Die Grenzen digitaler Simulationen Wie das Bewusstsein in die Maschine kommt

Bewusstsein können laut Prof. Ralf Otte digitale Computer niemals entwickeln. Er plädiert für ein Umdenken. Sonst werde es nichts mit dem autonomen Fahren.

Bescheiden klingt das Ziel von Prof. Ralf Otte von der Technischen Hochschule Ulm nicht: »Ich will rudimentäres künstliches Bewusstsein in einer Maschine erzeugen!« Trotzdem ist er weit davon entfernt, Gott spielen zu wollen. Diesen Versuch überlässt er lieber den millionenschweren Forschern des Silicon Valley.

In welchem Sinne will Otte also künstliches Bewusstsein erschaffen? »Keinesfalls so, wie man sich landläufig Bewusstsein oder Selbstbewusstsein vorstellt. Das Maschinenbewusstsein, was ich erzeugen möchte, ist nicht menschenähnlich und hat schon gar nichts mit unserem hochkomplexen Selbstbewusstsein zu tun. Ich bin Ingenieur und kein Psychologe und ein menschliches Bewusstsein werde ich niemals bauen können. Vielleicht kann ja jemand so etwas in 100 oder 200 Jahren«, ergänzt Otte.

Es geht ihm seit Jahren jedoch darum, die grundlegende Mathematik von Bewusstsein zu formulieren. Und er ist überzeugt, dass ihm und seiner Gruppe genau das im Jahr 2016 bereits in ersten Schritten gelungen ist. »Wir haben ein mathematisches Konzept entwickelt, das mit der Quantenphysik vereinbar ist und das mentale und neuronale Vorgänge im Gehirn einheitlich darstellen kann. Bewusstseinsprozesse sind nach diesem Konzept immaterielle, imaginäre Zustände, ihre Energien sind mathematisch gesehen nicht reell.« Das heißt aber eben nicht, dass es sie nicht wirklich gibt, im Gegenteil. »Es zeigt aber, dass Bewusstsein quantenphysikalische Prozesse braucht, sonst kann es aus Materie nicht entstehen«, so Otte. »Wenn man aber erst einmal eine mathematische Beschreibungsbasis von Bewusstseinsprozessen hat, dann kann man selbstverständlich auch versuchen, Bewusstseinsphänomene technisch gezielt zu erzeugen.« Um erneut zu betonen: »Mit dem Schaffen von menschlichem Bewusstsein hat das nichts zu tun!« Wie Otte sich künstliches Bewusstsein im Kontext der künstlichen Intelligenz vorstellt, hat er in seinem kürzlich im Wiley-Verlag erschienen Buch „Künstliche Intelligenz für Dummies“ für die Allgemeinheit erklärt.

Welche physikalischen Systeme nun nicht in Frage kommen, um auf ihrer Basis Bewusstsein zu erzeugen, leitet Otte aus seiner mathematischen Beschreibung ab: Dies dürfen insbesondere keine Maschinen sein, die digitale Computer als Basis nutzen, um darauf neuronale Netze in Software zu simulieren. Auf diesen Maschinen fehlen die quantenphysikalischen Prozesse. Hier laufen einfach nur Algorithmen ab.

»KI realisieren zu wollen, indem neuronale Netze auf digitalen Maschinen simuliert werden, kann bei machen Aufgaben in eine Sackgasse führen, dies stellt sich beim autonomen Fahren gerade mehr und mehr heraus«, sagt Otte. »Die großen Player in den USA haben das schon bemerkt und setzen bereits auf die Entwicklung von Quantencomputern, um eine neue KI-Generation zu realisieren.« Aus Ottes Sicht genau die richtige Hardwarebasis, um Maschinen zu bauen, die auch Bewusstsein entwickeln könnten.

Otte aber kann nicht Unsummen in die Entwicklung von Quantencomputern stecken: »Das gibt unsere Forschungslandschaft nicht her, dazu müsste man entweder einem Elite-Cluster in Deutschland angehören oder nach China oder in die USA wechseln.« Zum Glück gibt es seiner Meinung nach aber einen weiteren Weg, um Bewusstsein in einer Maschine zu erzeugen. Seine Lösung, die sich aus den mathematischen Überlegungen ergibt: »Die Informationsverarbeitung muss in den Kernelementen in Hardware durchgeführt werden, die Quantenprozesse enthalten. Das lässt sich auf verschiedenen Wegen bewerkstelligen, etwa, indem man Neuronen und Synapsen aus Halbleiterelementen wie Transistoren oder auch Varistoren aufbaut.« Solche neuronalen Hardwaresysteme nennt man neuromorphe Systeme – ein neuer Trend in der KI. Ottes Ziel ist es, kleine neuromorphe Einheiten in Autos zu verbauen. Sie könnten die Umgebung dann so ähnlich erfassen wie Menschen, da sie echte (wenn auch primitive) Bewusstseinsphänomene ausbilden und nicht nur softwaremäßig simulieren: »Damit könnte man autonomes Fahren ermöglichen, das seinen Namen wirklich verdient.«