Innovation braucht Köpfe

Engineers for Future

26. September 2022, 9:00 Uhr | Joachim Kroll
Dipl.-Ing. Ansgar Hinz
Dipl.-Ing. Ansgar Hinz, Vorstandsvorsitzender der VDE-Gruppe.
© WEKA Fachmedien

Vor 70 Jahren war unser Land mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg beschäftigt. Die multiplen Krisen heute stellen uns vor neue Herausforderungen. Um diese zu bewältigen, spielen Bildung und Ausbildung eine Schlüsselrolle – findet Ansgar Hinz, CEO des VDE.

70 Jahre Elektronik stehen für 70 Jahre gemeinsame Wege. 1952 erlebte die Bundesrepublik Deutschland, allen voran unsere Branche, einen nie gekannten Wirtschaftsboom. Mitten in dieser Phase des massiven, schnellen und vor allem unerwarteten Wirtschaftswachstums erschien die erste Ausgabe der Elektronik. Sie informierte Elektroingenieurinnen und Elektroingenieure, der Großteil darunter Mitglieder im VDE, über die neuesten Komponenten, Entwicklungen und Lösungen, die auf dem Elektronik-Markt angeboten wurden. Seitdem zählt die Elektronik bereits im Studium zur Pflichtlektüre. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die fundierte Berichterstattung der Elektronik das deutsche Wirtschaftswunder mit befeuert hat. Nach wie vor gilt: Wer in seinem Job up-to-date bleiben möchte, liest die Elektronik.

Zum 70. Geburtstag stehen wir erneut gemeinsam vor einem Wendepunkt. So unerwartet das damalige Wirtschaftswunder für die kriegsgeschädigte deutsche Bevölkerung und den Rest der Welt kam, so unerwartet löste der Krieg in der Ukraine die weltweit größte Energiekrise aller Zeiten aus. In den 1950er-Jahren zeigte unsere Gesellschaft der Welt, dass sie aus Schutt und Asche einen Exportweltmeister hervorbringen kann. Leistungsbereitschaft und Aufbauwillen machte das schier Unmögliche wahr. Sehen wir auch in dieser Energiekrise unsere Chance! Was wir hierfür brauchen: einen neuen Marshall-Plan. Hiermit meine ich selbstredend nicht wohlwollende Kredite der USA für unsere Energiewende. Vielmehr ein Commitment unserer Gesellschaft. Aufbauwillen und Leistungsbereitschaft fruchten nur, wenn alle an einem Strang ziehen und die Politik die notwendigen Rahmenbedingungen schafft.

Noch vor einem Jahr war unsere größte Sorge Corona. Jedoch erwies sich Corona als nützliches Werkzeug, um die Defizite in diesem Land auf dem Präsentierteller serviert zu bekommen, allen voran in der Digitalisierung, wie sich schnell am Schulsystem zeigte. Und hier bin ich auch schon bei einer der wichtigsten Voraussetzungen für die schnelle Umsetzung der Energiewende und der Digitalisierung aller Bereiche: Unsere Zukunft braucht Innovationen. Und hierfür bedarf es Köpfen. Die Kinder der Nachkriegsgeneration, die sogenannten Babyboomer – ich zähle auch dazu –, gehen in naher Zukunft in Rente, viele sind es schon. Und die, die nachkommen, sind zu wenige. Die Ausbildung unserer Kinder und Jugendlichen ist das wichtigste Asset für Deutschland. Alle, die eine technische Ausbildung anstreben, sei es als Elektriker, als Studierende der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik, der Informatik oder des Maschinenbaus, sind unser Garant für die Zukunft. Ohne ihren Beitrag sind wir chancenlos, die digitale und grüne Transformation in die Tat umzusetzen und Letzteres bedingt Ersteres. Nun mag mein Aufruf angesichts der aktuellen Krise übertrieben sein; wer 14 Jahre alt ist, kann heute nicht die Welt retten. Er oder sie kann es aber in weniger als zehn Jahren. Da müssen wir hin.

Der Weg dorthin ist steinig. Denn das Fach Elektrotechnik wird immer unbeliebter. Im vorigen Jahr haben noch nie so wenige junge Menschen ein Studium der Elektrotechnik aufgenommen, nur 3,5 Prozent eines Jahrgangs. Wir – die gesamte Branche – müssen es gemeinsam schaffen, den Jugendlichen die spannende, aber auch komplexe Welt der Elektro- und Informationstechnik wieder greifbar zu machen und aus ihrer Abstraktheit in die Realität zu überführen. Jeder, der sich für technologischen Fortschritt einsetzt und mithilft, die Auswirkungen des Klimawandels mithilfe von Technologien lebbar zu machen, hilft der gesamten Menschheit.

Wer hätte vor 70 Jahren gedacht, vor welchen fundamentalen Herausforderungen wir angesichts der Digitalisierung heute stehen? Damals wie heute gilt: Ärmel hoch und auf geht´s! Machen wir Werbung für unsere Berufe! Der »Marshall-Plan reloaded« könnte lauten, Fridays for Future um eine Bewegung ergänzen: Engineers for Future! 

Dipl.-Ing. Ansgar Hinz

ist seit dem 14. April 2016 Vorstandsvorsitzender der VDE-Gruppe. Am 1. April 2016 trat er zunächst als Vorstandsmitglied in den VDE ein. Ansgar Hinz studierte Elektrotechnik an der RWTH Aachen. Er war mehr als 20 Jahre bei der Reinhausen-Gruppe tätig, einem weltweiten Hidden Champion im Bereich der Energie- und Netzregelungstechnik.

 


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