Neue Superkraft Resilienz

Herausfordernde Zeiten: Wie hält man Kurs?

21. Januar 2026, 12:37 Uhr | Corinne Schindlbeck
Resilienz als Superkraft in schwierigem Umfeld: Es geht nicht um Zähigkeit oder Selbstüberforderung, um striktes 'Kurs halten', sondern darum, die eigene Handlungsfähigkeit zu bewahren, mit innerer Klarheit, Orientierung und einem bewussten Umgang mit Belastungen, sagt Psychologin Manja Zedler.
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Globale Unsicherheiten, schwankende Auftragslagen, Kurzarbeit und eine defensive Personalpolitik belasten den Ingenieurarbeitsmarkt. Psychologin Manja Zedler erklärt, warum Resilienz jetzt genauso wichtig ist wie technologische Kompetenz und wie man den roten Faden in der Karriereplanung behält.

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Manja Zedler ist Transformation Consultant, Executive Coach und Mental-Trainerin. Sie begleitet Menschen und Organisationen in Phasen von Entwicklung und Veränderung.
Manja Zedler ist Transformation Consultant, Executive Coach und Mental-Trainerin. Sie begleitet Menschen und Organisationen in Phasen von Entwicklung und Veränderung. Mit ihrer Unternehmensberatung self!recognition und in ihrer eigenen Praxis für Integrative Personal- und Unternehmensentwicklung unterstützt sie Führungskräfte, Teams und Organisationen.
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Frau Zedler, für viele Menschen ist die allgemeine Großwetterlage gerade bedrückend, dazu kommt ein Arbeitsmarkt, der sogar für Ingenieure aus dem Gleichgewicht geraten scheint. Warum braucht es gerade jetzt Resilienz? 

Manja Zedler: Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie sich das für viele junge Menschen gerade anfühlt. Fragen wie „Bin ich gut genug?“, „Muss ich mich stärker anpassen?“ oder „Wie kann ich berufliche Perspektiven und private Interessen weiterhin zusammenbringen?“ tauchen plötzlich sehr konkret auf. Und genau an dieser Stelle wird Resilienz zu einer zentralen Kompetenz. Und damit meine ich ausdrücklich nicht das oft missverstandene Durchhalten um jeden Preis. Es geht nicht um Zähigkeit oder Selbstüberforderung, sondern um die Fähigkeit, die eigene Handlungsfähigkeit zu bewahren, mit innerer Klarheit, Orientierung und einem bewussten Umgang mit Belastungen. Resilienz hat immer auch mit Haltung zu tun und mit der Bereitschaft, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, statt sich ausschließlich als Spielball äußerer Umstände zu erleben.

Das Gefühl der Machtlosigkeit ist aber doch sehr naheliegend, wenn man gerade dem Rotstift zum Opfer gefallen ist oder die Bewerbungen ins Leere laufen. Nicht alles kann ich beeinflussen oder »aktiv gestalten«.

In der Psychologie verstehen wir unter Resilienz die Fähigkeit, mit Unsicherheiten und Rückschlägen so umzugehen, dass Sinn, Orientierung und Bewältigungsmöglichkeiten erkennbar bleiben. Ein Modell, das mich seit vielen Jahren begleitet, ist die Salutogenese von Aaron Antonovsky. Sie zeigt sehr klar, dass Menschen resilienter werden, wenn sie Zusammenhänge verstehen, Sinn in ihrem Tun erkennen und ihre eigenen Handlungsspielräume wahrnehmen. Genau hier entsteht Selbstwirksamkeit. Und diese Selbstwirksamkeit ist auch für junge Ingenieurinnen und Ingenieure essenziell, um Herausforderungen nicht nur auszuhalten, sondern - wie Sie sagen - aktiv selbst zu gestalten. Das klappt allerdings nur, wenn man sich nicht als Opfer der Umstände begreift, sondern den Mut entwickelt, Verantwortung zu übernehmen, Erfahrungen zu reflektieren und daraus bewusst zu lernen.

Also nicht aus Sorge um die Existenz das langfristige Ziel aus den Augen verlieren?

Dazu besteht kein Grund. Einerseits werden gerade Ingenieurinnen und Ingenieure weiterhin dringend gebraucht, um Nützliches von Irrelevantem zu unterscheiden, Fehlinformationen zu erkennen und aus Daten sinnstiftende Innovationen zu entwickeln. Dafür braucht es fachliche Tiefe, Methoden der Validierung und eine klare professionelle Haltung. Andererseits verlaufen berufliche Wege selten linear. Sie zeichnen sich aber dadurch aus, dass resiliente Menschen nach Rückschlägen schneller wieder Orientierung finden und aktiv ihre Lernkurve weiter ausbauen. Resilienz lässt sich trainieren, durch Ausprobieren, durch mutige Entscheidungen und durch die Bereitschaft, auch einmal bewusst einen anspruchsvolleren Weg zu wählen.

Ein abgeschlossenes Ingenieurstudium eröffnet enorme Gestaltungsspielräume. Dieses Privileg wird oft unterschätzt. Karriereentscheidungen, die ausschließlich auf kurzfristigen Gewinn, maximale Flexibilität oder völlige Unabhängigkeit abzielen, greifen zu kurz. Nachhaltige Resilienz entsteht dort, wo Sinn, Wirkung und Verantwortung miteinander verbunden werden. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der uns Wissen in bislang unbekannter Fülle zur Verfügung steht. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, aus dieser Fülle etwas Sinnvolles zu machen. Um eine Metapher von Friedemann Schulz von Thun aufzugreifen: Wir haben viel Blütenstaub, aber den Honig müssen wir selbst herstellen.

Wo zeigen sich Zukunftssorgen von Ingenieuren?

Wir befinden uns seit mehreren Jahren in einer Phase des wirtschaftlichen Wandels. Viele Menschen mussten sich kontinuierlich an neue Rahmenbedingungen anpassen. Die Welt ist komplexer und schwerer vorhersehbar. Ich beobachte ein kollektives Ringen um Anerkennung der erbrachten Leistungen und gleichzeitig den Wunsch, wieder mehr Handlungsspielraum zu gewinnen.

In solchen Situationen braucht es einen Anker, der Vertrauen schafft. Diesen finden wir in erster Linie in uns selbst - indem wir die Realität annehmen, unsere innere Haltung reflektieren und bewusst nach Lösungen suchen. Aus dieser inneren Klarheit entsteht die Fähigkeit, flexibel zu bleiben und einzuschätzen, ob jetzt Anpassung oder Veränderung der bessere Weg ist - auch wenn die Zukunft ungewiss bleibt.

Welche Rolle spielt Resilienz für die Karriereentwicklung, wenn äußere Faktoren kaum beeinflussbar scheinen?

Resilienz verwandelt Passivität in strategische Selbststeuerung. Sie ist eine Fähigkeit, die sich über Erfahrungen, Reflexion und Übung weiterentwickelt. Ein Denkmodell, das ich hier gern nutze, ist das sogenannte Sowohl-als-auch-Prinzip. Es zeigt, dass Resilienz im Zusammenspiel von Belastungs- und Schutzfaktoren entsteht. Beide existieren gleichzeitig, und Wachstum entsteht aus dem fortlaufenden Ausbalancieren dieser Dynamik.

Stabilität entsteht vor allem aus der bewussten Verbindung zu sich selbst und aus dem Austausch mit vertrauensvollen Personen aus dem Fach- oder Branchenkontext. Hilfreich sind auch gedankliche Szenarien, in denen man durchspielt, wie sich der eigene Weg bei unterschiedlichen Entwicklungen gestalten könnte. Solche Überlegungen erweitern den Handlungsspielraum und erhöhen die Gelassenheit. Und es gilt: Step by Step - gesetzte Ziele zu erreichen bedeutet, positive wie negative Erfahrungen zu machen, mit Rückschlägen umgehen zu lernen und meistens auch, hart daran zu arbeiten. Der Weg ist bekanntlich das Leben mit all seinen Umständen, die einem hier begegnen. Wir orientieren uns gern an den Ergebnissen anderer, anstatt bei uns selbst zu bleiben und zu sehen, was wir brauchen, um weiter voran zu kommen. Hier braucht es manchmal „Geduld und Spucke“, Willenskraft anstatt aufzugeben und angepasste Erwartungen anstatt voreilige Forderungen. Wer mit dem Kopf durch die Wand will, sollte wissen, was er im anderen Zimmer will.

Wie bildet man sich sinnvoll weiter, wenn der Arbeitsmarkt sich so schnell verändert, insbesondere durch KI?

Auch hier gilt: Weiterbildung beginnt nicht beim Markt, sondern bei der Person. Erst wenn klar ist, was mich interessiert, wohin ich mich entwickeln möchte und welchen Beitrag ich leisten will, ergibt die Frage nach Qualifikationen Sinn. KI eröffnet neue Möglichkeiten, schneller zu lernen, effizienter zu arbeiten und Routinetätigkeiten zu reduzieren. Aber eines bleibt unverändert: Expertinnen und Experten werden weiterhin gebraucht, Menschen, die Informationen bewerten, Risiken einschätzen, validieren und aus Daten etwas Sinnvolles ableiten. KI nimmt Arbeit ab, aber nicht Verantwortung, Urteilskraft und Innovationsfähigkeit. Für junge Fachkräfte entsteht daraus sogar die Chance, sich breiter aufzustellen, mehrere Standbeine zu entwickeln und die eigene Expertise gezielt zu vertiefen.

Plötzlich arbeitslos – wie verhindert man, in einen Dauerkrisenmodus zu geraten?

Genau diese Phase kann ein Wendepunkt sein. Entscheidend ist, nicht in das Gefühl zu geraten, den äußeren Umständen ausgeliefert zu sein. Arbeitslosigkeit bedeutet nicht Stillstand. Sie kann Raum für Neuorientierung sein, für die Auseinandersetzung mit der eigenen fachlichen Ausrichtung, mit dem eigenen Profil und mit der Frage, welche Expertise aktuell nachgefragt ist. Wer aktiv bleibt, Netzwerke nutzt, sich weiterbildet und reflektiert, schafft die Grundlage für den nächsten Schritt. Und dieser Schritt darf ein Schritt nach vorn sein.

Welche Mythen über Resilienz begegnen Ihnen häufig?

Viele glauben, Resilienz bedeute immer stark zu sein. Das stimmt so nicht. Resilienz erlaubt auch Schwäche. Andere meinen, Resilienz sei reine Kopfsache. Auch das greift zu kurz, denn sie entsteht im Zusammenspiel von Person, Team und Kultur. Und schließlich wird Resilienz oft mit Durchhalten verwechselt. Es geht nicht um Selbstaufgabe, sondern um Balance, Anpassungsfähigkeit und Reflexion – als aktiver Prozess.

Am Ende bleibt Resilienz der entscheidende innere Kompass für junge Ingenieurinnen und Ingenieure, besonders in einem unsicheren Arbeitsmarkt. Sie ermöglicht es, Herausforderungen lösungsorientiert zu begegnen, innere Stabilität trotz äußerer Unsicherheiten zu gewinnen und Verantwortung für das eigene Wachstum zu übernehmen. Unternehmen, die sinnstiftend kommunizieren, reflektiert führen und Teamressourcen bewusst einsetzen, stärken nicht nur ihre Talente, sondern auch ihre eigene Zukunftsfähigkeit.

(Interview: Corinne Schindlbeck)

 


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