Fakes zum Beispiel über die Sozialen Medien. Die Vielfalt von Schnittstellen und offene Architekturen bringt eben auch Anfälligkeiten. Und hier müssen wir als Gesellschaft insgesamt deutlich resilienter werden – vom zuverlässigen Erkennen solcher Attacken bis zu deren Abwehr, das ist die große Herausforderung, die es zu adressieren gilt.
Geht das denn im nationalen Alleingang überhaupt?
Ich bin ein großer Befürworter von digitaler Souveränität, also dass wir in Deutschland die Fähigkeiten haben, digitale Technologien zu verstehen und zu durchdringen, selbst zu entwickeln und zu produzieren. Was wir dagegen auf keinen Fall anstreben sollten und was auch nicht möglich ist: Digitale Autarkie. Hier muss man deutlich differenzieren, denn digitale Souveränität geht nicht ausschließlich national, sondern nur im europäischen Zusammenspiel, inklusive Nutzung der Fördermöglichkeiten auf europäischer Ebene.
Dafür muss die jeweilige Kompetenz in den europäischen Ländern aber auch vorhanden sein – nicht, dass Kooperation dann bedeutet: Ihr gebt das Geld und wir liefern, geliefert wird dann aber mehr oder weniger eine Block Box. Gemeinsame europäische Programme sind also richtig und wichtig, wenn sie eben auf Augenhöhe und mit dem Ziel der gemeinsamen Souveränität angelegt sind. Auch wenn es aktuell bei einigen derartigen Projekten etwas zu klemmen scheint – Stichwort FCAS, das Future Combat Air System wo wir uns mit wesentlichen souveränen Beiträgen engagieren.
In Ihrem Keynote-Vortrag werden Sie über ein umfassendes Informationsnetzwerk als nötige Grundlage für eine funktionierende Verteidigung sprechen. Welche Anforderungen muss ein solches Netzwerk erfüllen?
Auch hier kann das FCAS als Beispiel dienen. Für dieses System ist eine sogenannte Air Combat Cloud angedacht, also kontinuierliche Austauschfähigkeit von Daten verschiedenster Sensoren und Führungsinformationen – mit Zugriff aus der Luft, aber auch vom Boden aus und auf See. Von der Applikation bis hinunter zum physikalischen Kommunikationsträger. Doch diese Informationen sollen über die europäischen Streitkräfte hinaus abgesichert jeweils dort zur Verfügung stehen, wo sie benötigt werden.
Das ist nicht nur technisch eine große, multidimensionale und mehrschichtige Herausforderung: Wer darf beispielsweise von wo auf die Daten zugreifen und zu welchem Zeitpunkt? In einer akuten Großlage werden wahrscheinlich mehr Informationen mit anderen europäischen Ländern geteilt – aber dauerhaft soll der Zugriff dann doch nicht für alle möglich sein. Unterschiedliche Datenschutzgesetze der einzelnen Länder sind ebenfalls zu berücksichtigen, und gegen Cyberangriffe muss das System in jedem Fall robust geschützt werden.
Kommen wir zurück zu den geänderten Rahmenbedingungen: Wie entscheidend sind diese Änderungen für Zulieferer, um die erforderlichen Technologien entwickeln und liefern zu können?
Besonders wichtig und unverzichtbar sind diese Rahmenbedingungen für Firmen, die ihren Schwerpunkt tatsächlich im Sicherheits- und Verteidigungsbereich haben. Aber auch für Rohde & Schwarz bedeuten sie einen entscheidenden Impuls, allerdings hatten wir hier schon vor der Zeitenwende den großen Vorteil unseres starken Industriegeschäfts – so konnten wir lernen, zwischen den Geschäftsfeldern zu manövrieren und entsprechend zu skalieren.
Ein Beispiel: Mit jeder neuen Mobilfunkgeneration wie 3G, 4G, 5G und bald 6G benötigen die Hersteller neues Testequipment. Das heißt, wir müssen Mobilfunktestgeräte in kurzer Zeit entwickeln und auch fertigen können, also entsprechend schnell skalieren können. Weswegen wir diese Technologien ab dem frühesten Moment begleiten und verstehen. Diese Erfahrung konnten wir in den Sicherheits- und Verteidigungsbereich transferieren – denn viele Anforderungen an einen Signalgenerator oder Mobilfunktester auf diesem Niveau unterscheiden sich nicht so wesentlich von denen zur Fertigung eines militärischen Funkgeräts oder Kryptosystems.
Lassen sich also Technologien, die bei Rohde & Schwarz für zivile Anwendungen verwendet werden, auch im militärischen Bereich nutzen?
Ja, natürlich – und ebenfalls andersherum, denn oft lassen sich eher für den Sicherheits- und militärischen Bereich entwickelte Technologien auch in den ‚klassischen‘, zivilen Anwendungen einsetzen. Beide Segmente befruchten sich also gegenseitig.
Wir haben viel über von der Industrie benötigte Rahmenbedingungen gesprochen. Welche Anforderungen muss die Industrie ihrerseits erfüllen, damit Europa den Bedrohungen begegnen kann?
Wir als Industrie haben die Verantwortung, die benötigten Technologien in den erforderlichen Stückzahlen produzieren zu können, unsere mittel- und langfristigen Zusagen auch umzusetzen und Meilensteine einzuhalten. Hierfür müssen wir unsere Technologien kontinuierlich weiterentwickeln, um immer ‚State of the Art‘ und wettbewerbsfähig zu sein. Und den Zeitrahmen für Entwicklung und Produktion einhalten – damit am Ende rechtzeitig einsetzbare überlegene Lösungen dabei herauskommen.