Lenards Hass auf Einstein Die tödliche Schlacht um die richtige Physik

The Man who stalked Einstein. How Nazi Scientist Plilipp Lenard Changed the Course of History.  Von Bruce J Hillman, Birgit Ertl-Wagner und Bernd C. Wagner. Guilford, Connecticut 2015, 212 Seiten.  ISBN 978-1-4930-1001 (Hardcover) ISBN 978-1-4930-1569-6 (ebook)
The Man who stalked Einstein. How Nazi Scientist Philipp Lenard Changed the Course of History. Von Bruce J Hillman, Birgit Ertl-Wagner und Bernd C. Wagner. Guilford, Connecticut 2015, 212 Seiten. ISBN 978-1-4930-1001 (Hardcover) ISBN 978-1-4930-1569-6 (ebook)

Wie sich Physik, Mathematik, gesunder Menschenverstand, Ideologie, Esoterik, Nationalismus und Politik zu einem tödlichen Mix verbinden: Die wahre Geschichte von Lenard und Einstein – so spannend wie ein Thriller.

Experimentalphysiker gegen die Theoretiker: Die Frontlinie hatte sich schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebildet. Damals war noch nicht abzusehen, dass der Antagonismus sich zusätzlich noch national und schließlich nationalsozialistisch sowie antisemitisch aufladen sollte. Schon kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges stand plötzlich »Deutsche Physik« gegen »Jüdische Physik«.

Mit der abfällig gemeinten Bezeichnung »Jüdische Physik« bezeichneten »Deutsche Physiker« vor allem die Anhänger der Relativitätstheorie, aber auch alle, die mehr den abstrakten mathematischen Ableitungen vertrauten als dem »gesunden Menschenverstand«, den sie ebenfalls als etwas typisch deutsches klassifizierten.

Besonders schossen sie sich auf die Person Albert Einstein ein. Weil er Jude war, Pazifist und als Kosmopolit alles Nationale verachtete. Außerdem passte ihnen sein Humor, seine Ironie und vor allem die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, ganz und gar nicht. Wer sich als Ideologe ernst nehmen will, der darf vor allem nicht über sich selber lachen können, geschweige denn die Welt mit Humor betrachten.

Ein ganz besonderes Exemplar dieser Gattung war der in doppeltem Sinne deutsche Physiker und Nobelpreisträger (1905) Philipp Lenard. Im Gegensatz zu den meisten seiner Genossen im Geiste war er sogar ein begabter Physiker. Er verrannte sich allerdings – angetrieben durch persönliche Schicksalsschläge, aber auch dem Gefühl, ständig im Leben zu kurz gekommen zu sein – dermaßen in seine Ideologie, dass die Gegnerschaft zur Relativitätstheorie in persönlichen Hass gegenüber ihrem Urheber und Helden umschlug. Lenard sah in Einstein die Personifikation all dessen, was er nicht nur für falsch hielt und ablehnte, sondern was er vom Antlitz der Erde vertilgen wollte.

In ihrem Buch »The Man who stalked Einstein. How Nazi Scientist Changed the Course of History.« gehen Bruce J. Hillman, Birgit Ertl-Wagner und Bernd C. Wagner  der Geschichte dieses Hasses nach und was er anrichtete.

Der Antagonismus der Experimentalphysiker gegenüber den Theoretikern tauchte schon mit der Maxwell-Theorie des Elektromagnetismus auf. Ein Argument gegen Maxwell lautete: Seine berühmten vier Gleichungen sind nicht mit der Galileo-Transformation vereinbar. Lorentz hat später ausprobiert, was denn unter der Voraussetzung herauskäme, dass die Maxwell-Gleichungen stimmen. Seine so abgeleitete Lorentz-Transformation hatte dann schon wesentliche Bestandteile der Relativitätstheorie vorweggenommen. In den Maxwell-Gleichungen steckt also die Relativitätstheorie schon drin. Es handelt sich sogar um die erste vereinheitlichte Theorie, die Elektrizität und Magnetismus als zwei Seiten einer Medaille zusammenfasste.  Damit erwies sie sich mathematisch als Vorläufer der Eichtheorie, die dann in der Quantenelektrodynamik und der Quantenchromodynamik eine wesentliche Rolle spielen sollte. Das ist rein theoretisch und ein schönes Beispiel dafür, dass die deduktive Methode, also die Ableitung aus der Mathematik, funktioniert. (Sogar die Heisenbergsche Unschärferelation lässt sich aus der Fourier-Transformation herleiten).

Doch zurück zur »Deutschen Physik« und dem gesunden Menschenverstand. Die Relativitätstheorie  erschien den »deutschen Physikern« als von Juden aus Bosheit erfunden, um der Volksgesundheit insgesamt zu schaden (ähnlich wie die entartete Kunst). Einstein habe ja gewusst, dass seine Theorie falsch sei, das Weltjudentum hätte sich über die tumben Deutschen geradezu lustig gemacht, die darauf reinfielen. Nun ist der gesunde Menschenverstand eine sehr starke emotionale Waffe. Denn wer würde ihn nicht haben wollen? Und er ist ja auch nicht grundsätzlich schlecht. Er lässt sich aber wie jedes Werkzeug so hindrehen, dass er dem Schlechten dient. Oder zumindest das Falsche und Schlechte vorbereitet. So hatte Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, die in Deutschland ja immer noch recht beliebt ist, ein Buch gegen Einstein verfasst, das rein auf dem Argument des gesunden Menschenverstandes aufbaut. Es heute lesen zu müssen, ist eher eine Strafe als Quelle der Belustigung, jedenfalls von einer überraschend  primitiven Machart.