Die fünf Quantentechnologie-Trends

Quantencomputing 2026: Vom Labor in reale Anwendungen

16. Januar 2026, 15:05 Uhr | Simon Fried, Leiter Marketing und Unternehmensentwicklung von Classiq
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2025 hat die Quantentechnologie spürbare Fortschritte gemacht: erstmals orientierten sich Pilotprojekte an realen industriellen Anforderungen statt ausschließlich an akademischen Testszenarien. Zudem wurde die Hardware stabiler und die Software robuster.

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Jetzt fangen Unternehmen damit an, quantenunterstützte Workflows in bestehende Prozesse einzubetten – ein klares Zeichen, dass sich die Technologie aus dem Experimentierstatus löst. Damit steigen die Erwartungen für 2026: Quantencomputing soll nun konkrete, messbare Vorteile liefern. Zugleich wächst das politische Interesse. Laut Quantum Technology Monitor 2025 zählt Deutschland zu den Ländern mit den weltweit höchsten öffentlichen Investitionen in Quantentechnologien – gemeinsam mit Japan, dem Vereinigten Königreich, den USA und China.

Kleine, aber entscheidende Fortschritte

2026 wird nicht von dem einen, großen Quantenumbruch geprägt sein, sondern von vielen kleinen, aber entscheidenden Fortschritten. Quantencomputing rückt aus dem Labor in reale Abläufe – als gezielte Ergänzung klassischer Systeme. Unternehmen, die Software und Hardware gleichermaßen ernst nehmen, hybride Architekturen vorausschauend planen und ihre Organisation frühzeitig auf Einsatzbereitschaft ausrichten, werden die Ersten sein, die den praktischen Nutzen von Quantencomputing auch tatsächlich nachweisen können.

 

Vor diesem Hintergrund wird entscheidend, wie sich diese Dynamik 2026 in greifbare Ergebnisse übersetzen lässt. Fünf Trends prägen die Entwicklung besonders.

Quantenvorteil rückt näher – in eng definierten Bereichen

Die zentrale Frage lautet derzeit: Können wir bis Ende 2026 damit rechnen, dass Quantencomputer bestimmte Aufgaben erstmals schneller oder präziser lösen als klassische Systeme? Wenn heute über den Quantenvorteil gesprochen wird, ist damit kein vollständiger Ersatz klassischer Rechenabläufe gemeint. Entscheidend sind eng umrissene Berechnungsschritte, in denen Quantenalgorithmen punktuell Vorteile ausspielen können. 2026 könnte für diese Bereiche ein erster praxisrelevanter Wendepunkt sein.

Besonders aktiv ist die Finanzindustrie, die Materialforschung und die Chemiebranche. Dort prüfen Fachteams aus Entwicklung, IT und den jeweiligen Fachabteilungen, wie sich quantenunterstützte Routinen in bestehende Workflows einfügen und ob sie tatsächlich messbare Vorteile liefern. Gelingt dieser Nachweis, wäre das ein wichtiger Schritt hin zu Anwendungen, die klar über das Laborstadium hinausgehen.

Software wird zum zentralen Erfolgsfaktor

Über Jahre hinweg stand vor allem die Hardware im Mittelpunkt der Diskussion. Inzwischen zeigt sich jedoch, dass die Leistungsfähigkeit der Software genauso entscheidend ist. Mit jeder technischen Verbesserung steigt der Bedarf an Programmen, die effizient, robust und gut integrierbar sind.

Quantensoftware muss produktionsreif, und damit skalierbar, portabel und kompatibel mit bestehender IT-Struktur sein. Weil heutige Quantencomputer noch störanfällig sind, zahlt sich kompakter Code unmittelbar aus, da er stabiler läuft und so geringere Betriebskosten verursacht. Unternehmen, die früh in Softwarekompetenz investieren und ihre Entwicklungsprozesse professionalisieren, kommen schneller zu belastbaren Ergebnissen.

Auch die Ausbildung zieht nach. Immer mehr deutsche Hochschulen bieten spezialisierte Masterprogramme oder Schwerpunktmodule zu Quantentechnologien an – oft an Schnittstellen von Informatik, Physik und Ingenieurwissenschaften. Damit entsteht ein neuer Pool an Fachkräften, die Software, Hardware und Algorithmen gemeinsam denken.

Hybrides Supercomputing wird zur Realität

Quantencomputing wächst zunehmend in bestehende Hochleistungsrechnerstrukturen hinein. Weltweit – und auch in Deutschland – entstehen Architekturen, in denen Quantenprozessoren eng an klassische HPC-Systeme gekoppelt sind. Unternehmen greifen dafür meist über Cloud-Modelle oder über Kooperationen mit Forschungseinrichtungen zu. Fragen zur Datensouveränität klären sie über etablierte Rahmenwerke.

Damit wird die technische Verzahnung beider Welten zum Schlüsselthema. Unternehmen müssen klären, an welcher Stelle ihrer HPC-Pipeline ein quantenbasierter Zwischenschritt den größten Mehrwert liefert. In Bereichen wie Finanzanalyse, Materialentwicklung und Optimierung laufen bereits Pilotprojekte, die quantenunterstützte Routinen einbetten und deren Geschwindigkeit oder Genauigkeit präzise vermessen.

Parallel baut Deutschland seine Infrastruktur aus. Technologie Zentren wie Jülich oder Garching koppeln Quantum- und HPC-Systeme bereits heute eng. Das DLR verstärkt diese Entwicklung über seine Quantum Computing Initiative, die mehrere Hundert Millionen Euro in Hardware, Software und industrielle Anwendungen investiert. Damit stehen Unternehmen erstmals realistische Testfelder für hybride Szenarien zur Verfügung.

Vom Optimismus zur operativen Einsatzbereitschaft

2025 war geprägt von dieser hohen Investitionstätigkeit – von privaten Finanzierungsrunden bis zu neuen staatlichen Programmen weltweit und entsprechenden ETFs. Viele Länder, darunter Südkorea, Taiwan, Singapore, Indien oder die Golfstaaten investieren Milliarden und holen technologisch auf. Daher wird das Abwarten für Unternehmen zunehmend riskant.

Bis 2026 sollten Organisationen daher klar darlegen können, wie sie sich auf Quantencomputing vorbereiten. Ein zentrales Thema ist die Post-Quantum-Kryptografie. Obwohl Expert:innen kritische Schwellen erst nach 2030 erwarten, verlangen Regulierungsbehörden bereits heute Migrationspfade. Das BSI empfiehlt ausdrücklich, PQC frühzeitig zu planen, um Risiken in der IT-Sicherheit und bei Ausschreibungen zu vermeiden.

Ebenso wichtig ist der Kompetenzaufbau. Trotz wachsender Ausbildungsangebote können technologische Sprünge den Fachkräftebedarf kurzfristig erhöhen. Unternehmen sind gut beraten, Know-how vorausschauend aufzubauen.

Parallel steigt der Anspruch an die Softwarepraxis. Quantumcode muss denselben Qualitätsmaßstäben genügen wie klassische geschäftskritische Anwendungen. Quantencomputing wird damit Teil regulärer Entwicklungs- und IT-Prozesse.

KI interessiert sich stärker für Quantum – und umgekehrt

Die KI-Branche steht unter starkem Innovations- und Kostendruck. Entsprechend wächst ihr Interesse daran, ob Quantencomputing bestimmte algorithmische Routinen effizienter machen kann – nicht, weil es große Sprachmodelle kurzfristig beschleunigen würde, sondern weil sich grundlegende Verfahren verbessern ließen. Dazu gehören komplexe Such- und Optimierungsaufgaben, der Umgang mit sehr großen Datenmengen oder Berechnungsschritte, bei denen selbst geringe Genauigkeitsgewinne entscheidend sein können.

Auch wenn die Hardware 2026 noch keine spürbaren Effekte auf KI-Modelle bringt, wächst die Neugier auf quantenbasierte Bausteine, die künftig als unsichtbare Module in KI-Systemen mitlaufen könnten. Für viele Unternehmen dürfte 2026 deshalb ein Jahr der Grundlagenarbeit sein. Sie testen erste quantenunterstützte Abläufe, entwickeln Proof-of-Concepts und analysieren, wie sich Quantenfunktionen langfristig in KI-Architekturen einfügen lassen. Parallel entstehen neue Werkzeuge und Entwicklungsumgebungen, die das Programmieren für Quantencomputer deutlich vereinfachen.


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