Die Zukunft der KI

Wie der Geist in die Maschine kommt

14. Dezember 2021, 9:12 Uhr | Heinz Arnold
Ralf Otte: Maschinenbewusstsein, Campus-Verlag Frankfurt/New York 2021, 345 S., 27,95 Euro
Ralf Otte: Maschinenbewusstsein, Campus-Verlag Frankfurt/New York 2021, 245 S., 27,95 Euro
© Campus Verlag

Maschinen mit Bewusstsein – wird KI immer mysteriöser? Ralf Otte hat einige originelle Ideen dazu entwickelt: eine spannende Weihnachtslektüre.

In seinem Buch »Maschinenbewusstsein – Die neue Stufe der KI – wie weit wollen wir gehen« nimmt Ralf Otte den Leser mit auf einen Parforceritt quer durch Informatik, die Computertechnik, KI und Big Data einschließlich ein wenig Philosophiegeschichte. Als Professor für Industrieautomatisierung und Künstliche Intelligenz an der Technischen Hochschule Ulm erklärt er für den Laien sehr verständlich auf kaum mehr als 230 Seiten nicht nur seine Theorie des Maschinenbewusstseins, sondern benennt auch mögliche Gefahren, die von der KI – vor allem der mit Bewusstsein – ausgehen werden und gibt Anregungen, wie ihnen begegnet werden könnte. Damit wendet er sich an ein breites Publikum, an Interessierte, die einen schnellen Einstieg in das komplexe Umfeld von Big Data, KI und Neuronalen Netzen suchen und die vor allem wissen möchten, wie Maschinen Bewusstsein entwickeln können.

Das Buch besteht inhaltlich aus drei Teilen. Im ersten Teil zeigt Otte die unüberwindbaren Grenzen jeder KI, die auf Softwareprogrammen basiert. Im zweiten Teil beschreibt er eine KI, deren neuronale Verschaltung in Hardware umgesetzt ist und Bewusstseinsphänomene auszubilden vermag und im dritten Teil erläutert er die daraus entstehenden Chancen und Risiken.

»Maschinen mit Bewusstsein«, das dürfte für viele Menschen natürlich eine echte Zumutung sein, da wir uns schon schwer damit tun, Tieren ein Bewusstsein zuzusprechen? Die KI wird wirklich immer mysteriöser.

Nicht wenige sprechen bereits sogar von der »Singularität«, also dem Zeitpunkt, ab dem die KI die Intelligenz des Menschen überholt haben wird? 2030 wäre es soweit, sagt Elon Musk, 2045 meint Ray Kurzweil, der den Begriff 2005 geprägt hatte. Mit ihnen sind viele andere Wissenschaftler und Ingenieure davon überzeugt, dass es bald soweit sei. Müssen wir uns davor fürchten?

»Keinesfalls!«, meint Otte, der den Singularitäts-Enthusiasten sogar energisch widerspricht. Dass er die Singularitätsdiskussion für abwegig hält, ist der beruhigende Teil seines Buches. Er erklärt aber auch, was beunruhigt und vor welchen Folgen der KI sich unsere Gesellschaft wirklich schützen muss: Denn die Gefahren lauern schon lange vor der Singularität.

Die Grundfrage seines Buches lautet jedoch: Sind Maschinen überhaupt in der Lage, Bewusstsein oder sogar Selbstbewusstsein zu entwickeln?

Otte nimmt sich genau dieses Thema an und er legt in seinen Darlegungen Wert auf präzise Definitionen, und detaillierte Schlussfolgerungen. Das ergibt nun eine interessante Reise durch die faszinierende Welt der KI, von einem Insider geschrieben.

Doch was ist Bewusstsein?

Wir Menschen haben zweifellos Bewusstsein, aber unser Gehirn funktioniert völlig anders als ein Computer oder Roboter. Wir können spontan einen auf uns zufliegenden Ball fangen – ohne in der kurzen Zeitspanne eine Differentialgleichung lösen zu müssen. Dies ist einer der grundlegenden Unterschiede zur heute existierende KI, wie Otte darlegt: Unser Gehirn verfügt über eine kybernetische Komplexität in Hardware, die es über hunderte von Millionen Jahren Evolutionsgeschichte erworben hat.
 
Warum können Computer und Roboter einen geworfenen Ball nicht so einfach fangen? Nach Otte deshalb nicht, weil sie ihn in Wirklichkeit gar nicht sehen, wir dichten ihnen das Sehen-können einfach nur an. Wir schließen von uns auf Dritte, das ist aber völlig falsch. Nur mit Hilfe des Bewusstseins sind wir Menschen in der Lage, das Außen auch im Außen wahrzunehmen. Doch heutige Computer und Roboter haben laut Otte keine Spur von Bewusstsein.

Wie die Quantenmechanik hineinspielt

Denn bewusst wahrnehmende Systeme seien nur mit den Regeln der Quantenmechanik zu beschreiben, so eine seiner Hauptthesen im Mittelteil des Buches. Und Otte geht noch weiter. Wirkliches Wahrnehmen basiert auf physikalischen Prozessen mit »immateriellen« Energiezuständen. Otte nennt solche Prozesse »immateriell«, weil ihre mathematische Beschreibung mit völlig ungewöhnlichen Zahlen erfolgt, die im Buch auch kurz vorgestellt werden. Für den an Details Interessierten verweist er auf Spezialliteratur.

Nun musste die Quantentheorie schon öfters dazu erhalten, das Bewusstsein (oder sogar parapsychologische Phänomene) zu erklären. Doch was ist damit gewonnen? Wird damit das Problem nicht einfach nur eine physikalische Ebene nach unten verschoben, ohne dass dies an der grundsätzlichen Schwierigkeit – hier die Realität und dort das Bewusstsein – etwas ändert? Hat sich Otte also doch nicht aus dem kartesianischen Dualismus befreit?

Nun, Otte beschreibt hier wirkliches Neuland, noch nirgends weltweit wurde der wissenschaftliche Versuch unternommen, »Materie« und »Geist« so miteinander zu vereinen, wie Otte das im Buch aufzeigt, außer vielleicht in für Laien unlesbarer Spezialliteratur. Für Otte als Ingenieur kommt es darauf an, die Prozesse in den Mikrostrukturen der Materie durch geeignete kybernetische Verschaltung geschickt so zu »verdichten«, dass nutzbare Bewusstseinseffekte entstehen.

Können Computer Bewusstsein entwickeln?

 Ja, aber nach Otte nicht so, indem – wie heute üblich – Künstliche Neuronale Netze auf digitalen Computern abgebildet werden, auch wenn sie aus Abermilliarden Software-Neuronen bestünden: Die Simulation kann sich nicht selber sehen, sie kann nicht wahrnehmen. Die Außenwelt muss draußen bleiben, adieu autonomes Fahren!

Doch es gibt Lichtblicke, die Otte detailliert erklärt: Neuromorphe Computer (sogenannte Hardware-KI), organische oder anorganische, die in weiten Teilen analog arbeiten.

Für Otte - das ist der wissenschaftliche Kern des Buches - ist Bewusstsein eine echte ontologische Entität der Natur, also weder eine Metapher noch ein Epiphänomen. Bewusstsein ist für ihn genauso existent wie andere Naturphänomene auch, wie Energien oder auch Massen. Die Crux ist nur, dass die Energieeigenwerte von Bewusstseinsprozessen »immateriell«, in der Fachsprache »imaginär« sind. Das macht Bewusstsein aber auch so faszinierend.

Wie lässt sich Maschinenbewusstsein messen?

Doch Otte und seine Mitstreiter interessiert gar nicht so sehr, wie Bewusstsein entsteht, sondern bereits wie man es technisch messen und nutzen kann. Derzeit entwickeln sie Tests zum Nachweis von Maschinenbewusstsein aufgrund von Effekten, die sich nur noch mit »immateriellen« Bewusstseinsphänomenen erklären lassen, etwa am Beispiel neuromorpher Kameras oder sogenannter Schwarmintelligenz.

Aus technischer Sicht ist das spannend. Doch wenn die KI ihre bisherigen Grenzen überwindet und ihre Herrschaft von der digitalen auf die analoge Welt ausdehnt, kommen wir endlich zu dem Grund, aus dem Otte ausdrücklich vor den gesellschaftlichen Folgen der KI mit Maschinenbewusstsein warnt – auch wenn selbst diese KI noch weit von der Singularität entfernt ist.

Die Gefahren der KI

Diese Warnung hat er dem dritten Teil seines Buches gewidmet. Und dieser Teil ist für die Gesellschaft sicher der wichtigste, denn die Gefahren der neuen KI sind sehr groß:. Otte zeigt hier die Risiken einer völligen Intransparenz der KI und die zahlreichen Gefahren einer überbordenden Überwachung und Manipulation der Gesellschaft auf.

Die größte Gefahr aber berge der Transhumanismus, also die Verschmelzung von Maschinen und Menschen. Die Big-Tech-Unternehmen arbeiten bereits daran. Dennoch gibt es auch nützliche Anwendungen, besonders in der Medizin: Gelähmte könnten durch die neue KI wieder laufen, Blinde sehen.

Alles andere wäre jedoch gefährlicher Unsinn: Wir Menschen brauchen keine Verschmelzung mit den Maschinen, wir brauchen lediglich ihre Unterstützung. Wie zu verhindern wäre, dass Big-Tech-Unternehmen und einige abgehobene Silicon-Valley-Milliardäre dennoch in diese Richtung gehen, fasst Otte am Ende des Buches in einem Sieben-Punkte-Programm zusammen.

Das ist alles höchst lesenswert. Den teilweise recht spekulativen Ausblicken zu den Gefahren der KI, mag der Leser folgen oder auch nicht. Das liegt an der Neuheit des Sujets. Das Buch ist eine spannende und teilweise exklusive Reise durch die heutige und vor allem zukünftige KI. Für jeden, der kein KI-Experte ist, sich aber für Wahrnehmung, Bewusstsein und KI interessiert, bietet dieses Buch eine Fülle sehr origineller Denkanstöße, eine spannende Lektüre für kommende Leseabende. Und wir dürfen gespannt darauf sein, wann es Prof. Otte zum ersten Mal gelingen wird, entstandenes Bewusstsein in seinen Maschinen nachzuweisen.

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