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Tipps zu wirtschaftlicher Nachhaltigkeit

Produkte entwickeln, die nachhaltig UND erfolgreich sind

04. März 2021, 09:21 Uhr   |  Karin Zühlke

Produkte entwickeln, die nachhaltig UND erfolgreich sind
© BMW Foundation

Wirtschaftlicher Erfolg und Nachhaltigkeit schließen sich nicht aus, unterstreicht Dr.-Ing. Heba Aguib von Respond.

Verbraucher legen zunehmend Wert auf Umweltfreundlichkeit, soziale Verantwortung und Inklusivität. Aber wie entwickelt man ein wirtschaftlich erfolgreiches und nachhaltiges Produkt?

Dr.-Ing. Heba Aguib hat fünf Tipps zusammengestellt. Sie ist Chief Executive von Respond, einem Programm der BMW Foundation Herbert Quandt mit Unterstützung von UnternehmerTUM.

1. Orientierung schaffen: Modelle nutzen, Agilität wagen

Bei der Entwicklung eines nachhaltigen Produktes stehen Gründer erst einmal vor denselben Herausforderungen wie bei jeder anderen Produktentwicklung auch. Gründer können sich dabei an zahlreichen betriebswirtschaftlichen Modellen orientieren, wie das Modell nach Pahl/Beitz, das Stage-Gate-Modell nach Cooper, das Wasserfall- oder auch das V-Modell. Konventionelle Methoden, beispielsweise nach Pahl/Beitz, unterscheiden klar verschiedene Phasen in der Produktentwicklung, wie eine Planungs-, eine Konzept-, eine Entwurfs- und eine Ausführungsphase. Zunehmend setzen sich in den letzten Jahren allerdings agile Methoden durch, die teilweise auch mit etablierten Methoden kombiniert werden können. Denn: Die klare Abgrenzung der verschiedenen Phasen wird teilweise gerade bei hoch innovativen und digitalen Produkten als kontraproduktiv empfunden. Das ebnet den Weg für agile Methoden wie das SCRUM-Modell. Bei agilen Methoden wird zumeist in kurzen Bearbeitungszyklen, den Sprints, gearbeitet, anschließend getestet und gegebenenfalls im nächsten Sprint optimiert – wodurch schnell und kontinuierlich Verbesserungen erzielt werden können.

2. Nachhaltigkeit von Beginn an berücksichtigen

Reguläre betriebswirtschaftliche Modelle sind bis zu einem gewissen Grad auch für eine nachhaltige Produktentwicklung anwendbar – doch eröffnen sich hier noch ganz andere Besonderheiten und Herausforderungen. So müssen sich nachhaltige Gründer oder Unternehmer zum Beispiel eindeutige Klarheit darüber verschaffen, wie ressourcenintensiv ein Produkt in der Herstellung ist oder wie viel Energie es in der Nutzung benötigt. Auch das Ende des Produktlebenszyklus muss von Anfang an mit berücksichtigt werden: Ist es möglich, das jeweilige Produkt unkompliziert zu recyclen – oder kann es vielleicht sogar einfach wieder repariert, Teile getauscht und weiter genutzt werden? Diese Fragen stellen sich zunehmend auch die Verbraucher. Wer auf dieses wachsende Bedürfnis eingeht, handelt also nicht nur nachhaltig, sondern kann sich auch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen – auch wenn es noch kein einheitliches Siegel oder eine Kennzeichnung für konsequent nachhaltige Produktentwicklung gibt.

3. Nachhaltigkeit messbar machen: Die Ökobilanz ausrechnen

Gerade bei komplexen, digitalen Produkten ist eine genaue und umfassende Berechnung der Ökobilanz mit einem relativ hohen Aufwand verbunden – was einige Gründer auf den ersten Blick abschrecken mag. Und doch kann es sich lohnen: Eine umfassende Analyse gibt hilfreiche Anhaltspunkte, wie ein Produkt nachhaltiger gestaltet werden kann, da hier alle umweltrelevanten Verfahren gemessen und bewertet werden. Diese Analyse bietet dann auch eine solide Entscheidungsgrundlage für Verbesserungen im Design oder für die spätere Produktion.

4. Einen Schwerpunkt auf das Produktdesign legen

Gerade beim Produktdesign zeigt sich, das der Nachhaltigkeits-Aspekt von Beginn an mitgedacht werden muss. Gerade diese Phase beeinflusst viele entscheidende Faktoren des späteren Produktes wie: Wie langlebig ist ein Produkt gebaut? Werden toxische Stoffe verarbeitet? Lässt sich das Produkt später leicht reparieren oder die darin verbauten Stoffe unkompliziert recyclen? All diese Faktoren werden maßgeblich vom Produktdesign bestimmt – weshalb hier ein besonderes Augenmerk bei der nachhaltigen Produktentwicklung liegen sollte. Was ist das nachhaltige Nutzenversprechen? Welche positiven oder negativen Werte schafft oder zerstört das Produkt während seines gesamten Lebenszyklus?

5. Inspiration holen und Erfolgsmodelle kennenlernen

Eine kreative Idee für ein nachhaltiges Produkt zu entwickeln ist nie einfach. Deswegen sollten Gründer immer den Austausch mit anderen Unternehmern und Partnern suchen und sich von ähnlichen und bereits weiter fortgeschrittenen Projekten inspirieren und motivieren lassen. Denn dass erfolgreiche nachhaltige Produktentwicklung möglich ist, zeigen zahlreiche Beispiele. So produziert etwa das österreichische Startup goodbag erfolgreich nachhaltige und smarte Mehrwegtaschen mit einem eingenähten NFC-Chip. Verwendet ein Nutzer die Tasche, wird dies durch den Chip registriert und es werden Belohnungen wie das Pflanzen von Bäumen, das Sammeln von Plastik aus dem Meer und Rabatte ausgespielt. Das Startup „Got Bag“ aus Mainz wiederum stellt den weltweit ersten Rucksack aus Meeresplastik her und konnte so bereits über 106 Tonnen Plastik durch rund 1500 Fischer an der Nordküste Javas in Indonesien bergen. Diese Startups zeigen, dass selbst scheinbar gewöhnliche Alltagsgegenstände durch durchdachtes Produktdesign das Potenzial haben, einen Mehrwert für Umwelt und Gesellschaft zu leisten – und die Konsumenten dabei durch Design und Funktionalität zu überzeugen.

Dabei mussten die Gründer jedoch in der Produktentwicklung einige Herausforderungen bewältigen: So ist der Hauptbestandteil des Rucksacks, das Meeresplastik, nicht ganz einfach in der Verarbeitung, denn die Qualität des Plastiks lässt unter der Einwirkung von Salzwasser und UV-Strahlen nach. Daher muss das Material für den Recyclingprozess speziell behandelt und die Qualität des Garns kontinuierlich geprüft werden. Auch der Aufbau des logistischen Netzwerks an der Nordküste Javas in Indonesien mit einem Netzwerk aus mittlerweile 1500 Fischern war zunächst nicht einfach – aber hat sich inzwischen eingespielt und bewährt.

Die Gründer dieser beiden Startups haben geschafft, wovor viele Unternehmer zurückschrecken: den Einklang von Profitabilität und Nachhaltigkeit. Doch auch sie ruhen sich nicht auf ihrem Erfolg aus, sondern arbeiten kontinuierlich an der Verbesserung ihres Produktes – beispielsweise im Rahmen von „Respond“, einem Accelerator-Programm der BMW Foundation Herbert Quandt und UnternehmerTUM, das u.a. Coachings und Mentorings zu Business und Impact für Gründer anbietet.
Wirtschaftlicher Erfolg und Nachhaltigkeit schließen sich nicht aus – im Gegenteil: Hier können Unternehmer ein Alleinstellungsmerkmal und Wettbewerbsvorteil entwickeln und gleichzeitig den Wandel zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem vorantreiben. Ein solches Produkt bietet beste Ausgangsbedingungen für unternehmerischen Erfolg.

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