Thomas Sattelberger zu Innovationskultur 'Die talentiertesten KI-Forscher hierzulande nehmen Reißaus'

Thomas Sattelberger, forschungs- und innovationspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, hier auf einem Markt&Technik-Forum zum Thema 'Innovation'.
Thomas Sattelberger, forschungs- und innovationspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, hier auf einem Markt&Technik-Forum zum Thema 'Innovation'.

Der ehemalige Topmanager Thomas Sattelberger ist heute forschungs- und innovationspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Er fordert eine Agentur für Sprunginnovation und kritisiert die heute veröffentlichten ‘Eckpunkte der Bundesregierung für eine Strategie Künstliche Intelligenz’.

Thomas Sattelberger hat eine Pressemitteilung verschicken lassen, in der er sich gewohnt harsch gibt:

‘Soso, Peter Altmaier und Angela Merkel reißen jetzt das Ruder an sich - nachdem das Bundesministerium für Bildung und Forschung jahrelang geschlampert hat, nachdem die Granden der Künstlichen Intelligenz (#KI) dieser Republik die Relevanz des Themas #MachineLearning wohl verkannt haben. 2012 hat Professor Geoffrey Hinton (Uni Toronto) auf der Konferenz „Neural Information Processing Systems" (NIPS) in Lake Tahoe den Durchbruch im Deep Learning vorgestellt. Außerhalb Deutschlands führte dies sprunghaft zu mehr Wagniskapitalinvestitionen, Gründungen und Publikationen. Deutschland hat sich stattdessen weiter auf die vermeintlich bewährte "Embedded Technology" konzentriert und damit neue Zukunftschancen verspielt. 

Ich zitiere Professor Dietmar Harhoff, Direktor des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb, sowie seine Co-Autoren Stefan Heumann, Nicola Jentzsch und Philippe Lorenz, die sich im Mai 2018 in ihren "Eckpunkten einer nationalen Strategie für Künstliche Intelligenz" so geäußert haben: 

"Deutschland hat trotz traditioneller Stärken in der KI-Grundlagenforschung wichtige Trends in der KI-Forschung erst spät erkannt. Politik und viele Forschungseinrichtungen haben in den letzten Jahren nicht agil genug auf neue Ansätze reagiert. Deutschland ist dadurch zum Nachzügler geworden. Im Bereich des Machine Learning ist die Entwicklung in Deutschland weniger dynamisch als in anderen Ländern. Hier hat die Forschungspolitik zu zögerlich reagiert. Auch bei der Kommerzialisierung von KI-Anwendungen und ihrem Einsatz in der Wirtschaft hat Deutschland großen Aufholbedarf.“

Nur wenige wie beispielsweise das Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) um Professor Matthias Bethge an der Uni Tübingen haben sich mit Siebenmeilenstiefeln auf den Weg gemacht. Ansonsten verharrt Deutschland überwiegend in der traditionellen Robotik.

Die zuversichtlichen Einschätzungen Professor Wolfgang Wahlsters, CEO des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), zu KI in Deutschland trifft auf Matthias Bethges teils harschen Widerspruch: "Ich beurteile die Wettbewerbsfähigkeit öffentlicher Institutionen im Bereich der KI-Forschung völlig anders als Herr Wahlster." (faz.net, 2. Mai 2018) 

All das hat dazu geführt, dass viele der talentiertesten KI-Forscher hierzulande Reißaus nehmen und dorthin gehen, wo man sie wertschätzt: zu den KI-Giganten in den USA und Asien, wo Innovationskultur herrscht, fast unerschöpfliche Ressourcen vorhanden sind, um vernünftig arbeiten zu können, und wo sie angemessen hoch bezahlt werden.

Dieses Eckpunktepapier der Bundesregierung kommt mir vor wie eine Beschwichtigungsstrategie à la "keine Sorge, wir kümmern uns". So verpennt, wie diese Bundesregierung in der Vergangenheit gehandelt hat, wird mir dabei angst und bange. 

Statt weitere Biedermeier-Arbeitskreise und dreijährige Enquete-Kommissionen  zu gründen, muss dieses Land endlich diejenigen ranlassen, die Ahnung von Innovation haben. Die Hasso Plattners, die Sebastian Thruns und die Christiane Nüsslein-Vollhards!’