SiTime-CEO im Interview »Wir verändern die Welt des Timing fundamental!« 

Rajesh Vashist, CEO von SiTime, im Gespräch mit Heinz Arnold, Markt &Technik 
Rajesh Vashist, CEO von SiTime, im Gespräch mit Heinz Arnold, Markt &Technik 

Mit der ausschließlichen Fokussierung auf die Entwicklung von MEMS-basierten Timing-Systemen will SiTime überdurchschnittlich schnell wachsen und die Welt des Timing neu definieren. Im Gespräch mit Markt &Technik erklärt CEO Rajesh Vashist, warum er das für realistisch hält.

Auf der electronica 2018 hat SiTime die neuen MEMS-basierten OCXOs der Emerald-Plattform vorgestellt, die nicht nur deutlich kleiner sind als die herkömmlichen Quarz-basierten OCXOs, sondern auch 20-mal genauer – und sie sind gegenüber Schock und Vibrationen praktisch unempfindlich. Was bedeutet dies aus Ihrer Sicht für den bestehenden Markt? 

Rajesh Vashist: Nebenbei bemerkt nehmen die neuen MEMS-basierten Emerald-OCXOs auch um 90 Prozent weniger Leistung auf. Dieses Beispiel zeigt, wie unsere Strategie für die Zukunft aussieht. Wir wollen Timing-Systeme für anspruchsvolle Märkte schaffen und wir können uns vorstellen, dass sich weitere neue Märkte für unsere Timing-Systeme erschließen werden. 

Vor einigen Jahren sah die Zukunft für die MEMS-basierten Oszillatoren nicht so rosig aus. Größere Firmen entwickelten in diese Richtung, zahlreiche Startups entstanden und einige wurden übernommen, danach war nicht mehr viel zu hören. Auch SiTime schwächelte ein wenig. Was ist jetzt anders? 

Auch SiTime musste bis 2015 einige Jahre mit stagnierendem Umsatzwachstum überstehen. Ab 2015 hat der Umsatz wieder deutlich von 20 auf 100 Mio. Dollar im Jahr 2017 zugenommen. Das lag daran, dass wir mit unseren Neuentwicklungen nicht mehr den Consumer-Markt anvisiert haben. Auf einen großen Teil des Marktes für Quarze und Oszillatoren zielen wir von vorne herein gar nicht ab. Wir haben uns auf Marktsektoren spezialisiert, die unsere Timing-Systeme dringend benötigen. Weil sie kleiner sind, weniger Leistung aufnehmen, einfacher einzusetzen und genauer sind als auf alternativen Techniken beruhende Systeme. Unsere knapp 200 Mitarbeiter haben sich ausschließlich auf diesen Bereich fokussiert. Deshalb konnten wir ein auf unserer MEMS-Technik basierendes Plattformkonzept entwickeln, das den Anwendern wirklichen Mehrwert bringt. Plötzlich mussten wir mit unseren Komponenten nicht mehr zu den potenziellen Anwendern gehen und sie davon überzeugen. Denn die Anwender kamen zu uns, weil sie von den neuen Möglichkeiten profitieren wollten, die unser Plattformkonzept ihnen bringt. 

Wer profitiert von den neuen Timing-Plattformen? 

Die stark wachsenden Sektoren IoT und 5G. Wir haben uns deshalb besonders auf den Einsatz in Geräten für Networking und Telekomunikation, für Autos und IoT konzentriert. In vielen Eisatzfällen genügt dort eine Genauigkeit von 100 ppm bei Weitem nicht mehr, es werden 5 ppm und 1 ppm gefordert. Mit unserer MEMS-Technik funktioniert das. Und die Anwender erhalten zusätzlich den Vorteil, dass sie keine aufwändige Kompensationsschaltung entwickeln müssen, was den Platzbedarf und die Leistungsaufnahme verringert. Vor allem: Sie können die Timing-Solutions einfach und kostengünstig in ihr System implementieren. 

Welche Rolle spielt die Distribution in der Strategie von SiTime? 

Eine entscheidende, was ein weiteres Beispiel für unsere Fokussierung ist: Wir entwickeln die Systeme und wollen uns nicht mit dem Aufbau einer eigenen Vertriebsorganisation beschäftigen. Deshalb vertreiben wir unsere Timing-Plattformen ausschließlich über Distributoren, angefangen bei den bekannten Firmen wie Digi-Key und Mouser über Arrow und viele regionale Distis. Insgesamt haben wir ein Netzwerk von rund 40 Distributoren aufgebaut. 

Wie sieht es in Deutschland aus? 

Wir arbeiten hier mit den großen, global aufgestellten Firmen zusammen, aber auch mit auf das Design-in spezialisierten Distributoren. SE Spezial-Electronic beispielsweise hat einiges investiert und Programmiergeräte gekauft, die es ihnen erlauben, 3000 Oszillatoren pro Stunde zu programmieren. SE kann innerhalb von zwei Tagen liefern. 

Wird SiTime auf Basis der MEMS-Technik künftig in dem Tempo der vergangenen drei Jahre weiter wachsen können? 

Fünf Jahre? Über die nächsten 30 bis 40 Jahre! Heute haben wir 10.000 Kunden, und in fünf Jahren wollen wir auf 40.000 kommen und in zehn Jahren auf 100.000. Schauen Sie sich die Anzahl der Kunden von Firmen wie Microchip oder STMicroelectronics an, um nur ein paar zu nennen. Jeder, der solche Controller kauft, ist ein potenzieller Kunde von SiTime. Hier haben wir also noch sehr viel Potenzial für weiteres Wachstum. Und wie gesagt, es werden sich neue Märkte auftun. Als der Motor erfunden wurde, konnte man ihn in Kutschen setzen und Autos draus machen. Flugzeuge wären ohne ihn nicht möglich gewesen. So ähnlich schätze ich das Potenzial der MEMS-basierten Timing-Plattformen auch ein. 

Die künftige Strategie besteht also weiterhin darin, sich ausschließlich auf die Entwicklung von Timing-Systemen zu konzentrieren? 

Wir verändern die Welt des Timing fundamental! Das können wir nur tun, weil wir zu 100 Prozent darauf fokussiert sind, uns diesen Ziele ausschließlich verschrieben haben und uns hohe Ziele setzen. Das ist unsere wesentliche Differenzierung und das ist meiner Überzeugung nach nicht nur der Grund, dass es uns im Gegensatz zu anderen noch gibt, dass wir überdurchschnittlich schnell wachsen und die Probleme der Anwender wirklich lösen. 

Das Interview führte Heinz Arnold.