Interview mit Andreas Mangler, Rutronik

"Lücke zwischen Wissenschaft und Ingenieurskunst schließen"

29. August 2022, 14:00 Uhr | Karin Zühlke
Andreas Mangler
Andreas Mangler, Rutronik: »Wir stellen bei unseren Marktforschungsaktivitäten und in der Zusammenarbeit mit den Hochschulen sowie Universitäten immer wieder fest, dass es Ansätze gibt, die das Potenzial haben, komplette Geschäftsmodelle infrage zu stellen, wie etwa bei der gedruckten Sensorik, die künftig ein Game Changer sein könnte.«
© Rutronik

Mit einem internationalen Entwicklungsteam und der neuen Trademark AI3 (A Triple I) setzt Rutronik Akzente auf die Innovationsförderung bis hin zu Rutronik-IP in Form von Proof-of-Concepts. Details erläutert Andreas Mangler, Director Strategic Marketing von Rutronik.

Markt&Technik: Bei der klassischen Design-in-Beratung gewinnt das »Design to Availability« immer mehr an Bedeutung. Warum wird es immer wichtiger, die Verfügbarkeit gleich beim Design mit einzubeziehen?

Andreas Mangler: Die Verfügbarkeit in verschiedenen Bereichen ist immens angespannt. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Wir sind in der Distribution sehr industriegetrieben, d. h. wir bedienen Anwendungen im Industriegüter-Umfeld, aber auch im Automotive-Segment. Zeitgleich haben wir es mit einer 70-zu-30-Prozent-Marktaufteilung zwischen Direkt- und Distributionsmarkt zu tun: Weltweit kaufen also hunderttausende Kunden über die Distribution. Gleichzeitig konzentrieren sich viele Hersteller nur auf Direktkunden bzw. OEMs. Die Hersteller hingegen, die mit der Distribution und dem Investitionsgüter-Umfeld umgehen können, bedienen mit ihrem Geschäftsmodell beides.

In welchen Bereichen kommt diese Schieflage besonders zum Tragen?

Betrachten wir das Beispiel der Industrie-PCs: Dort sind oft Schlüsselprodukte aus dem Netzwerk-Bereich wie Broadcom, Nvidia etc. eindesignt. Diese Hersteller konzentrieren sich primär nicht auf den industriellen Anwendungsbereich, sondern auf Computing oder Konsumgüter wie das Mining von Kryptowährung oder auf Desktop-PCs. Damit haben diese Hersteller eine klare OEM-Ausrichtung im Massenmarkt und die vielen Distributionskunden bleiben ein Stück außen vor. Wir haben auch Kunden, die Komponenten für Applikationen der kritischen Infrastruktur benötigen, wie bei der Überwachung von Pipelines mit Robotern, Fahrkartenautomaten oder Bahnapplikationen. In diesen Segmenten gibt es wenige, aber hochsensible Anwendungen. Manche Hersteller haben nicht immer im Blick, wie sensibel diese Infrastrukturen sind. Es müsste an der Stelle mehr Verständnis für kleinere Stückzahlen an Investitionsgütern vorhanden sein.

Auch dazu ein Beispiel: Der Halbleiter-Ausrüster ASML ist ein klassischer Distributionskunde. Er fertigt kleinere Stückzahlen, die aber große Auswirkungen auf die gesamte Halbleiter-Industrie haben. Unser weltweites Ökosystem lässt sich nicht an Stückzahlen festmachen, sondern auch Hersteller mit kleinen Stückzahlen können sehr große Auswirkungen auf die Lieferketten haben.

Es hält sich immer wieder die Feststellung, dass sich all diese Probleme lösen ließen, hätte man nur genügend Ersatzprodukte, also Second oder auch Third Sources eindesignt. Warum ist das gar nicht so trivial wie oft behauptet?

Im Embedded-Bereich arbeiten technologisch alle Firmen am Limit des technisch Machbaren, quasi State-of-the Art, daher ist die Selektion des einzelnen Bauelements und die Abstimmung der Komponenten untereinander enorm wichtig.

Insbesondere bei hochperformanten Prozessoren und deren peripheren Funktionen wie z. B. im Analog- und Power-Bereich ist das Design-in von Second Sources sehr schwierig oder gar unmöglich. Als Broadliner führen wir 70 Prozent Design-in-Produkte, die einzigartig sind. Das entspricht auch in etwa der Aufteilung auf der Platine, sprich: 30 Prozent sind von der Wertschöpfung her überhaupt Second-Source-fähig. Und selbst bei vermeintlichen Commodities werden die Unterschiede immer spezieller.

Nun geht Rutronik mit einem neuen Brand, AI3, und einem Stufenmodell insofern neue Wege, als die Entwicklungsunterstützung der Kunden deutlich tiefer geht, als das beim klassischen Design-in der Fall ist. Wie ist dieses Stufenmodell aufgebaut?

Wir haben in Form einer vierstufigen Pyramide illustriert, wo wir herkommen und wo wir hinmöchten. Unser Kerngeschäft ist die Broadline-Distribution, aber wir müssen uns auch ein Stück weit neu erfinden.

Die erste Stufe greift das eingangs diskutierte Thema des Design to Availability auf: Hier geht es darum, die Produkte zu beraten, die in einem System beim Kunden optimal zusammenspielen. Immer unter der Prämisse, dass die Produkte verfügbar sind und die Hersteller eine Strategie fahren, die die Distribution adäquat bedient.
Auf Stufe 2, dem Design Level, kombinieren wir Evaluation Boards unterschiedlicher Hersteller miteinander und bieten darüber hinaus auch die von unseren Experten entsprechend angepasste Software an.

Auf Level 3, wir nennen es Advanced Design Level, entwickeln wir Rutronik-eigene Hard- und Software und adaptieren diese. Dabei handelt es sich um eine Art »Best Fit«, also welche Produkte spielen am besten zusammen, auch wiederum im Hinblick auf die Verfügbarkeit und die Distributionspolitik der jeweiligen Hersteller. Wir wählen dabei Produkte aus, die fünf bis zehn Jahre verfügbar sind und nicht schon in einem Jahr wieder abgekündigt werden.

Anbieter zum Thema

zu Matchmaker+

  1. "Lücke zwischen Wissenschaft und Ingenieurskunst schließen"
  2. Novum Research Level
  3. "Wir verfolgen Deep-Tech-Ansatz"

Verwandte Artikel

Rutronik Elektronische Bauelemente GmbH