Renesas Electronics

Automotive-Aktivitäten werden deutlich ausgebaut

21. September 2022, 9:52 Uhr | Iris Stroh
Vivek Bhan, Renesas Electronics
Vivek Bhan, Renesas Electronics: »Es ist ganz klar: Wir investieren und erweitern unser Portfolio sowohl für ADAS als auch für EV, denn beide Anwendungsbereiche sind für uns strategische Schlüsselsegmente.«
© Renesas Electronics

Vivek Bhan, Senior Vice President von Renesas Electronics, macht im Gespräch mit Markt & Technik deutlich, dass das Unternehmen mehr als ambitioniert ist, um in den Bereichen »ADAS/AD« und »EV« in Zukunft eine deutlich wichtigere Rolle zu spielen.

Markt & Technik: Renesas Electronics übernimmt gerade Steradian Semiconductors, ein indisches Start-Up, das auf Radaranwendungen fokussiert ist. Was verspricht sich das Unternehmen davon?

Vivek Bhan: Bekanntermaßen wandern immer mehr ADAS-Anwendungen bzw. Systeme für autonomes Fahren, kurz AD-Systeme, in die Fahrzeuge von heute und dieser Trend hält auch in der Zukunft an. Im Zuge dessen stellt die Sensorfusion eine wichtige Funktion dar. Dafür werden die Daten verschiedener Sensortechnologien, angefangen bei kamerabasierten Systemen, über Radar, bis hin zu anderen Technologien wie Ultraschall und LiDAR, gemeinsam verarbeitet, um ein möglichst genaues Bild des Umfelds des Fahrzeugs zu erzeugen.

Das heißt aber auch, dass immer mehr Sensoren in die Fahrzeuge wandern und Radar spielt dabei eine extrem wichtige Rolle, denn diese Technologie ermöglicht es, Objekte auch in weiter Entfernung genau zu erkennen, und das bei Tag oder Nacht, selbst wenn die Wetterverhältnisse schlecht sind.

Steigt der Automatisierungsgrad im Fahrzeug steigt auch die Anzahl der Sensoren, die im Fahrzeug integriert werden müssen. Sind für Level 2 noch 2 Kameras, ein Radar und diverse Ultraschallsensoren ausreichend, schauen die Anforderungen bei Level 4 bis 5 schon ganz anders aus. Bei so einem hohen Automatisierungsgrad ist davon auszugehen, dass zirka 12 Kameras, neun Radars, ein LiDAR und bis zu 12 Ultraschallsensoren in den Fahrzeugen integriert sein werden.

Damit ist klar, dass Radar ein sehr wichtiges Segment im Automotive-Markt darstellt. Es wird erwartet, dass sich die Radar-Nachfrage zwischen 2021 und 2026 verdreifachen wird, von 78 Mio. Einheiten im Jahr 2021 auf 229 Mio. Einheiten in 2026.

Es gibt verschiedene Arten von Radar-Implementierungen: Mittel-, Lang- und Kurzstreckenradar. Diese Technologien in Kombination mit der Kameratechnologie bilden ein umfassendes System für ADAS-Anwendungen und sind definitiv ein stark wachsendes Marktsegment im Automobilbereich.

Die Übernahme von Steradian ist Teil unserer Strategie, im ADAS/AD-Segment zu expandieren, denn mit Steradian Semiconductors kann Renesas jetzt auch im Radarmarkt aktiv werden, wobei das nicht nur für den Automobilmarkt gilt, sondern auch im Industriesegment.

Welcher Bereich ist für Renesas wichtiger, das Automotive-Segment oder industrielle Anwendungen?

Es gibt in beiden Bereichen durchaus Möglichkeiten, diese Technologie einzusetzen. Ich als Automotive-Experte sehe natürlich vorrangig die grundlegende Bedeutung von Radar in der Automobilindustrie, denn in diesem Segment ist diese Technologie unabdingbar. Dennoch: Aus der Sicht des Gesamtunternehmens kann Renesas mit dieser Technologie seine Präsenz auch in anderen Märkten, wie zum Beispiel Industrie, ausbauen.

Renesas ist bereits seit langer Zeit sehr aktiv, wenn es um Kameraanwendungen im Fahrzeug geht. Aber nicht mit Kameras, sondern mit den Rechnereinheiten, die die Daten verarbeiten. Mit Steradian Semiconductors steigt das Unternehmen auf der Transceiver-Seite ein, warum?

Es gibt verschiedene Ansätze, die sich derzeit herauskristallisieren und wir werden uns an allen wichtigen beteiligen. Eine Art von Architektur ist das so genannte Satellitenradar, bei dem Informationen gesammelt werden und an ein zentrales SoC oder eine Compute-Engine weitergeleitet werden. Das heißt in diesem Fall, dass es ein Frontend mit Transreceivern gibt, das die Daten sammelt, der Großteil der Verarbeitung findet im SoC statt. Eine andere Architektur basiert auf verteilten Recheneinheiten. Unsere Roadmap, wird es uns ermöglichen, beide Architekturen zu adressieren, das heißt auch, dass wir einige unserer digitalen IPs in den RF-Transceiver integrieren werden.

Und um es noch einmal zu wiederholen: Radar ist von grundlegender Bedeutung für ADAS, und wir sind fest entschlossen, unser Angebot im Automobilbereich auszubauen, da der Markt weiterhin sehr stark wächst. Aber wie gesagt, wir sind auch überzeugt, dass diese Technologie in vielen anderen Anwendungen wie in der Industrie oder in anderen Bereichen zum Einsatz kommen kann, das heißt, mit der Übernahme von Steradian sind wir in der Lage, diese Anwendungen zu bedienen. Denn Steradian verfügt über viel Erfahrung im Radarbereich, einschließlich RF-Transceivern und Halbleitern, aber auch wenn es um Radarmodule, SDKs oder Software für Radarsysteme geht. Das Unternehmen verfügt also über alle notwendigen Fähigkeiten und mit der Übernahme kann Renesas diese Fähigkeiten in Zukunft nutzen.

Dazu kommt noch, dass das Unternehmen führend im Bereich 4D-Millimeterwellen-Radar ist, ein Knowhow, das für Fahrerassistenzsysteme unabdingbar ist. 4D heißt in dem Fall, dass Entfernung, Richtung, Höhe sowie Bewegung und Geschwindigkeit gemessen werden können. Das heißt, damit werden alle Dimensionen abgedeckt, so dass diese bildgebenden Radarlösungen mit ihrer hohen Leistung extrem gut geeignet für die Automobilbranche und die Industrie von heute sind.

Es gibt bereits sehr bekannte Unternehmen im Halbleiterbereich, wie NXP oder TI, die hier aktiv sind. Wie positionieren Sie Renesas in Kombination mit Steradian auf dem Gebiet der Radar-Transceiver?

Wenn man sich Radarsysteme ansieht, spielt HF eine wichtige Rolle. Unsere Analyse hat ergeben, dass Steradian genau bei diesem Punkt durch sehr gute Parameter überzeugen kann, das gilt insbesondere in Bezug auf die Empfindlichkeit und den Stromverbrauch. Das heißt, wir sind überzeugt, dass wir in Hinblick auf HF durchaus an vorderster Front mitspielen können. Dazu kommt noch, dass der Steradian-Ansatz auch noch eine relativ kleine Lösung möglich macht, so dass die Gesamtkosten niedrig ausfallen. Damit wird klar, wir sind durchaus konkurrenzfähig, denn unsere Radarsysteme sind hochempfindlich, nehmen wenig Leistung auf und verbessern die Systemkosten – in Kombination mit der Tatsache, dass wir als Renesas den Entwicklern die Möglichkeit bieten, diese Systeme einfach zu integrieren, dürfte viele Entwickler überzeugen.

Wir haben also klare Differenzierungsmerkmale, und wenn man das mit unseren Rechenkapazitäten, den Software- und Kameraaktivitäten, die wir anbieten können, kombiniert, schafft das ganz klar eine Position, um am Markt konkurrenzfähig zu sein.

Basiert Steradians Ansatz auf einer CMOS-Technologie?

Ja. Ich möchte aber noch auf einen weiteren Vorteil hinweisen. Wir gehen davon aus, diese Akquisition bis Ende dieses Jahres noch abzuschließen. Das heißt, wir werden im Radarsegment zunächst einmal mit Transceivern, Modulen, Modulen mit Antennen und SDKs beginnen. Aber als Gesamtunternehmen kann Renesas in Zukunft noch viel umfassendere Systeme anbieten.

Wie Sie wissen, bietet Renesas auch Komponenten an, die über hohe Rechenkapazitäten verfügen. Damit können wir also in Zukunft auch Ansätze anbieten, die neben dem Radarsensor auch die Verarbeitung der Radardaten ermöglicht, plus das entsprechende Power-Management, das die Stromversorgung des Systems sicherstellt. Kombiniert man also den Transceiver und die Edge-Software von Steradian mit unserer Expertise, können wir optimierte Systeme anbieten. Damit ist klar, dass wir die Übernahme von Steradian als durchaus komplementär betrachten!

Jetzt muss ich noch einmal einhaken: Auch NXP bietet Transceiver und die entsprechenden Radarprozessoren an. Renesas arbeitet schon seit einiger Zeit mit Steradian zusammen, dennoch: Ist Renesas nicht ein bisschen zu spät dran, um in diesen Markt einzusteigen?

Nein! Es stimmt: Wir arbeiten bereits seit einiger Zeit mit Steradian zusammen und sind dementsprechend sehr vertraut mit der Technologie und dem Team. Der Zeitplan sieht vor, dass wir die Transceiver in diesem Jahr ausliefern werden. Das heißt, dass wir anfänglich nur die Transceiver liefern, langfristig aber eben auch komplette Lösungen, einschließlich Rechnereinheit. Um es noch einmal klarzustellen: 2022 wird Renesas einen Radar-Transceiver für Automobilanwendungen auf den Markt bringen, denn, wie gesagt, gibt es dafür durchaus einen Bedarf, denn dieser Transceiver wird in der Lage sein, mit verschiedenen SoC-Systemen verbunden zu werden. Ein Renesas-SoC für die Verarbeitung der Radardaten wird später folgen.


  1. Automotive-Aktivitäten werden deutlich ausgebaut
  2. Der Bedarf an IGBTs für Elektrofahrzeuge steigt deutlich

Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

Renesas Electronics Europe GmbH