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Digitalgipfel der Bundesregierung

Corona-Milliarden für europäische Chip-Hersteller

02. Dezember 2020, 08:35 Uhr   |  Ein Kommentar von Frank Riemenschneider

Corona-Milliarden für europäische Chip-Hersteller
© Kay Nietfeld | dpa

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will die europäische Chip-Industrie stärken.

Nachdem Europa im weltweiten Vergleich bei Leading-Edge-Chips über viele Jahre immer mehr verlor, soll sich dies nunmehr offenbar ändern. Bis zu 15 Milliarden Euro stehen auf EU-Ebene zur Disposition, um die heute drastischen Abhängigkeiten vom Silicon Valley und Asien zu reduzieren.

Wenn man sich die alljährlichen Zahlen des ZVEI ansieht, kannte Europas Anteil an der weltweiten Chip-Industrie in den letzten Dekaden immer nur eine Richtung: Abwärts. Während andere Länder wie Taiwan, Südkorea und neuerdings auch China die strategische Bedeutung der Chip-Industrie erkannt haben und massiv finanziell in die Branche investiert haben, gab es in Europa wenn überhaupt mit einigen wenigen EU-Förderprogrammen den berühmten Tropfen auf den heißen Stein.

Alleine China investierte von 2014 bis heute mehr als 50 Milliarden Euro Subventionen auf nationaler und regionaler Ebene in die Chip-Industrie, wobei der Fall Huawei im Kontext des Handelskrieges USA gegen China der KP schmerzhaft vor Augen führt, dass immer noch ein langer Weg zur Unabhängigkeit zu gehen ist, sei es bei der Leading-Edge-Chipfertigung aber auch beim Chipdesign z.B. von High-End-Prozessoren.

Offenbar findet nun tatsächlich ein Umdenken sowohl bei der Bundesregierung als auch auf EU-Ebene statt, möglicherweise war der geplante Kauf von Arm durch Nvidia oder die Übernahme von Siltronic durch den taiwanesischen Rivalen Global Wafers ein Trigger, möglicherweise aber auch die Erkenntnis in der Automobilindustrie, dass man z.B. beim autonomen Fahren vollkommen von US-Firmen wie Nvidia, Qualcomm oder Intel abhängig sein wird, da man anders als Tesla nicht in der Lage ist, eigene SoCs als zentrale Computing-Einheiten zu entwickeln. Und nachdem man sehenden Auges die ehemalige Infineon-Tochter Qimonda hat über die Klinge springen lassen, gibt es auch noch eine extreme Abhängigkeit zu Südkorea, wo mit Samsung und Hynix zwei dominierende Speicher-Hersteller ansässig sind.

Alleine die Konzentration auf „More than Moore“-Technologien oder die Top-Leistungselektronik im Fall von Infineon hilft hier alleine nicht, das hat offenbar auch Wirtschaftsminister Altmeier erkannt: Bei Prozessoren oder 5G-Chips solle Europa „ein Stück weit mehr auf eigenen Beinen stehen können“, erklärte er gestern auf dem Digitalgipfel der Bundesregierung. Um dies zu realisieren, sollen auf EU-Ebene staatliche Hilfen von bis zu 15 Milliarden Euro akquiriert werden als Starthilfe für Investitionen in eben genau diese Produktbereiche. Dazu soll ein Projekt von gemeinsamem europäischem Interesse (IPCEI) aufgesetzt werden. Angeblich soll bereits in der nächsten Woche eine Absichtserklärung unterzeichnet werden. Was Deutschland angeht, stehen laut Altmeier Mittel im Corona-Konjunkturprogramm der Bundesregierung bereit.

Industrie muss mit ins Boot

Selbst wenn die Anschubfinanzierung in Brüssel realisiert würde, dürften die europäischen Halbleitergrößen Infineon, ST Microelectronics und NXP – das 2020 leider nicht mehr in den Top-15 weltweit vertreten sein wird – kaum Interesse haben, High-End-CPUs und 5G-Chips zu entwickeln, wenn sie keinen attraktiven Markt erkennen können.

Altmaier und EU-Kommissar Therry Breton sollen daher bereits an einem Deal analog zur europäischen Batterie-Allianz arbeiten, in welcher sich ja 17 Unternehmen zusammengeschlossen haben, damit „europäische Champions auch global die Führung übernehmen“ können und sollen.

Das Ganze kann de facto nur funktionieren, wenn die großen europäischen Automobil- und Telecom-Hersteller zukünftig eben auch in Europa einkaufen würden, wenn entsprechende Produkte erhältlich wären. VW und Daimler haben jedenfalls in der jüngeren Vergangenheit erstmal große Partnerschaften mit Nvidia verkündet, was nicht nur die Abhängigkeiten Richtung Silicon Valley weiter verstärken wird sondern auch noch das Risiko in sich birgt, dass man direkt in den Konflikt USA gegen China reingezogen wird.

Die USA haben ja die Chip-Industrie als Hebel erkannt, Chinas Aufstieg der Halbleiterbranche und der High-Tech-Industrie massiv auszubremsen, natürlich primär, um die eigene Industrie zu schützen. Die Idee: Wenn Fab-Tools und IP nicht mehr geliefert werden dürfen, gibt es von Huawei & Co. keine wettbewerbsfähigen Produkte mehr.

 

Erst kürzlich intervenierten die USA, als ASML Fab-Tools an die chinesische Foundry SMIC liefern wollte. Qualcomm, Intel & Co. dürfen schon seit längerem bestimmte Chips nicht mehr nach China exportieren. Und wenn es ganz schlecht läuft, wird auch das von den USA politisch weil militärisch abhängige Südkorea nicht mehr ewig unabhängig agieren können.

Wenn man sich nun vorstellt, dass z.B. Nvidia nur noch Kunden beliefern darf, deren Produkte nicht nach China exportiert werden, wäre das ein Horror-Szenario für die deutschen Autohersteller, das sogar schon in der Bundesregierung diskutiert werden soll.

Insofern kann man nur hoffen, dass tatsächlich den großen Worten auch einmal große Taten folgen werden, zumal die Innovation im Auto nicht mehr über Spaltmaße oder Dieselmotor-Bau sondern eben über die Elektronik realisiert wird. Ein unabhängigeres Europa in Bezug auf Prozessoren, Funkchips und Speicher ist daher mehr als überfällig.

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