Mensch-Maschine-Interaktion »Die Jobaussichten als UX-Designer sind wirklich gut«

David C. Thömmes studierte Medieninformatik an der FH Kaiserslautern und entdeckte schon früh seine Leidenschaft für die Mensch-Computer-Interaktion und das Software Engineering. Seine ersten Benutzeroberflächen programmierte er mit VBA und Delphi 2004. Als Senior Software & UX Engineer sowie Geschäftsführer von Shapefield gilt seine Passion heute der nutzerzentrierten Gestaltung und der technischen Entwicklung eindrucksvoller User Interfaces.
David C. Thömmes studierte Medieninformatik an der FH Kaiserslautern und entdeckte schon früh seine Leidenschaft für die Mensch-Computer-Interaktion und das Software Engineering. Seine ersten Benutzeroberflächen programmierte er mit VBA und Delphi 2004. Als Senior Software & UX Engineer sowie Geschäftsführer von Shapefield gilt seine Passion heute der nutzerzentrierten Gestaltung und der technischen Entwicklung eindrucksvoller User Interfaces.

Im Fahrwasser von Industrie 4.0 und Digitalisierung gewinnt die Mensch-Maschine-Interaktion an Bedeutung. Wie wird man UX-Designer und was kann man verdienen? Fragen an David C. Thömmes, Gründer, Geschäftsführer und Senior Software & UX Engineer bei Shapefield.

Markt&Technik: Herr Thömmes, was ist UX-Design und warum ist es wichtig?
David C. Thömmes: Klären wir zunächst, wofür UX und UI überhaupt steht. Fangen wir mal mit dem Einfachsten an, und zwar UI. Das User Interface UI beschreibt im Wesentlichen die eigentliche Benutzerschnittstelle also den Kontaktpunkt zwischen Mensch und einem interaktiven Produkt. Hierzu zählen beispielsweise neben Schaltern an Maschinen auch grafische Benutzeroberflächen. Im deutschsprachigen Raum hat sich gerade für den Begriff Benutzeroberfläche die Bezeichnung UI durchgesetzt. Natürlich gibt es noch zahlreiche Arten von User Interfaces, welche unterschieden werden können. Beispielsweise Touch UIs, welche proportional für touchfähige Endgeräte optimiert sind.

Nun zu dem Begriff User Experience UX, und gerade für UX gibt es einige und auch teilweise kuriose Definitionen, jedoch ist es eigentlich ganz einfach. UX oder auch Nutzererlebnis beschreibt die Summe aller Erfahrungen, die ein Nutzer mit einem digitalen Produkt sammelt. Dies umfasst die Gesamtheit aller möglichen Berührungspunkte wie beispielsweise die Werbung, die Website, den Bestellvorgang, die Verpackung oder die Installation. Die Definitionen als solche ist auch nichts Neues, auch wenn diese aktuell wieder stark im Hype steht. Der Ursprung reicht bis Mitte der 90er Jahre und in dieser Zeit hat vor allem Donald Norman den Begriff stark geprägt.

Zeitlich betrachtet ist UX nicht beschränkt auf die eigentliche Nutzung eines Produktes, sondern gewinnt bereits im Vorfeld und nach der Nutzung an Relevanz. Da User Experience als ein ganzheitlicher Ansatz verstanden werden sollte, spiegelt der Begriff UX Design einen umfassenden Designansatz wider, welcher Teildisziplinen wie beispielsweise User Interface Design, Interaction Design, Psychologie, menschliche Einflussgrößen und Produktdesign vereint. Im Kern geht’s also darum, das Nutzererlebnis auf allen Ebenen optimal zu stimulieren. Dazu kommt auch noch die Usability bzw. die sog. Gebrauchstauglichkeit. Gerade während der Nutzung z.B. einer grafischen Benutzeroberfläche spielt die Effektivität und die Effizienz der Nutzung eine enorme Rolle. Kann der Nutzer seine Hauptaufgaben zielführend abschließen? Wie lange und wie viele Klicks sind dafür erforderlich?
In der Smartphone-Ära sind die Nutzer ansprechende und gut nutzbare User Interfaces gewöhnt. Niemand möchte bei seiner alltäglichen Arbeit mit veralteten und schlecht bedienbaren Benutzeroberflächen arbeiten. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob es sich bei der Anwendung um eine Maschinensteuerung oder ein komplexes ERP-System handelt. Dem Nutzer gefällt, was einfach zu bedienen und schön anzusehen ist. Genau hier setzt ein guter UX Designer an!

Wie stellt sich der Markt für UX-Design aktuell dar, wer sind die Kunden und Anwender?
Der Markt für UX Design in der DACH-Region ist in den letzten 10 Jahren kontinuierlich und stabil gewachsen. Wie bereits angedeutet, erlebt der Begriff UX regelmäßig gewisse Hype-Wellen und Aufschwünge. Aktuell sind die großen Treiber Industrie 4.0 und Digitalisierung. Gerade dem Mittelstand dämmert es so langsam, dass Produkte ohne UX-Überlegungen und Design einfach nicht konkurrenzfähig sind. Es ist teilweise verrückt, wie viel die Firmen in Marketing, Messestände und ihren eigenen Fuhrpark investieren. Schaut man sich jedoch dann die Produkte und speziell die Benutzeroberflächen an, dann erkennt auch der Laie wie massiv der Nachholbedarf tatsächlich ist. Einige Sektoren wie beispielsweise Industrie, Gesundheitswesen, Finanzwesen und Medizintechnik sind besonders stark betroffen. Nach meinen Prognosen ist der UX-Markt weiterhin kontinuierlich am Steigen und der Zenit ist lange nicht erreicht. Die aktuelle Entwicklung des Markts spiegelt sich auch ein wenig in der Erfolgsgeschichte meiner eigenen Firma Shapefield wider.

Zum Berufsbild. Wer arbeitet mit UX-Design, welche Qualifikation ist nötig?
Da UX ganzheitlich zu verstehen ist, definiert jeder UX-Designer sein Können aus unterschiedlichen Fähigkeiten. Kein Designer kann alle Disziplinen beherrschen. Dazu kommt dann auch noch eine gewisse Branchenspezialisierung. Unsere UX Designer bei Shapefield sind beispielsweise stärker auf das klassische Usability Engineering, User Interface Design sowie agile Softwareentwicklung in den Branchen Industrie, Engineering und Enterprise spezialisiert. Dazu verfügen alle unsere Designer über ein ausgeprägtes technisches Verständnis und konnten bereits im Medieninformatikstudium die Grundlagen der Programmierung erlernen. Andere UX Designer legen vielleicht ihren Fokus eher auf typische e-Commerce-Projekte wie beispielsweise Webshops oder Webseiten. Gerade bei Webshops interessiert man sich dann z.B. auch für die Konversionsrate eines Warenkorbs. Dies spielt bei unseren Tätigkeiten und für die Art der Applikationen, welche wir gestalten, meistens keine Rolle. Unsere Kunden sind  oft Maschinenbauer, Ingenieurdienstleister und Softwarehersteller, die wiederum eigene Softwareprodukte für die verschiedensten Endgeräte entwickeln. Wir gestalten und realisieren sehr viele Desktop-, Embedded- oder Mobile-Anwendungen.
Prinzipiell wird ein UX Designer mit dem Fokus User Interface Design und  Usability immer dann benötigt, wenn ein Produkt mit einer grafischen Benutzeroberfläche realisiert werden soll. Das Kuriose ist jedoch, dass die Rolle des UX Designers immer noch nicht als essentieller Teil der Softwareentwicklung angesehen wird. Es gibt Entwickler, Architekten, Product Owner, DevOps, Manager, Admins, Supporter usw. - an den UX Designer wird jedoch meistens nicht gedacht oder erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.
Egal ob agil oder linear entwickelt wird, häufig setzten die Entwickler vorgegebene Anforderungen einfach aus eigener Sicht um und ohne  übergreifende Designvorgabe. Viele Entwickler haben, teilweise zu ihrem eigenen Leidwesen, weder die Zeit noch das Wissen Anforderungen nutzergerecht in eine Benutzeroberfläche zu transformieren. So entstehen dann Stück für Stück überladene Benutzeroberflächen, welche die Nutzer regelrecht kognitiv erschlagen und weder von der Konsistenz noch von der Bedienung passen. Eine gute Benutzeroberfläche ist das Resultat eines interdisziplinären Designprozesses und dies ist einfach nicht ohne die Mitarbeit eines fachkundigen UX Designers möglich.

Wie kann man sich als Ingenieur oder Softwarentwickler zum UX-Experten weiterbilden?
Es gibt einige Anbieter von gewissen Schulungen und Weiterbildungen. Gegenstand dieser Schulungen sind dann meistens Theorie der Mensch-Computer-Interaktion sowie Allgemeinwissen über den Designprozess oder Einführungen in Designtools. Ich denke für Entwickler bzw. alle Rollen in der Softwareentwicklung kann ein Grundlagenkurs eine gute Ergänzung sein und einen guten Überblick über das Thema geben. Ein UX-Experte oder richtiger Designer wird man dadurch aber nicht. Das grundlegende Verständnis der Materie sollte jedoch da sein. Neben der theoretischen Kenntnis z.B. verschiedener UX-Methoden, Gestaltgesetzte, Usability Standards usw. benötigt ein Designer einfach Designprojekte, an denen er durch die kontinuierlich Arbeit seine Fähigkeiten verbessern kann. Ein wesentlicher Teil der Arbeit ist dann, wie schon erwähnt, das klassische Usability Engineering, also die Arbeit mit Menschen oder das User Interface Design. Unser Ansatz bei Shapefield besteht darin, schon von Beginn an alle Stakeholder durch den Austausch von Basiswissen ins Boot zu holen. Dies tun wir z.B. durch Impulspräsentationen und Workshops. Danach folgt durch die aktive Zusammenarbeit an einem konkreten Projekt ein kontinuierlicher Austausch. So findet dann beispielsweise durch Konzeptvorstellungen, Auswertungen von Nutzerstudien oder auch durch die Erstellung von UX-Guidelines der Wissensaustausch statt und die Projektbeteiligten sammeln Designerfahrungen. Nach einem Designprojekt endet zumindestens bei Shapefield nicht die Zusammenarbeit mit dem Kunden, sondern wir arbeiten dann auch aktiv bei der technischen Realisierung der Benutzeroberfläche mit. Auch in diesem Kontext bringen wir alle Projektbeteiligten weiter und können  neben Designaufgaben auch beispielsweise benötigte Steuerelemente und Masken inkl. Architektur implementieren. Darüberhinaus kann dann in größeren Projekten nach dem Erreichen gewisser Meilensteine z.B. eine explizite Trainings- und Aufbauphase gewisser Mitarbeiter erfolgen. Hier prägen wir dann zusammen mit dem Kunden seine eigene UX-Strategie und dies kann sogar soweit führen, dass wir mit dem Kunden zusammen eine eigene, interne UX-Abteilung aufbauen. Ich sehe hier auch keinen Mitbewerb zu unseren eigenen Dienstleistungen, da wir nicht die Abhängigkeit zu uns fördern möchten. Alleine schon aus Innovationsgründen und um der Betriebsblindheit entgegenzuwirken, werden externe UX Designer immer benötigt.

Es gibt erste Studiengänge, etwa an der TH Ingolstadt. Stimmen: »Noch etwas chaotisch, aber kreativ«.
Ich habe zur TH Ingolstadt keine Kontakte, jedoch konnte ich einen Blick in das Modulhandbuch werfen. Das sieht wirklich sehr spannend aus und ist absolut der richtige Weg. Bisher waren die Studiengänge der Medieninformatik sowie der Digitalen Medien die Vorreiter. Ich selbst habe Medieninformatik an der damaligen Fachhochschule und heutigen Hochschule Kaiserslautern am Standort Zweibrücken studiert. Aus meiner Sicht wurde dort damals Pionierarbeit geleistet und wichtige Fächer wie Mensch-Computer-Interaktion wurden sehr früh gelehrt und interdisziplinär in den Projektarbeiten gefördert. Dass sich in den letzten Jahren die Studiengänge stärker vertiefen, ist eine wirklich tolle Entwicklung. Ich hoffe hier auf mehr und der Bedarf ist auf jeden Fall da.

Was ist das Spannende am UX-Design-Studium? Interessant ist ja, dass der Frauenanteil recht hoch ist.
Das ist wirklich interessant. Als ich noch Medieninformatik studiert habe, sah dies definitiv ganz anders aus. Der Frauenanteil war verschwindend gering. Eine der wenigen Frauen im Studium um mich herum war bzw. ist meine heutige Frau. Hier hatte ich wohl Glück. Meine Frau selbst arbeitet ebenfalls sehr erfolgreich als Lead UX Designerin.

Wie entwickelt sich der Arbeitsmarkt UX-Design?
Da sich der gesamte UX-Markt sehr positiv entwickelt, sind auch die Jobaussichten wirklich gut. Egal ob UX-Dienstleister oder Softwarehersteller, die meisten sind fleißig am Suchen. Neben UX Designern sind auch andere Rollen wie beispielsweise designaffine UI-Entwickler gefragt. Anfänger sollten sich neben dem Studium definitiv darüber hinaus mit der Materie beschäftigten. Es ist für den Bewerbungsprozess extrem wichtig, dass der Bewerber exemplarische Projektarbeiten vorzeigen kann. Je nach Studium werden innerhalb des Studiums gewisse Projekte durchgeführt. Dies ist jedoch nicht ausreichend. Die guten Anfänger gestalten nebenher eigene Apps oder verbessern bestehende Open-Source-Lösungen oder andere Alltags-Anwendungen. Es geht dabei auch nicht um Perfektion, sondern um das Sammeln von Erfahrungen und das kontinuierliche Verbessern der Fähigkeiten als Designer bzw. Entwickler.
Während es viele Einsteiger bzw. Absolvent gibt, sieht es bei den erfahrenen Designern teilweise schwierig aus. Die sehr guten UX Designer sind eher bei den UX-Dienstleistern ansässig und wechseln relativ selten. Hier stellt sich der Markt so dar, dass es mehr offene Stellen gibt als geeignete Bewerber. Es gibt mittlerweile auch einfach viele Trittbrettfahrer, die sich maßlos selbst überschätzen und eigentlich nicht die erforderlichen Fähigkeiten mitbringen. Nach meiner Meinung lässt sich dies gerade im Bereich UX Design für Industrie- oder Engineering-Anwendungen beobachten.

Was kann man verdienen?
Bei den Gehältern muss differenziert werden zwischen UX-Dienstleister und allgemein Softwarehersteller mit eigener UX-Abteilung. Im Bereich der etablierten UX-Dienstleister beginnen die Gehälter für Traineestellen bei 20.000 Euro Brutto und reichen dann für erfahrene Lead UX Designer über 60.000 Euro Brutto hinaus. Prinzipiell steigen die Gehälter im UX-Bereich jedoch stärker ab der Kompetenzstufe Senior. Der Grund liegt einfach darin, dass die Ausbildungskosten und die Dauer der Ausbildung für Anfänger hoch sind. Neben dem eigentlich Handwerk, also dem User Interface Design, gibt es Fähigkeiten, wie Kundenkommunikation, Durchsetzungsvermögen und Projektleitung, die einfach nur über langjährige Erfahrungswerte aufgebaut werden können. Doch genau diese Fähigkeiten werden für die Durchführung und Abwicklung eines Designprojekts benötigt. Infolgedessen ist es für einen UX-Dienstleister nur möglich, weniger erfahrene Mitarbeiter unter der Verantwortung eines erfahrenen Mitarbeiters gewinnbringend zu beschäftigen. Dies ist nun mal die Krux eines Dienstleisters.
Bei größeren Softwareherstellern sind gerade die Einstiegsgehälter oftmals höher, jedoch bieten UX-Dienstleister durch unterschiedliche Projekte viel mehr Abwechselung. Dank dieser Abwechslung lässt sich das reine Handwerk viel schneller erlernen, als wenn beispielsweise ein UX Designer über mehrere Jahre hinweg immer an demselben Produkt oder Design arbeitet. Im Allgemeinen würde ich einem Anfänger gerade zu Beginn seiner Karriere eher einen Einstieg bei einem etablierten UX-Dienstleister empfehlen, auch wenn vielleicht das Gehalt nicht mit einem Einstiegsgehalt eines DAX-Konzerns mithalten kann. Die Abwechslung und das Wissen, welches man durch die Zusammenarbeit mit erfahrenen UX Designern eines UX-Dienstleisters erleben kann, ist sehr kostbar. In meinen Augen sollte gerade in den jungen Jahren das Streben nach Meisterschaft sowieso im Vordergrund stehen.

(Fragen: Corinne Schindlbeck)