Zulieferer in der Krise

Corona beschleunigt den Strukturwandel

9. Februar 2021, 8:58 Uhr | Bernd Jost, DiIT; Redaktion: Irina Hübner
Wie werden die Automobil-Zulieferer das zweite Corona-Jahr 2021 bewältigen?
© DiIT

Während die großen Automobilkonzerne sich etwas erholt haben, ringen viele Zulieferer ums Überleben. Sie müssen auf Zukunftstechnologien umstellen – und dies umso dringlicher, da im Laufe der Pandemie der Absatz von Elektroautos deutlich angezogen hat. Ein Kommentar.

Seit einigen Jahren steckt die deutsche Automobilindustrie in einem tiefgreifenden Strukturwandel und muss sich auf elektrische Antriebe und eine stärkere IT-Durchdringung ihrer Fahrzeuge einstellen. In dieser Phase hohen Investitionsbedarfs hat sie die Corona-Krise zur Unzeit getroffen. Weil Autohäuser im ersten Lockdown schließen mussten und die Nachfrage einbrach, stand die Produktion im Frühjahr fast komplett still. Dadurch wuchs der wirtschaftliche Druck, sodass dringend notwendige Investitionsvorhaben aufgeschoben wurden oder plötzlich zur Disposition standen.

Über den Sommer hatte sich die Situation für die Branche als Ganzes ein wenig entspannt. Die Produktion lief weitgehend wieder an und auch die Nachfrage erholte sich – im September 2020 lag die Zahl der Pkw-Neuzulassungen laut Kraftfahrt-Bundesamt sogar deutlich über dem Vorjahr. Das reichte zwar nicht, um die Einbußen der Vormonate auszugleichen, ist aber ist ein Zeichen dafür, dass die Bundesbürger weiterhin am Autokauf interessiert sind. Allerdings sind es vor allem die großen Autohersteller, die etwas aufatmen können. Sie haben – auch unterstützt durch ihr Auslandsgeschäft – die Rückkehr in die Gewinnzone geschafft. Das Gros der Zulieferer aber hat sich bislang kaum erholt und plant weiter mit Kurzarbeit und Stellenabbau.

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Strukturwandel bewältigen & Folgen der Pandemie abfangen

Insbesondere die kleinen und mittelständischen Zulieferer bleiben angeschlagen, weil sie sehr von der Produktion der Autohersteller in Deutschland abhängen. Diese erreichte auch im Herbst noch nicht wieder das Vorkrisenniveau und wird durch den zweiten harten Lockdown erneut negativ beeinflusst. Damit wird es für die Zulieferer immer schwieriger, den großen Strukturwandel zu bewältigen und gleichzeitig die Folgen der Pandemie abzufangen.

Dabei haben die Zulassungszahlen im Corona-Jahr 2020 den Erneuerungsbedarf der Branche noch einmal unterstrichen. In den vergangenen Monaten mussten Benziner und Diesel deutliche Einbußen hinnehmen, während der Absatz von Elektro- und Hybridfahrzeugen massiv anzog. So machten Elektro- und Hybridfahrzeuge im November gut 30 Prozent der gut 290.000 zugelassenen Neuwagen in Deutschland aus – Hybride legten laut Kraftfahrt-Bundesamt um 177 Prozent zu, reine Stromer sogar um 522 Prozent. Vermutlich hätten es sogar noch mehr sein können, kämen die Hersteller mit der Produktion hinterher. Einige Elektromodelle sind momentan gar nicht bestellbar, für andere betragen die Wartezeiten mehrere Monate bis zu einem Jahr.

Ein Lichtblick für Bordnetz-Produzenten

Der Elektro-Boom wird sich fortsetzen fortsetzen: Die Bundesregierung hat den Umweltbonus für E-Autos und Plug-in-Hybride bis Ende 2025 verlängert und im Rahmen des Corona-Konjunkturpakets mit der Innovationsprämie sogar verdoppelt. Dazu kommt die Förderung privater Ladeinfrastruktur durch Bund, Länder und Kommunen, die elektrisch angetriebene Fahrzeuge attraktiv macht – selbst einige Energieversorger zahlen inzwischen Zuschüsse für private Ladestationen.

Insbesondere für Bordnetzproduzenten ist diese Entwicklung ein Lichtblick, liefern sie doch entscheidende Komponenten für die Fahrzeugmodelle, denen die Zukunft gehört. Hersteller und Zulieferer in diesem Bereich, die bereits in der Vergangenheit mutig und vorausschauend investiert haben, können in der Krise von den steigenden Absatzzahlen und Marktanteilen profitieren. Andere haben dringenden Handlungsbedarf.

Die wirtschaftlichen Belastungen des Corona-Jahres 2020 bringen vor allem kleine und mittelständische Zulieferer an ihre Grenzen und machen Investitionen in eine Modernisierung der Fertigung sowie in Forschung und Entwicklung zu einer großen Herausforderung. Diese anzugehen ist indes unumgänglich und zahlt sich langfristig aus, weil sie nicht nur die Basis für Zukunftstechnologien wie elektrische Antriebe und autonome Fahrzeuge sind. Sie helfen Bordnetzproduzenten auch, die Automatisierung ihrer Produktion voranzutreiben und die Qualitätssicherung zu verbessern. Gerade gegenüber Wettbewerbern, die weiterhin hauptsächlich auf eine Fertigung in Niedriglohnländern und viele manuelle Fertigungsschritte setzen, sind niedrigere Kosten bei gleichzeitig höherer Qualität ein immenser Wettbewerbsvorteil.

 

Der Autor

Bernd Jost, Geschäftsführer von DiIT in Krailling bei München.
Bernd Jost, Geschäftsführer von DiIT in Krailling bei München.
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Bernd Jost

ist seit Januar 2016 für DiIT tätig, einem Softwarehaus im Bereich Manufacturing Executions Systems für die Kabelsatzproduktion – zuerst in der Funktion als Chief Operating Officer und seit Januar 2017 als Managing Director. Jost ist studierter Diplom-Informatiker und verfügt über 30 Jahre Berufserfahrung als Führungskraft in der Technologiebranche. Zuvor war er Vorstandsvorsitzender beim Stuttgarter E-Commerce-Systemhaus SPH. Auch bei der Daimler-Tochter debis und dem französischen IT-Dienstleister ATOS war er bereits in verschiedenen Führungspositionen tätig.


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