Schwerpunkte

Interaktion ohne Touch

Bitte nicht berühren!

03. November 2020, 15:30 Uhr   |  Rudolf Sosnowsky

Bitte nicht berühren!
© Shutterstock – ra2 studio

Kennen Sie das Theremin? Das ist ein fast vergessenes Musikinstrument mit einer besonderen Eigenschaft: Man kann es ohne Berührung spielen. Genau das, die berührungslose Bedienung von Geräten und Maschinen, ermöglicht die hier vorgestellte Lösung.

Die aktuelle Pandemiesituation lenkt das Interesse auf eine Bedienung von Geräten, die ohne direkten körperlichen Kontakt. Einer Studie von UltraLeap, einem Hersteller berührungsloser Interfaces, zufolge hat die Akzeptanz von Touchscreens nachgelassen. Einen gewissen Komplexitätsgrad vorausgesetzt (also nicht dem des Näherungssensors eines Seifenspenders), bieten sich verschiedene Möglichkeiten hierfür an. Die holografische Eingabe arbeitet mit einem projizierten Hologramm und einem Infrarot-Touchscreen.

HY-LINE Computer Components
© Neonode

Bild 1: Funktionsprinzip des Infrarot-Sensors.

Holografische Eingabe

Das System besteht aus zwei Teilen: Einem Infrarot-Touchscreen neuer Technologie, der mit einem unsichtbaren IR-Vorhang Touchereignisse und Gesten erfasst, und einem Bild, das holografisch in die Luft projiziert wird. Im physikalischen Sinne handelt es sich bei der Darstellung des virtuellen Bildes nicht um ein Hologramm, da hier weder monochromatisches, kohärentes Licht verwendet wird, noch sich das Bild in Abhängigkeit vom Betrachtungswinkel präsentiert. Hier wird vielmehr eine spezielle Materialeigenschaft ausgenutzt, die die diffus ausgehenden Lichtstrahlen konvergent am Ort des virtuellen Bildes bündelt und so den Eindruck einer frei schwebenden Darstellung erzeugt. Dafür soll der Begriff »Holografie« verwendet werden.

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© HY-LINE Computer Components, nach Tobias Werner, KIT

Bild 2: Head-up Display im Auto.

Ein Infrarot-Sensor eignet sich hervorragend für die berührungslose Bedienung. Sie kann mit jedem Gegenstand erfolgen, der Licht reflektiert, also auch mit Schutzhandschuhen, Kreditkarten und Stiften. Selbst mit nassen oder schmutzigen Händen oder langen Fingernägeln ist eine Bedienung einfach. Zwischen Finger und Display befindet sich im Gegensatz zu anderen Touch-Technologien keine Schicht, die die Bildqualität optisch beeinträchtigt. Umgekehrt kann er auch, wenn das Display vor widrigen Umgebungsbedingungen und Vandalismus geschützt werden soll, mit entsprechendem Abstand zum Display montiert werden. Der Infrarot-Touchscreen neuer Technologie nutzt die Reflexion an in den Strahlengang eingebrachten Gegenständen, um mehrere Ereignisse gleichzeitig oder Gesten zu erkennen. Bild 1 zeigt das Funktionsprinzip im Querschnitt.

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© ASKA3D

Bild 3: Funktionsprinzip des holografischen Displays.

3D-Projektion

Das holografische Bild erscheint frei in der Luft stehend. Schlüsselelement ist eine optische Platte, die das von der Quelle erzeugte Bild umlenkt und nach den Gesetzen der Optik projiziert. Ähnlich einem Head-up-Display im Auto (siehe Bild 2) sieht der Fahrer durch die Frontscheibe hindurch ein Bild, das ihm in Augmented Reality zusätzliche Informationen wie Geschwindigkeit, Verkehrszeichen und Navigationshinweise anzeigt. Die Aufmerksamkeit des Fahrers bleibt nach vorne auf die Straße und das virtuelle Bild gerichtet. Durch die entfernte Darstellung werden die Augen des Fahrers entlastet, die nicht zwischen nah – dem Blick auf die Instrumententafel – und fern – dem Blick auf die Straße – akkommodieren müssen. Das Bild selber wird von einem Display oder Projektor im Fußraum erzeugt und durch eine Linseneinheit auf die Frontscheibe projiziert, die in diesem Bereich teilreflektierend beschichtet ist.

Im vorliegenden System sieht der Aufbau ganz ähnlich aus. Durch die 3D-Platte entsteht ein virtuelles Bild, das dem Anwender »greifbar« nahe ist. Das virtuelle Bild entsteht an der Stelle, die den gleichen Abstand vom Spiegel hat wie das Display selbst, siehe Bild 3.

Montiert man nun an die Stelle der Bildebene einen Infrarotsensor, der die Bildfläche überblickt, kann man Touch-Ereignisse und Gesten, die »in die Luft« gezeichnet werden, erkennen und auswerten, ohne dass dazu eine Berührung von Teilen erforderlich ist.

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Bild 4: Die Anordnung von Display und der Holografieplatte bestimmt die Ausrichtung des Bildes.

Die holografische Projektion

Die Bildprojektion in der Luft, die auch als holografisches Display bezeichnet wird, ermöglicht es, das Bild eines LC-Displays um 90 Grad vom Bildschirm weg zu projizieren. Das resultierende Bild scheint frei im Raum stehend auf einem unsichtbaren Bildschirm zu schweben. Das vom Display ausgehende Licht wird durch eine spezielle Holografieplatte, die aus mehreren Schichten von Mikrospiegeln besteht, umgelenkt. Die Platte steht in einem Winkel von 45 Grad im Strahlengang und lenkt das von der Anzeige ausgehende Licht um weitere 45 Grad um. Die divergenten Lichtstrahlen konvergieren dabei an einem Ort, wodurch das schwebende Bild erzeugt wird. Die Größe der Platte bestimmt dabei den maximalen Abstand und die Größe des Bildes.

Da es eine feste Winkelbeziehung zwischen dem Display, der Projektionsplatte und dem Endbild gibt, bestimmt die Installationsgeometrie von Display und Projektionsplatte die Ausrichtung des virtuellen Bildes. Bild 4 zeigt zwei gebräuchliche Einbausituationen eines Projektionssystems. Ein vertikales Bild wird von einem horizontal montiertem Display und einer 45-Grad-Platte abgebildet, während eine horizontale Projektionsplatte ein um 45 Grad geneigtes Bild erzeugt.

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Bild 5: Anwendung: Aufzug-Bedienung.

Das Graphische User Interface (GUI) sollte wie bei allen Touch-Anwendungen ergonomisch auf die Umstände der Bedienung angepasst werden. Während mit der Maus feinfühlige Bewegungen durchgeführt werden können, da sie auf einer Oberfläche bewegt wird, ist ein Stift bis zur Berührung der Oberfläche in drei Dimensionen beweglich. Bei der holografischen Bedienung fehlt jedoch die Haptik einer Oberfläche völlig, so dass auch nach Berühren einer Schaltfläche die Hand völlig frei geführt werden muss. Filigrane Strukturen lassen sich daher speziell von ungeübten Gelegenheitsanwendern schlecht bedienen. Designer von Software-Oberflächen müssen dies bei der Anordnung und Größe der Bedienelemente berücksichtigen. Auch der Einsatz von Gesten sollte mit Bedacht gewählt werden, um nicht versehentlich während des Zugriffs auf ein Element durch seitlichen Versatz eine Bediengeste auszulösen. Die Infrarot-Sensoren von Neonode ermöglichen dank ihrer hoher Auflösung und Parametrierbarkeit eine perfekte Zusammenarbeit mit der holografischen Eingabe.

Nützlich wo es viele Nutzer gibt

Wo möchte man gerade nicht unbedingt in Körperkontakt mit einem Gerät treten? Prädestiniert für kontaktlose Anwendungen sind Orte und Geräte, die von vielen Menschen verwendet werden. In der Öffentlichkeit sind dies Aufzugsteuerungen (Bild 5). Diese sind zwar häufig in Edelstahl ausgeführt, um sie leicht zu reinigen und resistent gegenüber Vandalismus zu sein, erlauben aber doch die Ansammlung von Bakterien und Keimen.

Ein anderes Beispiel ist das Bedienterminal in einem Self-Service-Restaurant. Die den Speisen und Getränken zugeordneten Nummern können auf einer virtuellen Tastatur eingegeben werden. Die virtuelle Darstellung auf einem Display ermöglicht auch eine Änderung des Inhalts oder sogar Staffelung in mehrere Menüebenen – Hauptspeisen, Nachspeisen, Getränke.

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© Neonode

Bild 6: Bedienterminal in einem Fastfood-Restaurant.

Im medizinischen Umfeld kann die Technologie dort ihre Stärken ausspielen, wo Aktionen von Personen durchgeführt werden müssen, die ansonsten steril arbeiten. So können Helfer Parameter ändern, die der Operateur durch Zuruf gibt, und dabei steril bleiben. Die anschließende Reinigung entfällt.

Die Kombination eines in die Luft projizierten, virtuellen Bildes mit einem berührungslos arbeitenden Touch-Sensor bietet ein großes Potential, wenn es um die Übertragung von Viren und Bakterien durch direkten Kontakt geht. Bedienelemente an öffentlichen Plätzen wie Aufzugsteuerungen und Automaten fallen damit als Multiplikatoren weg. Mit überschaubarem technischem Aufwand lässt sich ein System erstellen, das sicher in der Funktion und einfach zu bedienen ist und dabei optimale Hygienebedingungen gewährleistet. Konstrukteur und Designer gewinnen neue Freiheitsgrade, weil die Touchfunktion unabhängig von der Bildquelle ist. Dem Anwender erschließt sich die Bedienung unmittelbar, da er wie gewohnt Icons und Eingabefelder »anfasst«. Hinzu kommt, dass die Bedienung mit jedem Gegenstand, der den Strahlengang unterbricht, möglich ist, das kann auch die Kreditkarte oder die behandschuhte Hand sein. Herausforderungen stellen Vandalismus und Verschmutzung der holografischen Platte dar. Durch den dreidimensionalen Aufbau wird eine gewisse Bautiefe benötigt, und eine taktile Rückmeldung bietet das System nicht. (jk)

EINSATZBEISPIELE AUS DER PRAXIS

  • Vermeiden der Übertragung von Viren und Keimen
  • Aufzugsteuerungen
  • Verkaufsautomaten/Point of Sales
  • Geldautomaten – PIN-Eingabe
  • Ticket und Check-in (Bahnhof, Flughafen)
  • Digital Signage – Orientierung in der Shopping Mall
  • Self-Ordering im Schnellrestaurant
  • Self-Checkin/Checkout – Hotel, Firmenempfang, Security-Bereich
  • Gesundheitswesen – Gerätebedienung im sterilen Bereich, Hygiene
  • Lifestyle und Komfort
  • Smart Home
  • Entertainment
  • Ausstellung und Museen
  • Bedienung mit feuchten oder schmutzigen Händen oder Handschuhen; Küche, Bad
  • Luxus-Shop

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