Big Data in der Mobilität

»Ich verteile Daten wie das Krümelmonster Krümel«

1. Februar 2022, 11:20 Uhr | Irina Hübner
Big Data in der Mobilität bietet viele Chancen.
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Moderne Fahrzeuge generieren immer mehr Daten – das ist den Fahrern durchaus bewusst, wenn auch nicht im vollen Umfang. Wenn die Menschen sich einen Nutzen davon versprechen, sind sie auch bereit, ihre Daten zu teilen, wie eine neue Studie aufzeigt.

Die Verkehrsteilnehmer haben bereits ein ausgeprägtes Bewusstsein, dass sie viele Mobilitätsspuren hinterlassen. Dies zeigte sich in einer von der HUK-Coburg geförderten Studie zum Thema »Big Data in der Mobilität« für das Goslar-Institut, der Studiengesellschaft für verbrauchergerechtes Versichern. Doch die Datenmenge sowie die Vernetzung der Daten wird noch unterschätzt – insbesondere beim Auto.

Die Studie basiert auf der mehrwöchigen Betrachtung einer Onlinecommunity: Eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern und ihre Datenspuren wurden über mehrere Wochen hinweg detailliert beobachtet und analysiert. Es gab mehrere Diskussionsrunden mit hochrangigen Experten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Verbänden und Wissenschaft sowie eine ergänzende Medienanalyse zum Thema Daten und Mobilität.

Der Blick ist auf die Chancen gerichtet

Im Vergleich mit der ersten gleichfalls von der HUK-COBURG geförderten Studie des Goslar Instituts zur Big-Data-Debatte von 2019 stellten die Verfasser nun fest, dass nicht mehr ein überwiegend düsterer Blick auf Big Data in der Mobilität vorherrscht. Vielmehr sei der Blick nun vor allem auf die Chancen gerichtet.

»Damit dreht sich die Datenschutzthematik vom Kopf auf die Füße«, sagt Mitautorin Prof. Dr. Susanne Knorre von der Hochschule Osnabrück. Jetzt werde zuerst danach gefragt, was man mit den vorhandenen Daten machen könne und welcher gesellschaftliche sowie individuelle Nutzen entstehe. Danach erst werde geprüft, wie dieser Nutzen datenschutzkonform zu realisieren ist. Insofern sei ein Perspektivwechsel zu beobachten, meint die Wissenschaftlerin.

Digitale Services in der Mobilität sind für Menschen inzwischen sehr wichtig geworden, wie Prof. Horst Müller-Peters von der Technischen Hochschule Köln als weiteres Ergebnis der Studie mitteilte. Die Dienste seien zu einem ständigen Begleiter geworden, der in Form von Verkehrsassistenzsystemen einen Zugewinn an Sicherheit biete, aber auch an Komfort und Entspannung.

Auch Müller-Peters betont, dass sowohl bei Verkehrsteilnehmern als auch Experten beim Blick auf Mobilitätsdaten der Nutzen der Daten im Vordergrund steht. Denn die digitale Vernetzung im Verkehr bedeute einen Gewinn an Nachhaltigkeit, an Effizienz, an Autonomie, an Sicherheit und auch an Bequemlichkeit, begründet der Experte die Einschätzung der Bürger und Experten. Im Vergleich dazu rücken die Bedenken in Bezug auf den Datenschutz in den Hintergrund. Allerdings bestehen nach wie vor Befürchtungen um die Sicherheit der Daten und darüber, dass die Daten unmittelbar gegen den Verkehrsteilnehmer verwandt werden könnten.

Im Rahmen der Studie kartierten die Wissenschaftler, welche Daten wo und in welcher Menge anfallen sowie welche »Macht«– im Positiven wie im Negativen – diese Daten haben, wenn sie untereinander und mit Kontextdaten, also Informationen von dritter Seite, verknüpft werden. Letzteres können demnach etwa Auskünfte zum Standort oder zum Wetter sein. Aus dieser Datenstruktur können neue umfassende Services geschaffen werden, die den Verkehrsteilnehmern zum Vorteil gereichen. Diese Sichtweise hat sich bei den Nutzern der Dienste inzwischen durchgesetzt, wie die Studie ausweist.

Breite Datenspur rückt ins Bewusstsein

Allen Studienteilnehmern ist bewusst, dass sie eine relativ breite Datenspur hinterlassen in Form von Standortdaten, Bewegungsdaten oder auch Kommunikationsdaten. Von der schieren Menge dieser Daten waren die Teilnehmer allerdings doch überrascht, wie die Verfasser der Untersuchung feststellten, ebenso wie von den Möglichkeiten, die sich durch die Verknüpfung dieser Informationen ergeben. Letztlich ist den Wenigsten demnach bewusst, wie breit tatsächlich die Datenspur ist, die wir alle hinterlassen.

Dabei reichen die Wahrnehmungen der befragten Studienteilnehmer von »Ich verteile Daten wie das Krümelmonster Krümel« bis zu »Ich denke, dass ich mit dem Auto nur wenige Datenspuren hinterlasse«. Ein weiterer Tenor der Befragten ging in die Richtung »Ich hoffe, dass mein Auto diskret ist.«

Worum aber handelt es sich bei den angesprochenen Mobilitätsdaten konkret? Zum einen natürlich um technische Daten zum Fahrzeug. Im Vergleich zum Smartphone als Datensammler wird das Fahrzeug allerdings bislang unterschätzt. Man vergisst, was über die Kameras und Sensoren der technischen Assistenzsysteme alles an Mobilitätsdaten aufgezeichnet wird sowie zum Fahrerprofil selbst.

Besonders spannend in diesem Zusammenhang ist die Frage, wer auf diese Daten zugreifen dürfen soll. Da sind die Verbraucher wählerisch. Sie zeigen ein Bewusstsein dafür, dass es um ihre Daten geht und wollen für ihre Herausgabe einen Vorteil genießen.

Geringe Transparenz bei Datenfreigaben

Aber ist es tatsächlich so, dass nur die Daten zur weiteren Nutzung frei sind, von denen die Verbraucher dies wollen? Oder verteilt man vielmehr Daten auch dann, wenn man gar nicht damit rechnet? So wie das zuvor zitierte Krümelmonster? Laut Studie ist das in den meisten Fällen so, weil die entsprechenden Freigaben in Smartphone, Apps und auch in Autos nicht entsprechend blockiert werden. Die Transparenz bei solchen Datenfreigaben ist vielfach noch deutlich zu gering. Für die Nutzer von Smartphones, insbesondere aber von Autos, ist es oft schon schwierig, die Einstellmöglichkeiten zur Datennutzung überhaupt zu finden. Zudem hat sich beim Verhalten gezeigt, dass viele die Beschäftigung mit den eigenen Datenspuren als unangenehm empfinden und sich wenig Nutzen versprechen.

Dies führt dazu, dass man unbewusst mehr Daten weitergibt als einem bewusst oder lieb ist. Laut der Studie war für die Studienteilnehmer nicht nur die Menge und Breite der Daten überraschend, die ein modernes Auto generieren kann, sondern auch, welche Möglichkeiten sich aus der Verknüpfung der reinen Mobilitätsdaten mit zusätzlichen Informationen zum persönlichen Alltag ergeben. Aus dieser Verknüpfung lassen sich auch Rückschlüsse auf Lebensgewohnheiten, soziale Strukturen oder gar auf die Persönlichkeitsstruktur des Fahrers ziehen.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich zwangsläufig die Frage, wem die Verbraucher die Nutzung ihrer Mobilitätsdaten anvertrauen wollen. Hierzu zeigten die Studienteilnehmer eine sehr pragmatische Einstellung, indem sie für ihre Daten im Gegenzug den größtmöglichen Nutzen für sich erzielen wollen: in Form von Sicherheit, Komfort, kurz bestmöglicher Mobilität. Dabei gibt es die eindeutige Erwartung an die Unternehmen, die mit den Daten der Verkehrsteilnehmer arbeiten wollen, dass sie kurz und präzise vermitteln, was mit den betreffenden Mobilitätsdaten geschehen soll.

Autohersteller hüten »ihren« Datenschatz

Doch die Entscheidungsbefugnis der Verbraucher ist eingeschränkt, weil die Automobilhersteller den Datenschatz allein für sich reklamieren. Diese Einstellung widerspreche den legitimen Ansprüchen anderer Beteiligter, wie etwa von Verkehrsunternehmen oder Wissenschaft, aber auch von Versicherungen oder markenunabhängigen Dienstleistungsanbietern, macht Prof. Knorre deutlich. Deshalb plädiert sie für Lösungen, die den unterschiedlichen Ansinnen gerecht werden. In dem Zusammenhang müsse auch mehr über die gemeinsame Nutzung von Mobilitätsdaten nachgedacht werden, etwa um Verkehrsträger-übergreifende Mobilitätslösungen finden zu können.

Die gemeinsame Nutzung von Big Data in der Mobilität könnte Vorteile wie mehr Verkehrssicherheit, besseren Klimaschutz und Zuwächse bei der Wirtschaftskraft nach sich ziehen. Wenn die Wissenschaft mehr Zugang zu vernetzten Daten erhält, könnte besser disziplinübergreifend geforscht werden. Zu einem leichteren Datenzugang könnte eine Incentivierung der Mobilitätsdaten beitragen, die den Verbrauchern zu der Möglichkeit verhilft, für die Weitergabe ihrer Daten einen direkten Vorteil zu erhalten.

Nutzenperspektive in den Mittelpunkt stellen

Big Data sollte immer aus der Nutzenperspektive beurteilt werden, lässt sich zusammenfassend sagen. Um den Kunden den Nutzen von Mobilitätsdaten erklären zu können, ist vor allem mehr Transparenz notwendig. Außerdem muss es einen größtmöglichen Schutz vor Daten-Missbrauch geben, damit Verbraucher zum Teilen ihrer Daten bereit sind.

Die neue Studie des Goslar Instituts zu »Big Data in der Mobilität« wird aus Aktualitätsgründen in zwei Teilen veröffentlicht. Jetzt erscheint ein sogenanntes Grünbuch, das sich auf die »Datenspuren der Verkehrsteilnehmer und Ansprüche der Stakeholder« konzentriert. Mit dem Grünbuch wird zudem ein Raum Mobiler Daten (RMD) geschaffen, wie das Goslar-Institut ankündigt. In diesem sollen zum einen die Forschungsergebnisse geteilt werden. Zum anderen soll die Wissenschaftsplattform dem Dialog über Big Data in der Mobilität dienen. Der zweite Teil und damit die gesamte Studie, die sich dann auch mit neuen Angeboten und den Nutzenpotenzialen auf Basis von Big Data in der Mobilität (für die Welt von morgen) beschäftigen soll, wird Anfang 2023 als Weißbuch veröffentlicht.

 


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