Schwerpunkte

SPS Connect Panel-Diskussion

»Wir reden über eines der heißesten Themen momentan«

30. November 2020, 11:00 Uhr   |  Markus Haller

»Wir reden über eines der heißesten Themen momentan«
© Wright Studio

Der digitale Zwilling wird als zentrales Element bei der praktischen Umsetzung von Industrie 4.0 angesehen und hat im September 2020 mit der IDTA eine eigene Nutzerorganisation bekommen.

Der Begriff Industrie 4.0 hat durch inflationären Gebrauch an Strahlkraft eingebüßt. In einer Diskussionsrunde auf der SPS Connect haben drei Vorstände der neu gegründeten IDTA ihn wieder aufpoliert.

Am Nachmittag des ersten Messetages ging es eigentlich um ein Unterthema von Industrie 4.0. In einer Panel-Diskussion sprachen Dr. Matthias Bölke von Schneider Electric, Horst Heinol-Heikkinen von Asentics und Karsten Schneider von Siemens über den digitalen Zwilling und die im September frisch gegründete Nutzerorganisation IDTA (Industrial Digital Twin Association). Bölke, Heinol-Heikkinen und Schneider sind gemeinsam im Vorstand der IDTA tätig. Ihr Gesprächsfokus lag auf den Anwendungsmöglichkeiten. Gehandelt wird der digitale Zwilling als Investition in die Zukunftsfähigkeit und Krisenfestigkeit von Maschinenbauern und als potentes Werkzeug zur Umsetzung der Standardisierungsbestrebungen der Industriekommunikation. Mit digitalen Zwillingen sollen außerdem die Unsicherheitsfaktoren in Großprojekten zur Produktionsrückverlagerungen schrumpfen.

Bei all den Ausführungen war zwischen den Zeilen immer ein »die Zeit zu handeln ist jetzt« zu hören. Der Ausspruch sollte sein Nischendasein zwischen den Zeilen schließlich beenden, als es auf die persönliche Motivation der Redner zu sprechen kam, sich in der IDTA zu engagieren. Dabei wurde auch der Begriff Industrie 4.0 wieder mit der besonderen Bedeutung gefüllt, die er durch den inflationären Gebrauch eigentlich unwiederbringlich verloren hatte.

Historisch ohne Parallele

Dr. Horst G. Heinol-Heikkinen ist  Geschäftsführer und Gründer der Asentics Group.
© Asentics

Dr. Horst G. Heinol-Heikkinen gründete 2001 die erste Firma der heutigen Asentics Group, die er als Geschäftsführer leitet. Er ist seit über 20 Jahren in der industriellen Bildverarbeitung tätig und seit 2006 im Vorstand der Machine Vision Group des VDMA.

Horst Heinol-Heikkinen formulierte es am klarsten: »Erstmalig in der Industriegeschichte haben wir im Vorfeld definiert, wie eine industrielle Revolution aussieht.« Bei den drei Revolutionen vorher – Mechanisierung, Einführung der Massenfertigung und Einsatz von Elektronik und IT – gab es zuerst die technische Weiterentwicklung, die im Nachhinein als revolutionär eingestuft wurde. Den großen Unterschied zwischen damals und heute: »Jetzt haben wir ein gestalterisches Moment in die Hand gelegt bekommen.« Dass man schon heute über die Zukunft des nächsten industriellen Zeitalters spricht, ist für Heinol-Heikkinen historisch ohne Parallele und »fast schon ein bisschen anmaßend«. Aber es sei auch genau diese Perspektive, die aktuell viele Leute – zu denen er auch sich selbst zählt – dazu veranlasse, mit hoher Motivation am Projekt Industrie 4.0 mitzuarbeiten. Dafür ist die IDTA als neue Organisation gegründet worden. Sie soll die relevanten Themenfelder auch außerhalb des VDMA voranbringen, technisch weiterentwickeln und vor allem neue Mitstreiter finden. Bis Ende des Jahres werden die 20 Gründungsmitglieder, darunter Schwergewichte wie Bosch, Festo, Kuka, Phoenix Contact, Schneider Electric, Siemens oder Volkswagen, noch organisatorische Strukturen legen. Danach werden weitere Mitglieder aufgenommen. Konkrete Anfragen dafür gibt es bisher von 40 Unternehmen, sagt Dr. Bölke.

Dr. Matthias Bölke ist Vice President Strategy Industrial Automation bei Schneider Electric.
© Schneider Electric

Dr. Matthias Bölke, Vice President Strategy Industrial Automation bei Schneider Electric zum Interesse an der IDTA: »Es klopfen bereits rund 40 Unternehmen bei uns an der Tür.«

Digitaler Zwilling als Werkzeug der Industrie 4.0

Einer der großen Hebel für die Umsetzung von Industrie-4.0-Konzepten, die zur vernetzten und digital abgebildeten Fertigung und Lieferkette führen sollen, ist der digitale Zwilling. Bisher wird er nur in wenigen Bereichen genutzt, aber das soll sich durch die Aktivitäten der IDTA zeitnah ändern. Weit oben auf der Agenda stehen die Bekanntmachung von konkreten Anwendungen, die Befähigung von Nutzern, schnell einen digitalen Zwilling selbst zu erstellen und die Weiterentwicklung von Technik und Standardisierung, sagt Dr. Bölke. Außerdem soll eine Akademie aufgebaut werden, an der Trainingsmodelle zu Schulungszwecken erstellt werden können. »Mit der Einführung von Beispielapplikationen und dem Aufzeigen des Nutzens des digitalen Zwillings wollen wir nicht noch Jahre warten, sondern das ganze nun in den nächsten Monaten kontinuierlich auf den Weg bringen.«

Karsten Schneider ist Vorstand der Profibus Nutzerorganisation e.V.
© Profibus

»Mit dem digitalen Zwilling geht es darum, die Digitalisierung, von der wir schon so lange sprechen, jetzt umzusetzen.« Karsten Schneider ist bei Siemens als Director Standardization & Regulation tätig und Vorstand der Profibus Nutzerorganisation.

Die Industrie befindet sich mit der Gründung der IDTA in der Umsetzungsphase der Digitalisierung. »Wir haben uns auch vorher schon lange mit der Entwicklung der Verwaltungsschale beschäftigt. Aber mit der IDTA geht es jetzt darum, die Digitalisierung auszurollen«, sagt Karsten Schneider. Er ist neben seiner Tätigkeit bei Siemens außerdem Vorstand der Profibus Nutzerorganisation und mit Verbandsarbeit vertraut. Die Arbeit in der IDTA ist für ihn trotzdem etwas Besonderes, weil man durch die Neugründung frei von gewachsenen Strukturen agieren könne und selbst bestimme, wie die IDTA als Verein arbeite und agiere. Außerdem ist der digitale Zwilling »eines der heißesten Themen, die es momentan für die Industrie gibt.«

Gegenüber der internationalen Konkurrenz aus China und den USA, die ähnliche Verbände gegründet haben, sieht man sich durch den Fokus auf den industriellen Bereich im Vorteil. Mittel- und langfristig soll die nationale Initiative auf europäische und weltweite Bühne erweitert werden. Auf der gelte es auch »bei aller Internationalisierung« die führende Stellung, die der deutsche Maschinenbau weltweit noch immer habe, zu verteidigen, sagt Heinol-Heikkinen. Bevor das geschieht, muss die Gründungsarbeit weitergehen. Es gibt noch keine Webseite der IDTA und neue Mitglieder müssen den Kontakt noch indirekt über die beiden Verbände ZVEI und VDMA suchen, die ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern der IDTA gehören. Eine eigene Präsenz und direkte Kontaktmöglichkeiten sollen bald folgen.

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