30 Jahre EMH Metering

Vor-Ort-Fertigung, Vielfalt und visionäre Zählerkonzepte

29. Oktober 2021, 14:39 Uhr | Heinz Arnold

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Von der Elektrolok in die Schnellladesäule

Eine besondere Gruppe der Spezialzähler bilden die Zähler, die die Deutsche Bahn einsetzt und die Wechsel- und Gleichstrom messen müssen. Außerdem sind sie mit GPS-Empfängern ausgestattet. Selbstverständlich stellt die Bahn ganz besondere Anforderungen an die Geräte. Inzwischen lassen sich die dort gewonnenen Erfahrungen auch auf einem anderen Gebiet nutzen: das der Schnellladesäulen, denn die Grundfunktionen, die sich dahinter verbergen, sind weitgehend die gleichen. Heuell: »So kann künftig mit einem Gleichstromzähler von EMH Metering, der sich auf Elektroloks schon seit vielen Jahren bewährt hat, das Laden von E-Autos abgerechnet werden.«

Auch bei den Standardladesäulen ist EMH gut im Geschäft. Der FNN-konforme EDL-Zähler wurde entsprechend den eichrechtlichen Anforderungen der Elektromobilität erweitert und von der PTB zugelassen, sodass die eichrechtskonforme AC-Ladeinfrastruktur zur Verfügung steht. »Auf dem Sektor dieser Ladesäulen dürfte EMH Metering inzwischen einen Marktanteil von 50 Prozent erreichen«, schätzt Heuell.

Und wie sieht es mit den Steuerboxen aus, über die die Netzbetreiber die Möglichkeit bekommen sollten, flexible Stromverbraucher bei Bedarf zu steuern? Da ist es ruhig geworden, obwohl über die Steuerboxen die Ladesäulen in das Lastmanagement eingebunden werden könnten. Allerdings wurde das „Steuerbare-Verbrauchseinrichtungen-Gesetz“ Anfang des Jahres zurückgezogen, deshalb gibt es laut Heuell kaum Nachfrage. EMH Metering beschreitet hier einen anderen Weg und beteiligt sich an einem Feldversuch in Chemnitz, wo zusammen mit Audi, GISA und weiteren Partnern gezeigt wird, wie dynamisches Laden über ein Smart Meter Gateway realisiert werden kann, das für die sichere Datenverbindung zwischen Haus- und Netzwerkbetreiber sorgt. Die Steuersignale werden entweder zum Heimenergie-Managementsystem (HEMS) oder direkt zum Ladesystem „connect“ weitergeleitet, das Audi optional anbietet. Der Datenaustausch erfolgt auf dem EEBus-Protokoll.

Womit wir beim Thema Smart Meter Gateway (SMGW) wären: Schon Ende 2019 hatte das Smart Meter Gateway „Casa“ von EMH die Zertifizierung des BSI erhalten. Jetzt hat der Rollout begonnen – allerdings etwas verhalten. Bisher sind noch weniger als 100.000 SMGW verbaut. Von einem Erfolg könne deshalb im Moment noch nicht gesprochen werden: »Wir müssen noch zeigen, dass der Rollout mit hohen Stückzahlen funktioniert. Zum Vergleich: in Frankreich arbeiten 40 Millionen Zähler.«

Allerdings sei beides auch nicht zu vergleichen. Das intelligente Messsystem ist eben weit mehr als nur ein Zähler, sondern ein wichtiges Element innerhalb der Energiewende. Deshalb ist er überzeugt, dass die SMGW in einigen Jahren auch international Erfolge einheimsen werde: »In wenigen Jahren könnten wir die Welt überzeugen. Die Energiewende funktioniert eben nur mit den SMGWs sehr sicher, und der Datenschutz ist ebenfalls gewährleistet. Das kann im Moment nur Deutschland, und da wird Deutschland auch so schnell niemand einholen können.« EMH bietet dafür alles aus einer Hand: von den SMGWs über die neusten Messeinrichtungen bis hin zum FNN-Basiszähler – alles vollständig in Deutschland produziert. Damit könne EMH flexibel auf sich ändernde gesetzliche Anforderungen reagieren und schnell liefern.

EMH Metering
Der Standort von EMH Metering in Gallin
© EMH Metering

Lieferengpässe – »Es ist mühsam und tut weh!«

A propos Lieferzeiten: Wie sieht es derzeit mit der Verfügbarkeit von Rohstoffen, Komponenten und Vorprodukten aus? »Wir haben so etwas noch nicht erlebt«, so Heuell. Es gebe bis hin zum Verpackungsmaterial praktisch nichts, was nicht knapp sei. Zwar käme EMH grundsätzlich an alles heran, was für die Produktion benötigt werde: »Wir sind im Dreischichtbetrieb voll ausgelastet.« Aber in den Lagern werde es langsam eng, und wenn Lieferanten einfach kein Material liefern können, muss immer wieder in der Produktion umgeschichtet werden: »Das ist mühsam, ermüdend und tut weh.« Und noch etwas tut weh: »Die Preise im Einkauf steigen, aber für die Endprodukte bestehen meistens langfristige Verträge, deshalb können wir die Preise nicht anheben.«

EMH Grid Solutions – Services für den SMGW-Rollout

Allerdings beschäftigt sich EMH Metering seit Längerem nicht mehr nur mit Zählern, sondern auch mit umfassenden Systemen, die die Kunden spätestens seit der Energiewende benötigen. So war es wohl kein reiner Zufall, dass im Jahr der Energiewende, 2011, die Tochter EMH Grid Solutions (kurz EGS) gegründet wurde, die sich auf die Konzeption von intelligenten Netzen, die Einbindung erneuerbarer Energien und neue Dienstleistungsangebote spezialisiert hat. »Das geht über die Geräte weit hinaus, ESG liefert die zugeschnittenen Lösungen für die individuellen Probleme der Kunden beim Rollout.«

Was würde er sich für die nächsten 30 Jahren wünschen? Zunächst einmal, dass hoffentlich viele SMGWs ausgerollt werden. Darauf konzentriert sich EMH derzeit. »Wir werden als Erstes das erfüllen, was in Deutschland gewollt ist.« Danach sei die Kür dran. Auch daran arbeitet EMH. »Denn es gibt noch sehr viele Wachstumsmärkte«, freut sich Heuell. Beispielsweise in der Elektromobilität, aber auch auf anderen Märkten. Dazu zählt allgemein die Erweiterung der Funktionen der Zähler, es wird neue High-End-Spezialzähler geben und die 450-MHz-Kommunikation für die Zähler wird ein weiteres großes Thema über die nächsten Jahre werden.

Auf dem Weg zur Industrie-4.0-Produktion

Ein weiterer großer Schritt besteht darin, die Produktion umzustellen, ebenfalls ein Projekt, das EMH Metering in Angriff genommen hat: »Wir werden in die Industrie-4.0-Welt einsteigen, um die Flexibilität in der Fertigung zu erhöhen und die Kosten zu reduzieren.« Das Ziel sei die berühmte Losgröße 1 zu Kosten, wie sie bisher aus der Hochvolumenfertigung bekannt sind. In einem regulierten und deshalb fragmentierten Markt, in dem Economy of Scale nicht weit trägt, wäre dies für ein Unternehmen mit sehr vielen kundenorientierten Abwandlungen ein erheblicher Fortschritt.

»Insgesamt aber werden wir über die nächsten 30 Jahre mit demselben Konzept erfolgreich sein wie über die ersten 30 Jahre«, so das Fazit von Peter Heuell. »Wir orientieren uns eng am Kunden, schaffen Mehrwert und entwickeln Neues – das ist der Kern unserer Strategie. Und vor allem: Wir werden niemals mit eigenen Systemen in Wettbewerb zu unseren Kunden treten.«


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