Schwerpunkte

Rafis neue EMS-Strategie

»Der technischen Evolution verpflichtet«

11. November 2020, 08:52 Uhr   |  Andreas Knoll

»Der technischen Evolution verpflichtet«
© Rafi

Die Rafi-Geschäftsführung: CEO Dr. Lothar Seybold (links) und CFO Lothar Arnold

Als »One Rafi« baut die Rafi-Firmengruppe ihr EMS-Geschäft aus. Die Geschäftsführer Dr. Lothar Seybold und Lothar Arnold informieren über die EMS-Strategie, Zielgruppen und Alleinstellungsmerkmale von Rafi.

Als Anbieter sowohl von HMI-Systemen als auch von E2MS-Dienstleistungen fertigt Rafi neben Tastern und Schaltern – dem traditionellem Kerngeschäft – elektronische Baugruppen, Touchscreens und komplette Bediensysteme für Nutzfahrzeuge, den Maschinenbau oder die Elektromedizin. Aktuell forciert die Firmengruppe mit Hauptsitz in Berg bei Ravensburg den weiteren Ausbau ihres E2MS-Geschäfts.

Markt&Technik: Herr Dr. Seybold, Herr Arnold, aus gegebenem Anlass eine Frage vorweg: Welche Auswirkungen spürt Rafi durch die Corona-Pandemie?

Dr. Lothar Seybold: Bisher haben wir dank unseres breit aufgestellten Leistungsspektrums keine starken Einbrüche zu verzeichnen. Angesichts der unsicheren Großwetterlage zahlt sich für Rafi die ausgeprägte vertikale Wertschöpfung aus – wir fertigen bei uns ja nicht nur Elektronik-Baugruppen, sondern komplette Bedienlösungen einschließlich Gehäuse, Gerätesteuerung, Touchscreens und Elektromechanik. Das macht uns unabhängiger von komplexen Lieferketten, die gerade in der aktuellen Situation schnell gestört werden können. Zudem sind wir durch unsere breite Aufstellung in diversen Endanwender-Branchen in der Lage, Auftragseinbrüche mit Produktionssteigerungen in anderen Segmenten auszugleichen. Das erfordert aber auch hohe Flexibilität.

Seybold: Weil heute viele unserer größeren Kunden eine agile Projektierung von uns erwarten, verfügen wir auch über die Strukturen, um rasch auf Änderungen reagieren zu können. Beispielsweise hatte der Schweizer Medizintechnikhersteller Hamilton Medical, dem wir anschlussfertige Touch-Bedieneinheiten für seine Beatmungsgeräte liefern, Anfang des Jahres ein drastisches Anwachsen der Nachfrage zu bewältigen. In der Folge mussten wir unsere Produktion kurzfristig erheblich intensivieren. Um die erforderlichen Kapazitäten bereitzustellen und dem dringenden Auftrag höchste Priorität einzuräumen, haben wir unsere Fertigungsabläufe in kurzer Zeit weiträumig umdisponiert. Allerdings verfügen wir in Ernstfällen durch die enge Vernetzung unserer drei EMS-Standorte in Deutschland und Ungarn auch über die erforderliche Redundanz, um Engpässe zu umgehen.

Den meisten Marktteilnehmern fallen beim Namen Rafi vermutlich zuerst Bedienkomponenten ein, wie Schalter und Taster oder auch Industrie-Touchscreens und HMI-Systeme. Weniger bekannt ist, dass Ihr Unternehmen auch zu den größten EMS-Dienstleistern Deutschlands zählt.

Rafi
© Rafi

Mit seinen diversen Bestückungslinien ist Rafi auf SMD-Bestückung bis Finepitch 01005 vorbereitet.

Lothar Arnold: Das liegt vermutlich an der jeweiligen Perspektive, weil auf Markenprodukten nicht der Herstellername der integrierten elektronischen Baugruppen steht. In der B2B-Welt stehen wir bei Branchenführern der Robotik-, IT- und Nutzfahrzeugindustrien wie Kuka, AGCO, Still oder Lancom im Ruf eines innovativen und zuverlässigen EMS-Partners. Gleiches gilt für die Bereiche Automotive, Medizintechnik, Maschinenbau und industrielle Automatisierungstechnik. Aber natürlich wollen wir unsere Marktposition weiter ausbauen und haben deshalb jetzt eine Initiative gestartet, um uns im EMS-Bereich – unserem zweiten großen Geschäftsfeld neben kundenspezifischen HMI-Systemen – neu zu positionieren. Dabei geht es uns neben der Erhöhung unserer Bestückungskapazitäten darum, unser Know-how und unsere speziellen Kompetenzen im erweiterten EMS-Geschäft noch prominenter zu präsentieren.

Als E2MS-Dienstleister (Electronic Engineering and Manufacturing Services) bietet Rafi neben der Elektronikfertigung das vollständige Leistungsspektrum von der Elektronikentwicklung bis zum Lebenszyklus- und Obsolescence Management für Serienprodukte. Zudem führen wir derzeit eine gezielte Weiterentwicklung und Integration der Rafi-Firmengruppe durch, um für unsere Kunden die Kontaktaufnahme zu uns weiter zu vereinfachen.

Welcher Art sind die Veränderungen?

Seybold: Weil die Rafi-Gruppe aus mehreren Tochterfirmen mit unterschiedlichen Kompetenz-Schwerpunkten besteht, mussten sich Kunden in vielen Fällen zunächst die zu ihrem Projekt passenden Ansprechpartner suchen. Künftig bekommen Kunden überall auf der Welt den jeweils passenden Partner in ihrer Nähe vermittelt. Dies wird ermöglicht durch unsere Produktionsstätten in Deutschland, Ungarn, China und in den USA. Dafür haben wir die Durchgängigkeit in unserer informellen hausinternen Vernetzung erhöht und alle Niederlassungen unter unserem Unternehmensdach zusammengerückt.

Wie positioniert sich Rafi auf dem EMS-Markt gegen die Konkurrenz aus Fernost?

Arnold: Betrachtet man das Hauptgeschäft der großen asiatischen EMS-Dienstleister, wird deutlich, dass es zu unseren Leistungen oft nur periphere Überschneidungen gibt. Chinesische Anbieter sind normalerweise auf den IT-Massenmarkt mit sehr großen Stückzahlen für dezidierte Produkte eingestellt. Mit diesem Modell konkurrieren wir aber gar nicht. Durch unseren hohen Automatisierungsgrad und Standorte in Osteuropa sind wir zwar auch in der Lage, jährlich Stückzahlen von 100.000 Stück bis in den Millionenbereich zu liefern, adressieren aber bevorzugt Unternehmen, die sich technologisch stark vom Wettbewerb abheben. Sie brauchen oft nur mittlere Stückzahlen und benötigen dafür aber einen EMS-Partner, der über ausgeprägte Entwicklungs-, Service- und logistische Kompetenzen verfügt. Durch unsere eigenen Einkaufsbüros in Asien, über die wir hohe Bestellmengen abwickeln, können wir unseren Kunden auch bei kleineren Stückzahlen sehr gute Bauteilepreise anbieten.

Mit unseren E2MS-Leistungen haben wir vor allem sieben Branchen im Fokus: Eine wichtige Zielgruppe für uns sind Anbieter neuartiger IoT-Lösungen im Funktionskreis Bestandsführung, Lagerhaltung und Tracking. Für diese Applikationen sind wir gut aufgestellt, weil wir über umfassendes Know-how im Bereich Funktechnologien verfügen. Ebenso zählen Hersteller aus den Bereichen Metering und Mobility zu unseren zentralen Kundengruppen, wo unsere Schwerpunkte auf Bahntechnik, E-Mobility und landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen liegen. Weiter spielt das Marktsegment Medizintechnik für Rafi eine wichtige Rolle; hier verfügen wir über entsprechende Zertifizierungen und sind mit unseren Bestückungstechniken gut für den auf diesem Gebiet vorherrschenden Miniaturisierungs-Trend gerüstet. Und natürlich zählen klassische Automatisierungstechnik im Umfeld von Robotik-, RFID- und Funkanwendungen, Industrieelektronik und Sicherheitstechnik für die Datenerfassung und -haltung zu unseren zentralen Kompetenzfeldern.

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