Production-Level-4-Demonstrator

Wie Production as a Service Wirklichkeit wird

11. März 2021, 11:53 Uhr | Heinz Arnold
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Keran Sivalingam, smartMA-X »Uns ging es mit unserem GAIA-X Use Case im Demonstrator darum zu zeigen, wie es funktio-nieren kann. Mit unseren Partnern in den Niederlanden haben wir eine individuelle Lösung umgesetzt, die uns aber eine praktische Idee gibt, wie die Produktion der Zukunft aussehen kann.«
© smartMA-X

Wie die autonime Produktion zu Shared Production, Production as a Service und neuen Geschäftsmodellen führt, erklärt Keran Sivalingam, Projektleiter von smartMA-X in der SmartFactory KL, im Interview mit Markt&Technik.

Markt&Technik: Shared Production klingt zunächst sehr überzeugend: Sehr viele Maschinen in Deutschland und europaweit befinden sich über lange Zeiten im Standby-Modus, produzieren also nicht. Die Idee von Production Level 4 (PL4) innerhalb von der SmartFactory KL besteht darin, diese brach liegenden Ressourcen nutzbar zu machen, deutschland- und sogar europaweit. Ist das nicht eine sehr ferne Zukunftsvision?

Keran Sivalingam: Bis die Vision umgesetzt werden kann, ist noch sehr viel zu tun, aber die technologischen Entwicklungen gehen sehr schnell voran, so weit weg in der Zukunft ist das nicht. Ich rechne mit fünf bis zehn Jahren. Dann könnten zumindest schon Elemente von Production as a Service und Shared Production umgesetzt werden. Wir legen mit dem Projekt smartMA-X innerhalb von Gaia-X jetzt die Grundlagen dazu. Wir führen die industrielle Produktion und GAIA-X in smartMA-X zusammen, wie wir am Beispiel des weltweit ersten Production-Level-4-Demonstrators zeigen.

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SmartMA-X ist ein wesentliches Element von GAIA-X. Allerdings existiert GAIA-X noch nicht, sondern steckt noch in der Konzeptionsphase. Wie konnten Sie überhaupt einen Demonstrator realisieren, der zeigt, wie eine Fertigung auf Basis der GAIA-X-Plattform grundsätzlich aufgebaut sein sollte?

Das stimmt, GAIA-X befindet sich noch in der Konzeptphase. Wir haben deshalb zunächst ein individuelles System aufgebaut, ganz traditionell. Uns ging es mit unserem GAIA-X Use Case im Demonstrator darum, zu zeigen, wie es funktionieren kann. Mit unseren Partnern in den Niederlanden haben wir eine individuelle Lösung umgesetzt, die uns aber eine praktische Idee gibt, wie die Produktion der Zukunft aussehen kann. Ähnliches funktioniert bereits in der Realität. Beispielsweise betreiben Zulieferer für die Automobilindustrie auf den Firmengeländen der Automobilhersteller eigene Fertigungen, um direkt vor Ort auf die jeweilige Nachfrage reagieren zu können. Solche Systeme sind aber individuell auf die jeweilige Situation hin ausgerichtet. Das aufzubauen dauert lange und ist auch mit hohen Investitionen verbunden. Das Ziel des smartMA-X-Projekts besteht darin, eine Grundlage zu bieten, damit sich Unternehmen einfach an die GAIA-X-Plattform andocken können. Erst wenn Unternehmen und ihre Maschinen über eine sichere Plattform vernetzt sind, können wir die Produktion überhaupt neu organisieren, ohne dass individuelle Lokallösungen notwendig werden. Erst wenn standortübergreifend Maschinen miteinander arbeiten, ihre Skills anbieten und auf diese zugegriffen werden kann, kommt unsere Vision zum Tragen. Deshalb formulieren wir in smartMA-X Standards, auf deren Basis Unternehmen einfach, zertifiziert und kostengünstig Teil von GAIA-X werden können. Erst wenn das passiert, können wir von einer Produktion sprechen, die sehr flexibel und resilient funktionieren kann und die immer wieder auf neue Anforderungen hin anpassbar ist.

Bilder: A. Sell/SmartFactory KL
Individuell konfigurierbarer USB-Stick in Noppensteinform
© Bilder: A. Sell/SmartFactory KL

Warum ist GAIA-X im Production-Level-4-Umfeld so wichtig?

Ein wichtiger Punkt von PL4 ist die resiliente Produktion. Das bedeutet: Trotz externer Störungen oder Einflüsse von außen ist die Produktion unterbrechungsfrei möglich. Shared Production basiert auf der Auslagerung von Produktionsteilen, lokal oder europaweit. Um das zu ermöglichen, brauchen wir sichere Kommunikationskanäle. Um eine rechtssichere Kommunikation zu gewährleisten, orientiert sich GAIA-X an den europäischen Datenschutzrichtlinien. So gilt auf europäischer Ebene die GDPR (gemeint ist die DSGVO, die Red.). So ist gewährleistet, dass die Unternehmen die Hoheit über ihre Daten behalten. Derjenige, dem die Daten gehören, entscheidet, welche seiner Daten ausgelesen werden dürfen und wer sie nutzen darf. Deshalb wird es auch eine GAIA-X-Zertifizierung geben. Sie garantiert, dass sich ein Unternehmen an die datenschutzrechtlichen Regeln hält. Immerhin werden über GAIA-X möglicherweise auch Verträge zwischen miteinander kommunizierenden Maschinen geschlossen. Da muss alles Hand und Fuß haben. Wie das genau aussieht, werden wir in den nächsten Jahren entwickeln. Man darf nicht vergessen: Mit GAIA-X betreten wir absolutes Neuland!

Wie kommt GAIA-X voran und wann kann die Einbindung von smartMA-X erfolgen?

GAIA-X ist bereits sehr erfolgreich unterwegs. Gegründet wurde die Initiative der deutschen und der französischen Regierung von elf französischen und elf deutschen Unternehmen sowie Verbänden und Instituten in Frankreich und Deutschland im Dezember 2019. Ein Jahr später sind viele europäische Länder hinzugekommen, insgesamt sind jetzt 149 Unternehmen dabei, darunter auch US-Unternehmen wie Google und IBM. Länder wie Japan und Südkorea sind ebenfalls an einer Zusammenarbeit interessiert. Die ersten GAIA-X-Dienste sollen prototypisch Anfang dieses Jahres implementiert sein. Wir können also bald damit beginnen, smartMA-X anzubinden. Wie schnell es vorangeht, zeigt gerade der erste Production-Level-4-Demonstrator der Welt, den wir eigentlich zur Hannover-Messe 2020 präsentieren wollten. Die Partner haben es geschafft, das Projekt innerhalb von nur neun Monaten umzusetzen. Und zwar innerhalb einer echten Industrieumgebung, es handelt sich also um weit mehr als eine wissenschaftliche Spielerei. Dank unserer Partner aus der Industrie.


  1. Wie Production as a Service Wirklichkeit wird
  2. Nicht nur KMUs profitieren, sondern die Volkswirtschaft insgesamt
  3. Eine völlig neue Art der Produktion

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