Ein diversifizierter Wegbereiter

Asahi Kasei feiert 100. Geburtstag

30. September 2022, 9:30 Uhr | Von Sebastian Schmidt
Das japanische Technologieunternehmen Asahi Kasei hat im ersten Jahrhundert seines Bestehens mit einem breiten Produktportfolio die Welt verändert. Mit klarer Mission startet das Unternehmen in die Zukunft
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Das japanische Technologieunternehmen Asahi Kasei hat im ersten Jahrhundert seines Bestehens die Welt verändert. Mit einem breiten Produktportfolio und einer klaren Mission startet das Unternehmen nun einen neuen Abschnitt seiner Geschichte.

Wer kann sich noch an die Telefonzelle erinnern? Mit der Mobilfunk-Revolution verschwand sie fast komplett aus unserem Leben. Ihr Untergang ist ein Symbol für den Beginn der mobilen Gesellschaft. Möglich wurde diese Disruption erst durch die Entwicklung und Kommerzialisierung der wiederaufladbaren Lithium-Ionen-Batterie. Akira Yoshino – seit 1972 Chemiker beim japanischen Unternehmen Asahi Kasei – vollendete 1983 in seinem Labor in Kawasaki, Japan, erfolgreich die Vorarbeit von John B. Goodenough und Stanley Whittingham und entwickelte den ersten funktionierenden Prototyp einer Lithium-Ionen-Sekundärbatterie. 1985 folgte die Patentanmeldung, Anfang der 1990er-Jahre die Kommerzialisierung. Der Rest ist Geschichte. Die Telefonzelle auch.

Am 25. Mai 2022 feierte Asahi Kasei, ein globaler Anbieter von Materialien und Technologien für eine Vielzahl von Branchen, sein hundertjähriges Bestehen. Die Lithium-Ionen-Batterie steht als leuchtendes Beispiel. Doch darüber hinaus konnte das Unternehmen in den ersten einhundert Jahren seines Bestehens in vielen weiteren Bereichen die Grenzen neu definieren.

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Alles begann mit Europa

Es startete mit der Vision des Unternehmensgründers Shitagau Noguchi: »Als Industrielle«, erklärte Noguchi, »müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass unsere wichtigste Aufgabe darin besteht, zur Verbesserung des Lebensstandards der Menschen beizutragen. Das tun wir, indem wir ihnen eine Fülle von Gütern des täglichen Bedarfs in höchster Qualität und zu den niedrigstmöglichen Preisen liefern.«

Japans erste Anlage zur synthetischen Herstellung von Ammoniak in Nobeoka nahm 1923 den Betrieb auf
Japans erste Anlage zur synthetischen Herstellung von Ammoniak in Nobeoka nahm 1923 den Betrieb auf.
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Anfang der 1920er-Jahre war in Japan der Bedarf an Ammoniumsulfat als Rohstoff für Düngemittel sehr hoch. Die heimische Produktion war teuer und das Land war stark von Importen abhängig. Im Jahr 1921 kaufte Noguchi dem italienischen Chemiker und Industriellen Luigi Casale (1882–1927) ein Patent für eine Technologie zur Herstellung von synthetischem Ammoniak für circa zehn Millionen Euro – umgerechnet in heutige Preise – ab.

Im Jahr 1922 legte er den Grundstein für Japans erste Anlage zur Herstellung synthetischen Ammoniaks in Nobeoka in der Präfektur Miyazaki – die Geburt des Unternehmens. Die Anlage nahm 1923 den Betrieb auf und ermöglichte es Noguchi, basierend auf der aus Europa erworbenen Technologie, Ammoniumsulfat in Japan zu einem niedrigen Preis zu produzieren und schnell auf die hohe Inlandsnachfrage zu reagieren. Diese Investition vor fast einem Jahrhundert markierte den Beginn der langen Geschichte von Asahi Kasei. 1931 brachte das Unternehmen die Bemberg-Faser auf den Markt. Diese auf Cotton-Linter, einem Nebenprodukt der Baumwollernte, basierende Cuprofaser findet sich heute im Innenfutter hochwertiger Anzüge. In den folgenden Jahren wuchs das Unternehmen in Japan zu einem führenden Anbieter von Grundchemikalien und Fasermaterialien.

Unternehmensgründer Shitagau Noguchi hatte sich zum Ziel gesetzt, zur Verbesserung des Lebensstandards der Menschen beizutragen
Unternehmensgründer Shitagau Noguchi hatte sich zum Ziel gesetzt, zur Verbesserung des Lebensstandards der Menschen beizutragen
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Neue Unternehmenswege

In den 1960ern und 1970ern expandierte Asahi Kasei in neue Industrien – etwa in die Kunststoff-, die Gesundheits- und die Baustoffindustrie. In dieser Zeit wurden auch die Grundlagen für die heutigen Geschäftssektoren gelegt: Material, Homes und Healthcare.

Asahi Kasei feiert 100. Geburtstag mit Konzeptfahrzeug AKXY2

Anlässlich seines 100. Geburtstags stellt der japanische Technologiekonzern Asahi Kasei eine visionäre Mobilitätsstudie namens AKXY2 vor.
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Die Entwicklung und Konstruktion des Fahrzeugs wurde von drei »S« bestimmt: Sustainability, Satisfaction und Society.
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Mit dem Konzeptfahrzeug AKXY2 will Asahi Kasei seine bereichsübergreifende Kompetenz über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg demonstrieren.
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So baut das Unternehmen seit 1972 vornehmlich in Japan sogenannte Hebel-Häuser, kleine, kompakte und erdbebensichere Fertiggebäude. 1974 folgte die Produktion von Dialysefiltern für die Blutreinigung. Die verwendeten Hohlfasern basieren – wie Bemberg – auf Cotton-Linter. So auch die Fasern, die seit Anfang der 1990er-Jahre in den Planova-Filtersystemen verwendet werden. Diese werden heute als weltweit führender Virenfilter in der Herstellung von Pharmazeutika verwendet. Auf diese Weise passte Asahi Kasei seine Materialexpertise den sich ändernden Bedürfnissen der Gesellschaft an.

Mit der Gründung von Asahi Kasei Microdevices (AKM), einem Anbieter von III/V-Verbindungshalbleitern und Magnetsensoren mit Hall-Elementen, öffnete das Unternehmen die Türen zur Elektronikindustrie. Strom- und Rotationssensoren für industrielle Anwendungen bilden ebenso die Basis des AKM-Geschäfts wie Stereo-D/A-Wandler (DAC) für Premium-Audiosysteme zu Hause oder im Fahrzeug. Ein Meilenstein in der Geschichte von AKM war die Entwicklung des elektronischen Kompasses für Mobilfunkgeräte im Jahre 2000. Die Kommerzialisierung folgte 2003. Seit 2008 ist der Kompass Standard in Android- und iOS-Systemen – mit 600 Millionen Auslieferungen jährlich ist AKM hierbei Marktführer.

Mission Automobilindustrie

30 Jahre nach ihrer Kommerzialisierung verändert die Lithium-Ionen-Batterie derzeit die Automobilindustrie. Wie damals die Telefonzelle verdrängt sie nun schrittweise den Verbrennungsmotor.

Mit der zunehmenden Elektrifizierung und Autonomisierung von Fahrzeugen und komplexer werdenden Wünschen der Fahrzeugnutzer ändern sich die Anforderungen an die verbauten Materialien – eine einmalige Gelegenheit für Unternehmen wie Asahi Kasei.

Dr. Akira Yoshino, langjähriger Mitarbeiter von Asahi Kasei, wurde im Jahr 2019 für die marktreife Entwicklung der Lithium-Ionen-Batterie mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet
Dr. Akira Yoshino, langjähriger Mitarbeiter von Asahi Kasei, wurde im Jahr 2019 für die marktreife Entwicklung der Lithium-Ionen-Batterie mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.
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Seit 2015 fokussiert sich die Gruppe bereichsübergreifend auf die Expansion in der Automobilindustrie. Neben der breiten Materialexpertise – wie etwa technische Kunststoffe und Schäume, Elektronikkomponenten, synthetischer Kautschuk und Prozesstechnologie – bilden auch weltweite Aufkäufe einen Grundpfeiler dieser Strategie. Dem Erwerb des Batterieseparator-Herstellers Celgard 2015 folgten 2017 die Akquisen von Senseair, einem schwedischen Hersteller von Gassensoren, und 2018 von Sage Automotive Interiors, einem Unternehmen, das sich auf die Entwicklung hochwertiger Oberflächenmaterialien für den automobilen Innenraum konzentriert.

Beim aktiven und passiven Sounddesign der Fahrzeuge wirft AKM seine langjährige Expertise in den Bereichen Premium-Audio und Geräuschunterdrückung in den Ring. So verkündete das Unternehmen 2022 die Zusammenarbeit mit dem israelischen Unternehmen Silentium, spezialisiert auf die aktive Geräuschunterdrückung von Straßengeräuschen in Elektrofahrzeugen (Active Road-Noise-Cancellation, ARNC). Analog/Digital-Wandler und digitale Signalprozessoren von AKM filtern im Zusammenspiel mit der Quiet-Bubble-Software von Silentium durch Reifen, Wind oder andere Quellen verursachte Störgeräusche und tragen so zu einem ruhigen und angenehmen Fahrerlebnis bei.

Mit Volldampf in die nächsten 100 Jahre

Als globaler Pulsgeber in den Bereichen Mobilität und Nachhaltigkeit kommt Europa in der Wachstumsstrategie des Unternehmens eine besondere Bedeutung zu. 2016 wurde Asahi Kasei Europe in Düsseldorf gegründet. Die Mission ist die Erschließung des Autogeschäfts in Europa.

Asahi Kasei die visionäre Mobilitätsstudie AKXY2 vorgestellt. Das Konzeptfahrzeug verkörpert und denkt die Werte Nachhaltigkeit, Wohlbefinden und gesellschaftliche Verantwortung für die Mobilität der Zukunft neu
Anlässlich des 100. Unternehmens-Geburtstages hat Asahi Kasei die visionäre Mobilitätsstudie AKXY2 vorgestellt. Das Konzeptfahrzeug verkörpert und denkt die Werte Nachhaltigkeit, Wohlbefinden und gesellschaftliche Verantwortung für die Mobilität der Zukunft neu
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Um die Synergien unterschiedlicher Geschäftsbereiche zu verdeutlichen, hat das Unternehmen 2017 mit AKXY sein erstes Konzeptfahrzeug vorgestellt. Zum einhundertsten Geburtstag stellte Asahi Kasei im Mai 2022 AKXY2 vor. Derzeit präsentiert das Unternehmen seine Vision einer nachhaltigen und komfortablen Mobilität auf verschiedenen Messen weltweit – inklusive Materialien und Technologien von Asahi Kasei, AKM, Sage Automotive Interiors und Senseair.

Im April übernahm Koshiro Kudo als neuer Präsident das Ruder von Vorgänger Hideki Kobori und führt das Unternehmen nun in sein zweites Jahrhundert. »Be a Trailblazer« – »Sei ein Wegbereiter« – so lautet das Motto des im April 2022 vorgestellten Managementplans für die kommenden drei Jahre.

Bereits einige Monate vor dem Führungswechsel gab Asahi Kasei seine Klimaziele für die kommenden Jahrzehnte bekannt. So sollen bis 2030 die Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 2013 um 30 Prozent gesenkt werden. Bis 2050 soll die Gruppe kohlenstoffneutral werden.

Geschafft werden soll das durch eine umfassende Portfolio-Transformation und Investitionen in Höhe von einer Billion Yen, das entspricht etwa acht Milliarden Euro. Hierbei zeigt sich wieder die breite strategische Aufstellung des Unternehmens: 60 Prozent der Investitionssumme fließen in zehn Geschäftsfelder mit großem Wachstumspotenzial, so etwa Gesundheitstechnologien, Wasserstoff, Produktionsprozesse zur Nutzung von CO2 als Rohstoff oder aber auch Materialien für das Fahrzeuginterieur – immer auf der Suche nach neuen, disruptiven Entdeckungen wie der Lithium-Ionen-Batterie


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