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Halbleiter-Mangel in der Autoindustie

Wirtschaftsminister Altmaier bittet Taiwan um mehr Chips von TSMC

24. Januar 2021, 21:47 Uhr   |  Ein Kommentar von Frank Riemenschneider

Wirtschaftsminister Altmaier bittet Taiwan um mehr Chips von TSMC
© TSMC

IC-Fertigung in Fab14 von TSMC.

VW muss die Fahrzeugproduktion um hunderttausende Autos kürzen, weil Chips fehlen, speziell von der weltgrößten Foundry TSMC - nun trat sogar der Branchenverband VDA an Wirtschaftsminister Peter Altmaier heran, der in Taiwan um Hilfe ersucht hat. Dieser Gau war allerdings lange absehbar.

Unabhängig davon, ob VW seine Zulieferer Bosch und Continental für den Chip-Mangel wird in Regreß nehmen können – entsprechende Ansprüche sollen laut Handelsblatt bereits gestellt worden sein – spielt diese juritische Frage wohl für die Aktionäre, aber nicht für das Ergebnis eine Rolle: Im 1. Quartal 2021 werden tausende Autos weniger vom Band rollen, wie es im 2. Quartal weitergeht, steht in den Sternen. Der größte Engpass betrifft den weltgrößten Auftragsfertiger TSMC in Taiwan, der mittlerweile neben Samsung mittlerweile eine Art “Weltlieferant” speziell für Leading-Edge-Halbleiter geworden ist und diverse soganannte Giga-Fabs betreibt, welche jeweils die Ausmaße eines Fußballstadions angenommen haben.

Der Chip-Engpaß hat den Automobil-Branchenverband VDA auf den Plan gerufen, der Wirtschaftsminster Altmaier aktivierte. In dessen Schreiben an die taiwanische Wirtschaftsministerin Wang Mei-hua sowie Vize-Premierminister Shen Jong-chin erinnert Altmaier einem Zeitungsbericht zufolge an die hohe Bedeutung zusätzlicher Kapazitäten an Halbleitern für den Fahrzeugbau. Die Lösung der Versorgungsprobleme sei für ihn „von herausragender industriepolitischer Bedeutung“, da sonst die wirtschaftliche Corona-Erholung der Branche gefährdet werde. Der deutsche Automobilsektor und die mit ihm verbundenen Industriezweige seien „für die Revitalisierung der Weltwirtschaft sehr wichtig“.

Dieser Gau war seit vielen Jahren absehbar, da sich Deutschland (und Europa) nicht nur beim Chip-Design, sondern auch bei der Fertigung komplett in die Abhängigkeit der USA als auch Asien, hier speziell Taiwan, begeben hat. Dabei sah die Welt Anfang der 80er-Jahre noch ganz anders aus, als in Taiwan noch Reis angebaut wurde und in Deutschland Firmen wie Dual, Löwe, Telefunken, Blaupunkt, Grundig oder Schneider Konsumer-Elektronik verkauften und PCs nicht von Acer oder Lenovo importiert wurden, sondern im eigenen Land montiert wurden. All diese Geräte brauchen viele Chips und Firmen wie Siemens Halbleiter oder aber ASIC-Designer wie Sican aus Hannover – eine Ausgründung der dort ansässigen Universität – bedienten die Nachfrage.

Während in der Folge die taiwanische Regierung das Fourndry-Modell implementierte und mit Milliarden Euro subventionierte, interessierte sich die deutsche Politik für die Chip-Branche gar nicht, und zwar parteiübergreifend. Es hieß immer “der Markt muß es richten” und das Problem, dass viele der oben genannten Firmen Pleite gingen und das Geschäft incl. der Halbleiter nach Asien wanderte, interessierte nun wirklich niemanden – im Gegensatz zu Agrarsubventionen, der Unterstützung von Kohle oder der Förderung der Ausbildung zum Binnenschiffer. Auch die meinungsbildende Wirtschaftspresse interessierte sich für Infineon selbst dann nicht, als der Aktienkurs zum Penny-Stock wurde und der DAX-Konzern nur durch eine aufwändige Refinanzierung gerettet werden konnte. Der Tenor lautete einhellig “wenn die Chips nicht von Infineon kommen, kommen sie halt irgendwo anders her in der Welt” – man tat so, als ob es sich nicht um hochkomplexe in Silizium gegossene IP sondern um Schrauben oder Baumwoll-Unterhosen handeln würde.

Mit dem Abwandern der Konsumer-Elektronik sank zeitgleich die Relevanz der Industrie-Chip-Kunden bei den Fertigern, denn ein Apple, Nvidia, AMD, Qualcomm oder Samsung benötigt ein Vielfaches von Wafern im Vergleich zur Autoindustrie, die insgesamt weltweit gerade mal so 80 Mio. Einheiten pro Jahr verkauft vs. 200 Mio. Fernsehgeräten, 260 Mio. Notebooks und 1,4 Mrd. Smartphones. Insofern ist es logisch, dass TSMC & Co. mit höchster Priorität zuerst diese Kunden in den Massenmärkten bedienen.

Dass Deutschland auch beim Chip-Design komplett von außereuropäischen Lieferanten abhängig ist, macht die Sache nicht besser. Kein deutscher Fahrzeughersteller kann seinen Bedarf z.B. für vernetzte Fahrzeuge oder KI-Anwendungen mit europäischen, geschweige denn, deutschen Herstellern stillen. Es muß das Silicon Valley ins Boot und wenn der britische Chip-Designer Arm auch noch an Nvidia verkauft wird, erhöht sich die Abhängigkeit vom Silicon Valley weiter. Die einzige rühmliche Ausnahme ist Infineon im Bereich der Leistungselektronik, wo Chips in Dresden oder Villach gefertigt werden, aber bei High-End-SoCs müssen sie dann auch passen.

Nach nunmehr mehr als 35 Jahren kommt die Politik auf den Gedanken, dass man sich doch unabhängiger vom Silicon Valley und Asien machen müsse – eine Erkenntnis, die man auch schon früher hätte gewinnen können. Um überhaupt nur ansatzweise wieder eigene Handlungssouveränität gewinnen zu können, wird man in Brüssel und Berlin allerdings viel Geld in die Hand nehmen müssen, ein paar Milliönchen, wie man in Europa in Brüssel immer wieder mal in Forschungsprogramme investiert, werden da nicht ausreichen.

Meine Hoffnung ist, daß der Fall VW, so bitter er für den Autohersteller selbst ist, vielleicht doch mal zu einem Ruck in Berlin führt. Wenn EU-Komissionspräsidentin von der Leyen für ihren “Green Deal” 1 Billion Euro aufruft, sind ja vielleicht auch noch mal 25-30 Mrd. für die Chip-Industrie möglich – für eine Leading-Edge-Fab wo auch immer in der EU und dem Design von CPUs, KI-Prozessoren, FPGAs, Speichern und Funkchips – eben allen Komponenten, die man an der Edge und im Rechenzentrum braucht, um Industrie 4.0. und vernetzte E-Autos, die eines Tages autonom fahren sollen, realisieren zu können, ohne von TSMC & Co. abhängig zu sein. Selbst der scheidende CEO von Siemens, Joe Kaeser, macht sich nun Sorgen: "Europa muss die Mikroelektronik stärker fördern....Beim autonomen Fahren dominieren zum Beispiel US-Chipanbieter, da müssen wir echt aufpassen” erklärte er in einem aktuellen Interview. Hoffen wir, dass auch seine Worte in Berlin gehört werden.

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