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Interview mit Stephen Huang, Advantech

»Wir wollen zum Apple der Embedded-Industrie aufsteigen«

12. Mai 2020, 08:32 Uhr   |  Tobias Schlichtmeier

»Wir wollen zum Apple der Embedded-Industrie aufsteigen«
© Advantech

Stephen Huang ist stellvertretender Vice President der Embedded-IoT-Sparte bei Advantech.

Die Embedded-Branche wandelt sich hin zu KI- und IoT-Anwendungen. Große Lieferanten wie Advantech gehen mit und setzen statt auf Industrie-PCs in Zukunft auf Dienstleistungen.

Edge oder Cloud-Computing – was bevorzugen Ihre Kunden und wie wirkt sich das auf Ihre Strategie aus?
Stephen Huang: Cloud-Computing ist derzeit in vielen Industrie- und Verbraucherprodukten sehr gefragt. Das zeigt sich deutlich in der Beliebtheit von KI- und IoT-Projekten. Anwender sammeln große Datenmengen und analysieren sie. Wir sehen insbesondere eine steigende Nachfrage von asiatischen Kunden.
Angefangen hat alles mit IoT-Gateways für Smartphones, später ebenso Gateways für die Industrie. Beispielsweise sind in Deutschland – aufgrund der großen industriellen Basis – viele Maschinen miteinander zu vernetzen. Siemens hat zum Beispiel mit »MindSphere« eine IoT-Plattform geschaffen, die stark auf der Operational Technology (OT)-Sicht beruht.

Advantech konzentriert sich hingegen stärker auf die Computerperspektive. Wir wollen mit »WISE-PaaS« (Platform as a Service) ein IoT-Ökosystem für unsere Kunden aufbauen. Immer mehr Firmen versuchen, ein solches Ökosystem zu schaffen und nicht nur Computer herzustellen. Das ist die eigentliche Herausforderung.

Gilt das ebenfalls für das Edge-Computing?
Huang: Ja, am Anfang nutzten wir unsere Edge-Computer als Gateway, um OT und IT miteinander zu verbinden. Nach und nach wurde uns jedoch klar, dass unsere Kunden Daten am Netzwerkrand verarbeiten wollen. Mit Kamerasystemen beispielsweise werden KI- und IoT-Entwicklungen am Edge vorangetrieben, etwa für die Robotik oder bei Verbraucherprodukten. Sendet man dabei jedoch alle Daten in die Cloud, treten Sicherheits- und Latenzprobleme auf. Man kann nicht einfach alle Daten in die Cloud senden, Berechnungen durchführen und anschließend alle Daten wieder zurückholen. Entwickler sehen sich deshalb gezwungen, ihre Daten direkt am Edge zu verarbeiten.


Welche Rolle spielt KI in der Strategie von Advantech?
Huang: In den vergangenen Jahren haben wir uns hauptsächlich auf unser IoT-Geschäft konzentriert. Allerdings haben wir im letzten Jahr erkannt, dass wir mithilfe von KI ebenfalls unser IoT-Geschäft stärken und ausbauen können. Wir haben deshalb begonnen, viel in die Entwicklung unserer Artificial Intelligence of Things (AIoT)-Produkte zu investieren. AIoT ist in Asien sehr beliebt, insbesondere in China und Taiwan. In Europa steht die Entwicklung des AIoT erst am Anfang, wird jedoch ebenfalls zunehmend bedeutend. Mit IoT-Anwendungen kann ein Entwickler zwar Daten sammeln, sie liefern den Firmen jedoch kein fertiges Produkt, das sie verkaufen können. Deshalb ist das AIoT so wichtig.
 

Wie helfen Sie Ihren Kunden, KI in ihren Produkten zu implementieren?
Huang: Wenn keine Apps auf dem Smartphone sind, kann man damit lediglich telefonieren und texten – erst mit Apps wird alles anders. Wollen wir den Kunden mit einer Anwendung versorgen, müssen wir es ihm leicht machen. Aus dem Grund hat Advantech viel in den Aufbau von WISE-PaaS investiert. Die Cloud-Plattform garantiert unseren Kunden Anwendungen für IoT-Geräte.

Im nächsten Schritt wollen wir ein komplettes Ökosystem für unsere Kunden aufbauen: Unsere App-Entwickler verbessern unsere Plattform, denn sie haben das Know-how dazu. Advantech ist führend im Edge-Computing, um jedoch bei KI-Anwendungen erfolgreicher zu sein, müssen wir dieses Ökosystem vorantreiben. Außerdem heben wir uns mit der Plattform von unserer Konkurrenz ab, denn niemand hat im Moment einen Marktplatz wie wir mit WISE-PaaS.

Über WISE-PaaS
                                                                                                                               

WISE-PaaS ist ein Platform-as-a-Service-Dienst der IoT-Anwendungen mit der Cloud verbindet. Er bietet über 150 Programmierschnittstellen für System­integratoren. So verbindet WISE-PaaS Sensoren und gewährt gleichzeitig die Kommunikation aller Untersysteme miteinander. Dabei wird unter anderem das MQTT-Protokoll angewandt. Der Service dient der Entwicklung von IoT-Anwendungen, der Analyse von gesammelten Daten sowie der Optimierung von Arbeitsabläufen. Advantech plant, mit seinen Partnern einen kompletten Marktplatz für Apps aufzubauen. So stehen die neusten Entwicklungen allen Partnern zur Verfügung. Mit den Apps soll es einfacher sein, IoT-Anwendungen zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.

Zitat
© WEKA Fachmedien

Laut Ihrem Geschäftsbericht ist Ihr größter Markt Nordamerika. Was ist der Grund dafür?
Huang: Wir leisten in Nordamerika sehr gute Arbeit. Ein Grund, weshalb wir dort so erfolgreich sind, ist unser Team – es agiert fast wie ein eigenes Unternehmen. Das zeigt, dass wir nur erfolgreich sein können, wenn wir uns mit den Gegebenheiten in den einzelnen Ländern auseinandersetzen und uns darauf einstellen. Wir haben unsere eigenen Fabriken in den USA, unser eigenes F&E-Team, sogar einen eigenen Vertrieb. Ein großer Vorteil ist, dass die Mitarbeiter überwiegend Einheimische sind. Außerdem konzentrieren wir uns auf Embedded-Computing und versuchen nicht, andere Geschäftsfelder in Amerika zu fördern.
 

Glauben Sie, dass dieses Konzept auf andere Märkte wie Europa übertragbar ist?
Huang: In Europa geht es uns ebenfalls sehr gut, jedoch ist noch Luft nach oben. Advantech ist in Europa noch kein etablierter Markenname wie in den USA oder in Asien. Um das zu ändern, haben wir unter anderem Dirk Finstel als Associate Vice President & CTO für Embedded IoT ins Team geholt. Unser Ziel ist es, das Konzept aus den USA zu kopieren und eine eigene Marke aufzubauen.

Überdies wollen wir unser Geschäft in Europa auf einzelne Länder fokussieren. Eine besondere Herausforderung dort sind die vielen unterschiedlichen Sprachen und Länder. Wir wollen mit unserer neuen Strategie die verschiedenen Märkte in Europa ansprechen und den Menschen zeigen, dass wir in ihrem Land sowie in ihrer Sprache präsent sind. Ebenso wollen wir die Dienstleistungen vor Ort verbessern, einschließlich der gesamten Logistik.
 

Warum gehen die Umsätze in China und Taiwan zurück?
Huang: Ein Grund, warum die Einnahmen etwas zurückgehen, ist der Handelskrieg zwischen den USA und China. Die Hälfte unserer Fabriken befindet sich in China – viele Produktionen wurden dorthin ausgelagert. Die Menschen brauchen Zeit, um sich an den Wandel anzupassen und ihre Arbeit zu erledigen. China, Taiwan, Korea und sogar Japan sind betroffen. Wir leisten in China immer noch gute Arbeit weil die Regierung größere Schäden vermeiden will und deshalb massiv in die Infrastruktur investiert – wir können unser Geschäft dort immer noch aufrechterhalten.

Advantech
© Advantech

Stephen Huang und Tobias Schlichtmeier in der Firmenzentrale von Advantech in Taipeh.

Welche Geschäftsfelder will Advantech im Jahr 2020 stärken?
Huang: Aus technischer Sicht wandelt sich Advantech von einem reinen Plattformanbieter zu einem Dienstleistungs­anbieter. Der Schlüssel dazu ist ein gutes Softwarepaket. So können wir unseren Markt vergrößern. Wir befinden uns in einer Phase der Transformation – um die nächste Stufe zu erreichen, müssen wir Dienstleistungen anbieten. Ich denke, KI ist der Schlüssel zum Erfolg. Wir müssen unsere Plattformen erweitern, um den Übergang von einem Hardwareunternehmen zu einem Dienstleistungsunternehmen zu vollziehen.


Glauben Sie, dass Sie dafür kurzfristig die nötigen Softwareentwickler finden können?
Huang: Leider haben wir nicht genug Mitarbeiter, um die Art von Software zu entwickeln, die wir benötigen. Deshalb haben wir auf der einen Seite unsere Ökosystempartner und Systemintegratoren, auf der anderen Seite unsere Softwarepartner. Wir wollen noch mehr Unternehmen einladen, sich der Plattform anzuschließen. Wir wollen zum Appel der Embedded-Industrie aufsteigen.
 

Sie wurden zwei Jahre in Folge unter Taiwans fünftbesten Marken gelistet. Was bedeutet das für Sie?
Huang: Das bedeutet, dass wir mit unserem Engagement erfolgreich sind. Noch mehr als das: Die Menschen beginnen, uns als Marke zu vertrauen. Das ist sowohl für die Kundenseite als auch für die Geschäftsseite wichtig. Es macht es uns sogar leichter, neue Mitarbeiter zu finden, weil wir in Taiwan als vertrauenswürdig gelten. Wir wollen ebenso in Europa attraktiver sein und weiter wachsen.


Vielen Dank für das Gespräch!
 

Stephen Huang
© Advantech

Stephen Huang ist stellvertretender Vice President der Embedded-IoT-Sparte bei Advantech. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der industriellen Computerindustrie und ist seit 2016 bei Advantech. Dort verantwortete er zunächst die Entwicklungsabteilung für lüfterlose Embedded-Box-PCs und Digital Signage. Er baute das Edge Intelligence- und KI-Team auf und leitete es, um die Entwicklung neuer Technologien zu beschleunigen und das Geschäftswachstum voranzutreiben.

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