Interview mit Rüdiger Scheel, Murata

»Wir hoffen, dass die absolute Talsohle erreicht ist!«

15. November 2021, 15:30 Uhr | Engelbert Hopf
Rüdiger Scheel
© Murata

Paradox: Rüdiger Scheel, Vice President Mobility bei Murata Europe, versichert, Murata könne die Automotive-Branche mit deutlich mehr MLCCs und anderen passiven Bauelementen beliefern – allein, die fehlenden Halbleiter verhindern es.

Um auch in Zukunft auf steigende Bedarfe gerüstet zu sein, wird die Produktion weltweit massiv ausgebaut.

Markt&Technik: Herr Scheel, in den letzten Monaten scheint sich die Situation im Automotive-Bereich eher weiter zugespitzt als entspannt zu haben. Wie nehmen Sie aus Sicht von Murata die aktuelle Situation wahr?

Rüdiger Scheel: Wir hoffen, dass jetzt die absolute Talsohle erreicht ist! Murata kauft ja selbst auch für verschiedene Produkte Halbleiter ein. September/Oktober war der Zeitraum mit der schlechtesten Liefer-Performance unserer Halbleiterlieferanten. Seither sehen wir schrittweise Verbesserungen. Wir gehen davon aus, dass es bis zum 1. Quartal 2022 eine deutliche Verbesserung gibt. Natürlich nicht auf dem Niveau, dass sich die Lieferengpässe komplett auflösen, aber zumindest so, dass eine Entspannung spürbar wird. Wir hatten unsere Lieferungen an die Automotive-Branche auf Best-Case Level geplant – bei einer Halbleiterverknappung von 10 bis 20 Prozent ist dieser Plan natürlich nicht realisierbar. Für 2022 ist eine genaue Prognose für die Automotive-Branche deshalb derzeit ebenso schwer möglich, da die Forecasts unserer Kunden auf einer Planung ohne IC- und Rohmaterialverknappung basieren.

Um eine Vorstellung vom MLCC-Bedarf heutiger Fahrzeuge zu bekommen – wie hoch ist der MLCC-Bedarf eines Durchschnittsautos heute, und wo liegen die Bedarfe bei den hochlaufenden E-Fahrzeugen?

In einem gut ausgestatteten Auto mit Verbrennungsmotor, aber ohne Driver Assistance waren es bislang etwa 5000 MLCCs. Je nach Ausstattung finden sich heute in einem Tesla 3 zwischen 10.000 und 20.000 MLCCs. Verantwortlich dafür ist die Elektrifizierung des Autos und die eingesetzten Driver-Assistance-Systeme. Wird in einem der hochklassig ausgestatteten Elektroautos für die Echtzeitauswertung der Driver-Assistance-Sensoren wie Kamera, Radar, Ultraschall oder Lidar ein Performance-starker Nvidia- oder Intel/mobileye-Core eingesetzt, dann können wir uns heute schon jenseits der 20.000 MLCCs im Fahrzeug bewegen. Schon in den nächsten Jahren könnte diese Zahl noch weiter steigen.

Sie liefern ja nicht nur MLCCs in den Automotive-Sektor. Wie sieht die Situation etwa bei Induktivitäten aus?

Während wir derzeit bei MLCCs keine Verknappung haben, weil Hableiterknappheit dazu führt, dass unsere Kunden gar nicht so viele MLCCs verarbeiten können, wie wir zur Verfügung stellen können, sieht es bei den Induktivitäten etwas anders aus. Um leistungshungrige Prozessoren zu versorgen, bedarf es auch entsprechender Induktivitäten. Die Nachfrage nach Ferrit-Beats und Ferriten wächst stark. Beim Thema Metal Composite sehen wir vor allem im Bereich kleiner Bauformen eine enorme Nachfrage aus dem Smartphone-Bereich. Im Bereich größerer Leistung sind wir derzeit dabei, unser Produktspektrum, etwa für den Automotive-Bereich, weiter auszubauen.

In welche Richtungen gehen derzeit die Entwicklungstrends bei MLCCs für den Automotive-Bereich? Höhere Kapazitäten, robustere Ausführung, geeignet für noch höhere Temperaturen?

Höhere Kapazitäten in kleineren Bauformen sind ein sich stetig fortsetzender Trend. Bei MLCCs mit XR7/C0G-Material sind Einsatztemperaturen bis +125 °C Standard. Die nächste Kategorie wären dann Einsatztemperaturen bis +150 °C. Das bedeutet natürlich nicht, dass die MLCCs bei höheren Temperaturen aussteigen. Unsere Produkte erfüllen Anforderungen, die deutlich über denen der AEC-Q200 liegen. Wenn sich in Zukunft Standardtemperaturen bis +180°C abzeichnen, würden wir in dieser Richtung spezifizieren können, mit entsprechender Berücksichtigung des Mission Profiles. Beim Thema Robustheit wird heute eigentlich überall dort, wo es notwendig ist, auf Soft Termination gesetzt. Ein Trend, der aber klar erkennbar ist, ist die steigende Nachfrage nach Hochvolt-SMD-Kondensatoren für den Spannungsbereich von 500 bis 3000 V. Diese Anforderungen kommen aus dem Bereich Antriebsstrang bei Elektrofahrzeugen.

Murata hat im Sommer dieses Jahres Silizium-Kondensatoren vorgestellt. Ist das ein Kondensatoraufbau nur für den Telekommunikationsbereich oder wäre da in Zukunft auch ein Einsatz im Automotive-Bereich denkbar?

Das ist aus heutiger Sicht ein Nischenprodukt. Es kommt überall dort zum Einsatz, wo hohe Anforderungen an die Temperaturstabilität und eine minimale Kapazitätsdrift gestellt werden. Natürlich bietet sich diese Lösung auch an, wenn es in hochintegrierten Lösungen darum geht, die notwendigen Kapazitäten direkt neben oder unter leistungsstarken Prozessoren oder ASICs anzubringen. Bisher gehen entsprechende Lösungen etwa in die Medizintechnik. Realisiert werden die Silizium-Kondensatoren von Murata Integrated Passive Solutions in Frankreich, der ehemaligen IPDiA. Im Automotive-Bereich sehen wir zukünftige Anwendungsfälle in der Leistungselektronik.

Thema Neuentwicklungen: Welches sind heute die kleinsten MLCCs, die Sie liefern? Wann könnte der nächste Miniaturisierungsschritt folgen?

Unsere kleinste Bauform, die wir inzwischen seit zwei Jahren anbieten, ist ein MLCC der Bauform 008004 mit 100 nF und 6,3 V. Inzwischen sind wir aber auch hier auf dem Weg zu einer Kapazität von 1 µF. Getrieben wird diese Entwicklung vom Smartphone-Bereich. Dort gehen Bauelemente dieser Größe in Power Amplifier und Antennenschaltmodule. Unser Sweetspot liegt dagegen aktuell bei 0201 – also zwei Baugrößen darüber. Diesen 0201 gibt es natürlich auch als Automotive Grade, doch dort sind die Kunden derzeit noch vor allem mit dem Übergang von 0603 auf 0402 beschäftigt. Eine kleinere Bauform als 008004 ist technisch durchaus möglich, entscheidend ist dafür in erster Linie die notwendige Feinkörnigkeit des Keramikpulvers, ich würde sie aber erst in einigen Jahren erwarten.


  1. »Wir hoffen, dass die absolute Talsohle erreicht ist!«
  2. ..."nicht zum Bottleneck für unsere Kunden werden!"

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