Interview »Irgendwann werden wir eine Dienstleistungsfirma sein«

Die Verflechtungen zwischen Foxconn und S&T

Elektronik: Wie stark sind die Verflechtungen zwischen Foxconn und S&T?

Hannes Niederhauser: Als wir Kontron kaufen wollten, wollte Foxconn ebenfalls Kontron kaufen. Ich konnte Foxconn dann davon überzeugen, dass das ohne Software keine gute Idee ist. Hardware allein hat keine Zukunft. Der Deal war dann, dass wir Kontron gekauft haben, Foxconn sein Angebot zurückgezogen hat und in die S&T investierte. Das hat mit mehreren Zwischenschritten dazu geführt, dass Foxconn jetzt 26,7 Prozent an der S&T hält.

Elektronik: Warum haben Sie ausgerechnet Foxconn ins Boot geholt?

Hannes Niederhauser: Wenn man sich das Bruttosozialprodukt der Welt ansieht, hat China einen Anteil von 18 Prozent. Übertragen auf unsere Milliarde Umsatz bedeutet das, dass auf China etwa 200 Millionen entfallen müssten. Tatsächlich sind es 50. Wir sind also unterrepräsentiert.

Dann muss man auch sehen, wo sich China hinentwickelt. Etwa die Hälfte aller Fabriken auf der Welt steht in China. Gleichzeitig ist es das Land mit den am stärksten wachsenden Gehältern, hat aber eine sehr geringe Automatisierungsquote. China muss also automatisieren und ist damit für die nächsten 20 Jahre der interessanteste Markt für Automatisierungstechnik. Das spiegelt sich auch in Chinas Agenda 2025 wider, in der eine starke Zunahme der Robotik festgeschrieben ist.
Für uns heißt das: Das ist der Markt, wo wir unsere Produkte verkaufen können. Ohne Kontakte ist das aber schwierig. Seit wir mit Foxconn zusammenarbeiten, tun sich die Türen deutlich leichter auf. Wir konnten in diesem Jahr z.B. einen 18-Millionen-Dollar-Deal mit einer der größten chinesischen Airlines gewinnen, um Flugzeuge mit WLAN und Steuerungssystemen für die Kabine auszustatten. Das hätten wir ohne Foxconn nicht geschafft.

Elektronik: Foxconn ist bekannt als Fertigungsbetrieb. Wie viel lassen sie in China fertigen?

Hannes Niederhauser: Etwa 40 Prozent unserer Produktion. Vorwiegend alles das, was nicht so eilig ist. Es hängt aber auch von unseren Kunden ab. Wenn die nicht wollen, dass das Produkt in China gefertigt wird, machen wir es hier.

Elektronik: Weil die Gefahr besteht, dass die Chinesen die Technologie kopieren?

Hannes Niederhauser: Die Technologie in China ist nicht wirklich schlechter. Wenn ich z.B. das Werk in Guangzhou besuche, dann fahre ich mit dem Hochgeschwindigkeitszug mit 400 km/h – wo kann ich das in Deutschland? Oder nehmen sie die Zahl der Elektroautos. So viele wie die Chinesen haben wir längst nicht auf der Straße. Bei Batterien führen sie, bei Solarpanels haben sie die vielversprechenden Ansätze in Deutschland plattgemacht.

Elektronik Teilen Sie die Ansicht, dass Deutschland in der Gefahr steht, technologisch den Anschluss zu verlieren?
Hannes Niederhauser: Das ist Quatsch. China ist in manchen Feldern gut, in manchen nicht so gut, so wie jedes Land. Das fängt schon beim Schulsystem an. Chinesen sind zwar sehr fleißig, die Deutschen werden aus meiner Sicht aber zu mehr Kreativität erzogen. Mein Sohn, der mit acht Jahren das Dividieren gelernt hat, fragt Alexa: Was ist 221 durch 13? Natürlich ist das geschummelt, aber am Ende hat er gewonnen. Einem Chinesen würde es eher nicht einfallen, so eine Frage an Alexa zu stellen. Deshalb mache ich mir um Deutschland keine Sorgen. Wir haben das höchste Lohnniveau weltweit für ungelernte Kräfte. Was muss man da tun? – Automatisieren! Deshalb ist die Automatisierungsindustrie in Deutschland weltweit führend.

Elektronik: An ihrem Hauptstandort Augsburg möchte Fujitsu sein Computerwerk loswerden. Haben Sie darüber nachgedacht, da einzusteigen?

Hannes Niederhauser: Ich war sogar schon einmal dort.

Elektronik: Das heißt ja noch nichts.

Hannes Niederhauser:  Mehr will ich auch nicht sagen. Ich hab‘s mir angeschaut und finde, dass Technologie und Produktion gut sind. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir in irgendeinem definitiven Gesprächsstadium sind. Abgesehen davon macht Fujitsu hauptsächlich Consumer-Elektronik, die für uns komplett uninteressant ist und nur einen kleinen Teil Embedded-Elektronik.

Elektronik: Viele Hardware-Hersteller versuchen jetzt, das Geschäft mit Software auszuweiten. Wie bringt man die Kunden dazu, die Software nicht nur als Zugabe zu betrachten, sondern dafür zu bezahlen?

Hannes Niederhauser: Das ist ganz einfach. Lassen Sie mich ein Beispiel erzählen: Wir vernetzen u.a. Roboter. Wenn Roboter nicht miteinander kommunizieren, dann können sie kollidieren. Vernetzt können sie gemeinsam ein Werkstück schneller bearbeiten und die Produktivität erhöhen. Die Investitionskosten für die Vernetzung betragen etwa zwei bis drei Prozent dessen, was ein Roboter kostet. Der Produktivitätsfortschritt liegt aber zwischen fünf und zehn Prozent. Der Maschinenhersteller, der das zahlen muss, hat einen Return on Investment innerhalb von drei bis sechs Monaten. Das heißt, jeder Maschinenhersteller will heute, dass seine Roboter vernetzungsfähig sind.

Hannes Niederhauser – Ingenieur mit Sinn fürs Geschäft

Hannes Niederhauser ist einer der wenigen CEOs in Deutschland, der eine technische Ausbildung hat. Wir haben ihn gefragt, wie er seine erste eigene Firma gründete, und lassen ihn hier mit seiner ungewöhnlichen Geschichte selbst zu Wort kommen:

Das war, als ich noch selbst Embedded-Computer entwickelt habe. Da habe ich gesehen, dass die Vertriebsleute mehr verdienen als ich. Man hat mich immer wieder zu den Kunden mitgenommen und wenn ich mit Ingenieuren sprach und deren Probleme lösen konnte, dann kam das recht gut an. Etwa 1993/94 traf mein Chef eine Entscheidung, die ich für dumm erachtete. Dabei ging es um ein Blutanalysegerät, mit dem man die Dauer eines Aids-Tests von drei Wochen auf Mikrosekunden verkürzen konnte. Dafür wurde eine Steuerung gebraucht, aber der Chef war der Meinung, dass Aids nicht wichtig ist. Daraufhin habe ich den Auftrag mitgenommen und mich selbstständig gemacht.

Als Ein-Mann-Firma habe ich mich dann mit einer amerikanischen Firma zusammengetan, deren Produkte ich verwendet und auch vertrieben habe. So ging es los. Mein erster Jahresumsatz waren 460.000 Mark. Die Marge betrug etwa 50 Prozent. Das zweite Jahr waren es 1,3 Millionen, drittes Jahr 2,3 Millionen, viertes Jahr 3,6 – und dann habe ich einen Konkurrenten gekauft, die Boards AG.
Mit der Boards AG bin ich dann auf BMW gestoßen, die die Kontron schließen wollten und durch Abfindungen und Aufgabe des Betriebsorts 60 Millionen Schließungskosten gehabt hätten. Da habe ich angeboten, das weiterzuführen, woraufhin BMW mir das Unternehmen praktisch geschenkt hat. Eine Million Mark habe ich bezahlt. Die habe ich mir von einem Venture Capitalist aus London geholt. Mein Geld reichte zu diesem Zeitpunkt noch für die Gehälter der nächsten eineinhalb Monate. Aber das haben wir dann relativ schnell auf die Reihe gebracht, zumal es für BMW-Werkstätten noch ein Diagnosesystem gab, das wir denen verkaufen konnten.

2001 kam dann der Börsengang. Die Technologiefirmen am Neuen Markt waren damals so überbewertet, dass die Kurse durch die Decke gingen. Das ging natürlich nicht ewig so weiter, die ganze Blase platzte dann recht bald. Aber bis zu meinem Weggang 2007 hat die damalige Kontron nie Geld verloren und immer verdient, ganz gleich, ob es eine Krise gab oder nicht. Für mich als Techniker war das Rezept dafür ganz einfach: man darf nie mehr Geld ausgeben als man einnimmt.

Die Lehmann-Krise habe ich irgendwie vorhergeahnt. Ich habe unser Gebäude in Augsburg noch selbst verkauft, zu einem horrenden Preis an einen irischen Fonds, der dann der Krise zum Opfer fiel. Es war alles so überbewertet, dass ich mir gedacht habe, das kann nicht mehr ewig so weitergehen.

Ich hätte mich dann eigentlich zur Ruhe setzen können, aber kennen Sie den Film »Papa ante portas!?« [Anm.: Da wird der Familienvater pensioniert und glaubt nun, das Zuhause managen zu müssen, womit er nur Unruhe stiftet]. So ähnlich lief das bei uns zuhause ab. Also habe ich mir gesagt, es wird Zeit, dass ich wieder eine Beschäftigung finde, und dann bin ich in die S&T eingestiegen.

 

Elektronik: Wir wird sich S&T in drei Jahren verändert haben?

Hannes Niederhauser: Wir werden mehr und mehr Service Level Agreements verkaufen, sprich die Geräte einbauen und dann eine monatliche Servicegebühr bekommen. Schon ein Drittel unserer Umsätze sind solche regelmäßigen Gebühren. Das wollen wir weiter ausbauen. Irgendwann werden wir eine Dienstleistungsfirma sein.

Elektronik: Welche technischen Meilensteine wird es geben?

Hannes Niederhauser: Wir haben letztes Jahr 13,5 Prozent für Entwicklung ausgegeben. Advantech liegt bei 7,9, Kontron alt bei 6,9. Diese hohen Investitionen sind vor allem durch die Software bedingt – und da bin ich auf drei Sachen besonders stolz: SUSIEtec, GMS und TSN.

SUSIEtec ist eine Plattform, die die Endgeräte – also Aktoren, Sensoren und Steuerungen in einer Fabrik – echtzeitfähig vernetzt. Wir machen damit heute 4,5 Millionen Euro Umsatz und haben momentan 50 Probeinstallationen laufen und nur einen Kunden, der die volle Fabrik vernetzt hat. Es werden nicht alle konvertieren, aber der Boom steht hier erst noch bevor.

GMS ist unser Grid Management System für Smart Grids und intelligente Zähler. Statt Signale auf die Stromleitung zu modulieren haben wir eine Technologie auf Basis von IoT-Standards entwickelt. Das Gerät kommt von Foxconn, die Software von uns. Gesammelt werden die Daten in der Microsoft-Cloud Azure.

TSN bzw. Time Sensitive Networking bedeutet Echtzeit über normale IT-Netzwerke. Eine proprietäre Feldbus-Verbindung von A nach B kostet über drei Jahre inkl. Service rund 3000 Euro. Mit TSN können wir die Kosten auf unter 100 Euro senken. Im Herbst auf der SPS möchte ich das erste Volumen-Gateway mit TSN vorstellen.

Elektronik: Da taucht überhaupt keine künstliche Intelligenz auf. Ist das kein Thema für Sie?

Hannes Niederhauser: Doch, wir haben da eine Box für Intels Mobileye entwickelt, das ist dieses System mit sechs Kameras, das registriert, wo ein Auto hinfährt. Für dieses System haben wir ein Echtzeitsystem entwickelt, das den Datenstrom der hochauflösenden Kameras dynamisch auswertet und klassifiziert. Der relativ unscheinbare Kasten kostet 80.000 Euro. Kann man damit Geld verdienen? – Ja! Wenn man 400 Stück für Prototypen verkauft, sind das 30 Millionen. Haben wir letztes Jahr gemacht. Dieses Jahr haben wir weitere Aufträge gewonnen, u.a. auch den ersten deutschen Hersteller.

Wir wollen aber mit dem System nicht in Volumenanwendungen – das ist nicht unser Geschäft. Irgendjemand wird das System so herunterbrechen, dass es eines Tages nur noch 2000 Euro kostet und dieser Jemand wird Foxconn sein. Wenn ich dann von jedem Auto 70 Cent Maintenance-Gebühr im Jahr für die Vernetzung bekomme, ist das ein gutes Geschäft.

Wir bedanken uns für das tolle Gespräch, Herr Niederhauser (Joachim Kroll, Elektronik)