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Coronavirus | Lieferketten

Neue Quellen gesucht, kluge Vorsorge empfohlen

19. Februar 2020, 05:00 Uhr   |  Julia Lamml

Neue Quellen gesucht, kluge Vorsorge empfohlen
© yeamin | Shutterstock.com

Das Coronavirus hat Einfluss auf die Lieferketten der Elektronik-Branche.

Das Coronavirus wütet seit sechs Wochen. Die Nachrichtenlage von Herstellern mit Fabriken in China ist nach wie vor diffus. Elektronik-Distributoren versuchen dennoch, die Lieferketten einzuschätzen.

73.335 Infizierte, 1.873 Tote und 26 betroffene Länder – so lauten die aktuellen (Stand: 18.02.2020) weltweiten Zahlen des Coronavirus. Das größte Risikogebiet ist die chinesische Provinz Hubei sowie die Städte Wenzhou, Hangzhou, Ningbo und Taizhou in der Provinz Zhejiang. Viele Entwickler rätseln, wie sich das auf Elektronik-Lieferungen aus China auswirkt. Die erste Antwort die man von Distributoren auf Nachfrage erhält: Lieferketten sind komplex, genaue Auskünfte daher schwierig.

»Zurzeit ist das Corona-Virus für die Elektronik-Branche noch eine große Unbekannte«, äußert sich Martin Alders vom Distributor Alders electronic. »Aber ich sehe darin auch eine Chance für die Elektronik-Branche und deren Unternehmen, sich von einer Monostruktur des Einkaufs zu verabschieden und eine zweite Quelle aufzutun. Ganz gleich, wo die ist auf der Welt.« Wenn man als Unternehmer wegen des Preisvorteils große Stückzahlen aus China importiert, sei die Lieferkette anfällig. »Hier sollte meiner Meinung nach ein Umdenken erfolgen.«

Die Marktführer Arrow und Avnet verweisen währenddessen in schriftlichen Mitteilungen auf ihr Business-Continuity-Programm: Mitarbeiter im Asien-Pazifik-Raum werden vorbereitet, stimmen sich mit Logistikpartnern ab und erstellen Pläne, um die Lieferkette intakt zu halten. »Als Distributor sind wir auf die Daten unserer Hersteller angewiesen und haben entsprechende Statements der meisten unserer Partner gesammelt und stellen diese den Kunden zur Verfügung«, erklärt Georg Steinberger, VP Marketing&Communications Avnet EMEA.

Verwaschene Berichtslage der Hersteller

Doch gerade die Nachrichtenlage macht es den Distributoren schwer, die Situation richtig einzuschätzen. Andreas Mangler, Director Strategic Marketing von Rutronik, verweist deshalb ebenfalls direkt auf die Statements der Hersteller, die auf der firmeneigenen Website veröffentlicht werden. So könnten sich Kunden ein eigenes Bild machen. »Man muss ein Stückweit Neutralität bewahren und keine Panik verbreiten.«

Ein halbwegs informatives Gesamtbild zeigt sich allerdings erst, wenn man alle Stellungnahmen der Hersteller durchforstet. Firmen wie Samsung verweisen lediglich darauf, dass die eigene Fabrik in Tianjin und die Logistikzentren in Shenzhen und Suzhou nicht betroffen sind. Die Standorte seien weit genug von Wuhan, der Hauptstadt von Hubei, entfernt. Liest man bei der Yageo Corporation weiter, erfährt man allerdings, dass Fabriken in Suzhou und Dongguan bis einschließlich 9. Februar geschlossen wurden – zwei Wochen länger als im Rahmen des chinesischen Neujahrsfestes vorgesehen. Schon vor den Feiertagen habe Yageo allerdings zusätzliche Arbeiter eingestellt, um die steigende Nachfrage zu decken. Zusätzliche Überstunden würden angeregt, man bleibe vorsichtig optimistisch.

Distribution zum Coronavirus

Georg Steinberger, Avnet
Christian Reinwald, Reichelt
Andreas Mangler

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Auch Advantechs Fabriken lagen bis 9. Februar still – es könne deshalb zu Verzögerungen kommen, räumt der Hersteller hier immerhin ein. Bei Osram ist zu lesen, dass Lieferungen mit sehr limitierten Ressourcen stattfinden. Genauer drückt sich die Adda Corporation aus: 40 Prozent der Produktions-Kapazitäten müssen reduziert werden, 50 Prozent der Rohmaterial-Anlieferungen zu den Fabriken vor Ort treffen verzögert ein. Ein umfassendes Maßnahmenprogramm kommuniziert Microchip: Nach Möglichkeit sollen Mitarbeiter in China unter anderem im Homeoffice arbeiten, bei Symptomen sofort medizinische Hilfe in Anspruch nehmen und vor allem in Hubei und Wuhan nicht reisen.

In einigen Gegenden gibt es Schließzeiten über den 9. Februar hinaus. »Wir gehen davon aus, dass unsere Standorte in Hangzhou, Xiamen und im Nordosten am 17. Februar wieder eröffnet werden«, lautet eine Mitteilung von Arrow.

Keine Hamsterkäufe, aber kritischen Bestand sichern

»Ein Rückschluss auf Veränderungen in der Supply Chain lässt sich dabei kaum ziehen«, kommentiert Steinberger die Stellungnahmen der Hersteller. Die gute Nachricht: Noch sind Lieferungen nach Deutschland, abgesehen von üblichen Schwankungen, nicht beeinträchtigt, sind sich die Distributoren weitgehend einig. Christian Reinwald, Head of Product Management and Marketing bei reichelt elektronik, verweist auf im Moment ausreichende Lagerbestände und Zulieferungen, die aktuell eintreffen. »Es wäre aber naiv zu glauben, dass das keine Auswirkungen haben wird«, macht er deutlich. »Es ist für uns nicht absehbar, wie schnell die Produktion wieder funktioniert. Wir haben jetzt sechs Wochen lang von dem Thema gehört und es ist noch nicht beendet. Das wird mit zeitlicher Verzögerung bei uns durchschlagen.«

Kunden empfiehlt Reinwald deshalb, den eigenen, vor allem kritischen Bedarf, genau zu ermitteln und vorzusorgen. Eine ähnliche Empfehlung gibt auch Avnet, mit dem Hinweis, dass bei einigen Neubestellungen schon jetzt erhöhte Lieferzeiten auftreten. »Was man an dieser Stelle nur raten kann, ist mit den Supply-Chain Partnern zu sprechen und zu versuchen, längerfristig zu disponieren. Eine Strategie mit sehr wenig Puffer an Produktionsmaterialien im weitesten Sinne ist nicht empfehlenswert«, bestätigt auch Steinberger.

Momentan sehe es laut Einschätzung von Reinwald allerdings nicht so aus, als würde ein riesiges Problem für die Lieferketten entstehen – vorbehaltlich neuer Entwicklungen. »In Deutschland gibt es ja sogar einen gegenläufigen Trend«, erklärt er. Der Bedarf deutscher Automobilhersteller ist aktuell rückläufig, zusätzlich sinkt laut Wirtschaftsprognosen aufgrund des Virus der Absatz im chinesischen Markt ebenfalls. Für die Branche sei das zwar nicht schön, meint Reinwald, das reduziere aber auch den Druck auf die Bestände.

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