Paradigmenwechsel

»Integrated Motion« revolutioniert Robotik

2. Mai 2022, 9:30 Uhr | Heinz Arnold
Nikolai Ensslen
Nikolai Ensslen, CEO von Synapticon: »Wir holen mit einer neuen Geräteklasse auf Basis unseres »Somanet«-Technologie-Stacks in Kombination mit einer neuartigen Leistungsstufe die integrierten Servomotoren aus ihrer Nische und revolutionieren damit die Motion Control im Maschinenbau!«
© Synapticon

»Wir wollen mit einer neuen Geräteklasse die Robotik, die Automatisierungstechnik und den Maschinenbau revolutionieren«, sagt Nikolai Ensslen, Gründer und CEO von Synapticon.

Im Gespräch mit Markt&Technik erklären er und Michael Mayer-Rosa, VP Marketing und Produkt-Management, was hinter dem Konzept steht und warum der Markt darauf gewartet hat.

Markt&Technik: Sie sprechen nicht mehr von Servoantrieben, für die Synapticon ursprünglich die »Somanet-Nodes« konzipiert hat, sondern von »Integrated Motion«, ein Konzept, dass Sie als revolutionär ansehen. Warum?

Nikolai Ensslen: Bei den ursprünglichen Somanet-Nodes handelt es sich um reine Servo-Antriebe. Hinter Integrated Motion steht viel mehr: eine ganz neue Geräteklasse, die wir entwickelt haben. Neben dem Servoantrieb sind Positionssensoren integriert sowie weitere Funktionen, beispielsweise die intelligente Ansteuerung der Bremse und optional sogar die Bremse selbst. Wir dezentralisieren damit die Antriebe und sorgen gleichzeitig für die einfache mechanische und thermische Integration am Point of Motion. Das ist ganz neu, und darauf fokussieren wir uns jetzt ausschließlich.

Welche Zielmärkte visieren Sie damit an?

Ensslen: Zunächst sind es zwei Sektoren, erstens die Robotik von Cobots bis zu mobilen Robotern, und zweitens die Automatisierungstechnik für den anspruchsvollen Maschinenbau in seinen vielfältigen Ausprägungen.

Zumindest für den ersten Marktsektor hatte Synapticon ja schon früher die »Somanet Nodes« auf den Markt gebracht.

Das war Ende 2018 und sie sind sehr erfolgreich, weil sie dem Anwender eine hohe Leistungsdichte und eine hohen Leistungs-Output zur Verfügung stellen. Auf Basis unserer »Model-Predicitive Deadbeat Field Oriented Control«-Technologie und der hohen Leistungsfähigkeit der Somanet-SoCs können wir die Leistungsfähigkeit um 30 bis 90 Prozent steigern – und das auf kleinem Platz und vor allem, ohne dass dafür zusätzliche Kühlung erforderlich wäre.

Dazu kommen weitere, für den Anwender wichtige Eigenschaften: Ohne Gehäuse und ohne geschirmte Leitungen ist der Node EMV-zertifiziert und verfügt über zahlreiche Schutzschaltungen, was für die elektrische und mechanische Integration von großem Vorteil ist. Deshalb haben wir auch schon viele Design Wins erzielt. Den entscheidenden Schritt in Richtung Integrated Motion sind wir dann mit der »Somanet Circulo«-Serie gegangen, deren Entwicklung Ende 2019 abgeschlossen wurde.

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Michael Mayer-Rosa, Synapticon: »Verglichen mit der konventionellen Technik gewinnen die Hersteller der AGVs in ihren Fahrzeugen viel mehr Raum für Nutzlasten, wenn sie »Somanet Circulo« einsetzen. Das stößt auf Begeisterung.«
© Synapticon

Was ist das entscheidend Neue an der Serie?

Ensslen: Neben der bei Synapticon klassischen hohen Leistungsabgabe und Motion Control Performance bietet die Circulo-Serie eine Hohlwellenform mit integriertem Encoder, eine ausgeklügelte mechanische Integrationslösung mit Wärmeableitung und Kabelmanagement, eine optional integrierte Bremse, zertifizierte funktionale Sicherheit, d. h. STO und SBC auf SIL3 PLe als Standard und optional sicheres EtherCAT (FSoE) mit vielen Safe-Motion-Funktionen. Das alles gehäuselos und ohne weitere Ergänzungen EMV-zertifiziert. Das kann sonst so keiner am Markt bieten.

Die eigentliche Revolution steht aber jetzt erst an.

Ensslen: Wir werden demnächst eine weitere Produktkategorie für integrierte Servomotoren auf den Markt bringen, die vom Konzept der Circulo-Serie ähnelt, aber hinsichtlich der Leistungsdichten, der Wärmeabgabe und des Montageaufwands für integrierte Motoren ganz neue Wege geht und damit bisher unvorstellbare Möglichkeiten schafft.

Worin besteht die entscheidende Verbesserung?

Ensslen: Zu unserem patentierten modellprädiktiven Stromregler, mit dem wir bei Erhaltung hoher Regelungsfrequenzen und damit hoher Dynamik und Präzision die Schaltfrequenzen und damit die Schaltverluste massiv reduzieren können, kommt bei der neuen Produktreihe neben modernsten Verstärkerbauteilen eine innovative, hocheffiziente Architektur der Leistungsstufe und ein besonderer Ansatz für die thermische Integration zum Tragen.

Die Kombination ermöglicht jetzt die Revolution: Bisher galt, dass für den Vorteil der integrierten Servomotoren auch Nachteile in Kauf genommen werden mussten. So ist die Leistungsfähigkeit aufgrund thermischer Grenzen reduziert, es gibt einen teils immens großen mechanischen Anbau und die Kosten liegen meist höher als bei separaten Antriebssystemen. Insgesamt war das nicht sehr attraktiv, also fristen integrierte Servomotoren bisher ein Nischendasein. Wir holen sie jetzt aus dieser Nische und glauben, dass das für die Motion Control im Maschinenbau und der Robotik eine Revolution bedeuten könnte. Die Einzelheiten dazu werden wir zur offiziellen Ankündigung der neuen Familie bekannt geben.

Synapticon
»Somanet Circulo« ist ein vollintegrierter intelligenter Antrieb. Ein damit ausgestattetes AGV (unten) bietet im Vergleich zu einem herkömmlichen AGV (oben) viel mehr Nutzfläche, weil viele bisher diskret eingebaute Komponenten wegfallen.
© Synapticon

Sie sagten, dass Circulo bereits viele Design Wins verbuchen kann. Schlägt sich das auf die Geschäftszahlen nieder?

Ensslen: 2021 konnten wir erstmals signifikante Stückzahlen im Bereich der industriellen Antriebstechnik absetzen, nachdem wir damit in vielen neuen Endprodukten unserer Kunden bzw. diese in ihrer Serienfertigung angekommen sind. Das war seit unserer strategischen Fokussierung auf industrielle Motion Control vor wenigen Jahren unser Ziel. Jetzt stehen wir am Absprungpunkt für eine exponentielle Umsatzentwicklung. Der Auftragsbestand für 2022 entspricht bereits zum Jahresanfang einem Umsatz, der dreimal größer als der vom vergangenen Jahr ist. Zuvor hatte es eine Zeit gedauert, bis unsere neuen Antriebsprodukte entwickelt waren, dann dauert es seine Zeit, bis der Kunde sie eindesignt hat und es vergeht wiederum Zeit, bis dessen Stückzahlproduktion startet. Es klingt paradox: Wir beschleunigen die Entwicklung beim Kunden, spüren das selber aber erst ab Beginn der Serienproduktion am eigenen Umsatz. Jetzt ist es soweit.


  1. »Integrated Motion« revolutioniert Robotik
  2. »Boost your performance, reduce your system cost!«
  3. Grenze zwischen Kunden und Wettbewerbern

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