TÜV Mobility Studie

Immer mehr Menschen liebäugeln mit einem E-Auto

17. Mai 2022, 15:33 Uhr | Kathrin Veigel
The Mobility House Itron Ladeinfrastruktur
Einerseits können sich immer mehr Menschen den Kauf eines E-Autos vorstellen, andererseits bremsen Reichweitenangst und Ladesäulenmangel die E-Mobilität in Deutschland aus - das sind zwei Ergebnisse der TÜV Mobility Studie 2022 des TÜV-Verbands.
© The Mobility House

Gut jeder Vierte kann sich vorstellen, als nächstes Fahrzeug ein Elektroauto anzuschaffen. Dagegen halten 52 Prozent den Kauf eines E-Auto für unwahrscheinlich und 22 Prozent haben keinerlei Pläne für die Anschaffung eines Autos. Das hat eine TÜV-Umfrage unter 1.000 Personen ab 16 Jahren ergeben.

Trotz des aktuellen Absatzbooms bei Elektrofahrzeugen gebe es in der Bevölkerung aber immer noch viele Vorbehalte gegen die Elektromobilität, das erklärt Dr. Joachim Bühler, Geschäftsführer des TÜV-Verbands, bei der Vorstellung der »TÜV Mobility Studie 2022«. Gegen die Anschaffung eines Elektroautos sprechen laut Umfrage, die Ipsos im Auftrag des TÜV-Verbands durchgeführt hat, an erster Stelle die geringe Reichweite (für 49 Prozent), gefolgt von hohen Anschaffungskosten (46 Prozent) und der geringen Verfügbarkeit von Ladestationen (44 Prozent). Zudem haben 42 Prozent Zweifel, ob Elektrofahrzeuge umweltfreundlicher sind als Verbrenner.

Im Vergleich zur letzten Befragung vor zwei Jahren habe sich an den Bedenken trotz der technischen Entwicklung und staatlicher Förderprogramme kaum etwas geändert, so Bühler. »Die Reichweitenangst in Kombination mit der Ladeproblematik kann toxisch für die Elektromobilität wirken.« Die aktuell hohen Verkaufszahlen könnten sich als Strohfeuer erweisen, wenn Politik und Hersteller jetzt nicht gegensteuerten. »Wir brauchen eine Offensive für mehr Ladestationen, eine zielgenauere Förderung und mehr günstige E-Autos für Jedermann. Und wir müssen besser darüber informieren, welchen Beitrag die Elektromobilität für den Umwelt- und Klimaschutz leisten kann«, ist sich Bühler sicher. Schon jetzt sei die Reichweite von E-Autos für den Mobilitätsbedarf der meisten Menschen mehr als ausreichend.

Neben besseren Bedingungen für die Elektromobilität befürworten die Bundesbürger verschiedene Maßnahmen, um die Klimabelastung durch den Straßenverkehr zu verringern. 80 Prozent fordern einen beschleunigten Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs und 82 Prozent wünschen sich einen kostenfreien ÖPNV.

70 Prozent der Befragten fordern darüber hinaus einen beschleunigten Ausbau der Infrastruktur für Fahrräder und 49 Prozent wünschen sich eine finanzielle Förderung von Lastenrädern und E-Bikes.

Auch kontrovers diskutierte Maßnahmen finden eine Mehrheit: 56 Prozent befürworten ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen (38 Prozent lehnen ab) und 49 Prozent sind für eine Verschärfung der Abgasgrenzwerte für Pkw (38 Prozent lehnen ab). Immerhin 40 Prozent befürworten ein Tempolimit von 30 km/h in Städten, 55 Prozent der Befragten sind aber dagegen. Auch eine City-Maut oder Null-Emissionszonen lehnt eine Mehrheit ab.

»Die Bundesregierung hat die Chance, mutige Entscheidungen für den Umwelt- und Klimaschutz zu treffen«, sagt Bühler. Nur so könne auch der Verkehrssektor einen Beitrag zur Reduktion der Treibhausgase leisten. Als eine kurzfristig wirksame Maßnahme empfiehlt der TÜV-Verband, die Richtwerte zur Luftqualität gemäß den internationalen Empfehlungen anzupassen. Luftschadstoffe wie Feinstaub und Stickoxide sollten zeitnah bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor im Rahmen der Abgasuntersuchung unabhängig überprüft werden.

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Auto und Fahrrad sind die Corona-Gewinner, ÖPNV verliert

Laut den Ergebnissen der Umfrage hat die Corona-Pandemie die Stellung des Autos als wichtigstes Verkehrsmittel noch verstärkt. 72 Prozent der Bundesbürger nutzen an einem gewöhnlichen Werktag ein Auto. Das entspricht im Vergleich zu Anfang 2020, vor dem Ausbruch der Pandemie, einem Plus von 7 Prozentpunkten. 32 Prozent fahren werktäglich Rad (plus 3 Punkte). Damit hat das Fahrrad den öffentlichen Nahverkehr vom zweiten Platz verdrängt.

25 Prozent nutzen an Werktagen den ÖPNV, ein Minus von 7 Punkten. 5 Prozent fahren mit einem Motorrad oder Motorroller (plus 2 Punkte). »Der individuelle Verkehr per Auto, Fahrrad oder Motorrädern gewinnt. Dagegen haben viele Menschen während der Pandemie Busse und Bahnen aus Sorge vor Ansteckung gemieden«, sagte Bühler. Das heiße aber nicht, dass sich die Befragten nicht einen attraktiveren Nahverkehr wünschen und diesen auch nutzen würden.

Die Studie zeigt, dass es den meisten Bürgern sehr schwer fällt, ihre Mobilität umwelt- und klimaschonender zu gestalten. Die größten Probleme des Straßenverkehrs haben die Befragten identifiziert: die Überlastung der Innenstädte, Luftverschmutzung, Klimabelastung und zu viele Staus. 54 Prozent geben an, dass der Umwelt- und Klimaschutz bei ihren Mobilitätsentscheidungen eine Rolle spielt.

Fragt man aber, was den Menschen bei der eigenen Mobilität besonders wichtig ist, stehen Flexibilität, Schnelligkeit und Verlässlichkeit auf den ersten drei Plätzen. Es folgen die Faktoren Sicherheit, Kosten, Bewegung und Komfort. Der Schutz der Umwelt landet am Schluss. Viele Aktivitäten wie Einkäufe oder Ausflüge sind den Befragten ohne eigenes Auto zu beschwerlich, geben 55 Prozent der Autobesitzer an. Und es fehlt an Alternativen. Der Öffentliche Nahverkehr ist für 50 Prozent und das Fahrrad für 35 Prozent nicht verfügbar oder zu unsicher. Auch an ausreichenden Carsharing-Alternativen mangelt es, sagen 30 Prozent.

Sicherheit im Straßenverkehr verbessern

Was die technische Sicherheit der Fahrzeuge angeht, werden Fahrerassistenzsysteme immer wichtiger. Ab Juli 2022 müssen in neuen Fahrzeugtypen eine Reihe dieser Systeme eingebaut werden, darunter Notbremsassistent, Müdigkeitswarner oder intelligenter Geschwindigkeitsassistent. 44 Prozent der Befragten haben Assistenzsysteme bereits genutzt.

Aber auch Assistenzsysteme können verschleißen. Anfällig sei vor allem die empfindliche Sensorik, die durch Parkrempler oder unsachgemäße Reparaturen beeinträchtigt werden kann. Sind die Sensoren beschädigt oder falsch ausgerichtet, können sie zu Fehlfunktionen des Systems führen. Dann werden Sicherheitssysteme zum Unfallrisiko. Deshalb sei es wichtig, Funktion und Wirkung von Assistenzsystemen regelmäßig bei der Hauptuntersuchung zu überprüfen. Drei von vier Befragten sprechen sich dafür aus, dass Assistenzsysteme von unabhängigen Stellen geprüft werden (75 Prozent).


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