IIoT-Plattform Klebstoff für die Cloud

Bernhard Günthner, S&T Technologies: »Die Cloud ist kein Allheilmittel und Antwort auf alle Probleme. Sie erfordert eine realistische, differenzierte Betrachtung und hängt sehr von der Anwendung ab.«

Kontron und das Schwester-Unternehmen S&T Technologies setzen gemeinsam auf die IIot-Plattform „Susietec“. Bernhard Günthner, Geschäftsführer S&T Technologies, zuständig für Vertrieb und Business Development, erklärt die sich ergebenden Chancen.

Markt&Technik: Kurz und vereinfacht – was ist Susietec?

Bernhard Günthner: Die zunehmende Vernetzung industrieller Computersysteme stellt Systemintegratoren vor neue Aufgaben und Herausforderungen. Bei Susietec handelt es sich um ein Software- und Dienstleistungsangebot, das als „Klebstoff“ die Verbindung der Geräte untereinander und mit der Cloud herstellt. Susietec fügt alle vorhandenen Puzzleteile zusammen und verbindet diese zu einem Gesamtpaket.

Was sind denn genau die Herausforderungen, die mit Susietec bewältigt werden können?

Die Digitalisierung verändert alle Branchen. Und vor den Neuerungen und Herausforderungen, die dieser Wandel mit sich bringt, stehen nicht nur die Hersteller von Embedded-Computing-/IoT-Technologien, sondern ebenso ihre Kunden. Damit einhergehend beschleunigt und intensiviert Industrie 4.0 diesen Prozess. Die Vernetzung ist das oberste Gebot, wenn man wettbewerbsfähig bleiben will. Das bedeutet auch, dass die Software-technischen Voraussetzungen hierzu geschaffen werden müssen, damit viele Geräte und Komponenten reibungslos zusammenarbeiten. Die Zeit, in der nur Kabel zusammengesteckt wurden, ist endgültig vorbei. Früher hat der Hardware-Hersteller höchstens noch das Betriebssystem mitgeliefert und ein passendes Board-Support-Package entwickelt. Heute kann Kontron im Verbund mit S&T Technologies mit Susietec ein umfassendes Angebot zur Vernetzung einschließlich Private-/On-Premise- und Public-Cloud-Einbindung und Hosting anbieten.

Wie ist Susietec entstanden?

2017, als Kontron von der S&T AG übernommen wurde, hatte unser CEO Hannes Niederhauser Synergien und sich ergänzende Produkte angekündigt. Die S&T war bis dahin ein klassisches IT-Systemhaus, das sein Geschäft größtenteils mit IT-Dienstleistungen betrieb. Da Cloud-Computing in der IT schon länger ein Trend ist, hat die S&T hier bereits viele Erfahrungen gesammelt und überträgt diesen Erfahrungsschatz nun auf ihr Tochterunternehmen Kontron als Anbieter von industrieller Rechnertechnik. Das schafft die Verbindung zwischen der Computertechnik, der Fabrik und der Unternehmens-IT. Eine Fähigkeit, die im Zeitalter von Industrie 4.0 enorm selten und sehr gefragt ist und die wir mit Susietec adressieren.

Für was genau steht denn nun Susietec – Kunstname oder Abkürzung?

Susietec ist ein auffälliger Name in einer technisch geprägten Branche. Er ist aber in der Tat eine Abkürzung und steht für „S&T‘s User focused Solutions for IoT Embedded“.

IoT ist untrennbar mit der Cloud verbunden. Etablierte Anbieter haben spezielle Services in der Cloud, die die Vernetzung und Verbindung der Komponenten übernehmen sollen. Wofür braucht es da noch ein neues Angebot von Kontron beziehungsweise S&T Technologies?

Der Vorteil von Clouds wie Azure oder Amazon Web Services liegt auf der Hand – Unternehmen müssen sich, wenn sie sich für diese Cloud-Anbieter entscheiden, nicht um den Aufbau und Betrieb der Infrastruktur selbst kümmern. Damit entfallen schon mal rund 50 Prozent des Aufwands. Aber die großen Cloud Provider sind nicht darauf eingestellt, für ihre Kunden individuelle Anpassungen vorzunehmen. Sie bieten nur ein Basisprodukt; ein individueller Zuschnitt auf die Kundenwünsche und -Bedürfnisse ist nicht vorgesehen. Hier kommen Kontron und die S&T Technologies mit Susietec ins Spiel. Was bei Betriebssystemen das Board-Support-Package ist, ist bei der Cloud die Netz-Adaption, die Kontron beziehungsweise S&T Technologies mit Susietec übernimmt. Treiber und Infrastruktur bietet Kontron an; um Applikationen, Datenanpassung und -auswertung kümmert sich der Kunde.

Die deutsche Industrie tut sich mit der Cloud erfahrungsgemäß schwer. Wie geht Kontron mit dieser Tatsache um?

Die Cloud ist kein Allheilmittel und Antwort auf alle Probleme. Sie erfordert eine realistische, differenzierte Betrachtung und hängt sehr von der Anwendung ab. Das gilt insbesondere für Branchen, in denen Bruchteile von Sekunden bei der Maschinensteuerung ausschlaggebend sind oder Echtzeitauswertungen für schnelle Entscheidungsprozesse an der Maschine gefragt sind. Die etablierten Clouds können mittlerweile viel, aber die Fragen nach Bandbreite und Latenzzeiten bleiben bestehen und können auch von Microsoft und Amazon nicht wegdiskutiert werden. Das Konzept der „Digital Twins“ in der Cloud für Maschinen ist sicherlich zukunftsweisend, aber derzeit für die meisten Branchen noch keine echte Alternative zur Maschinensteuerung vor Ort.

Zudem fühlen sich viele Unternehmen, nicht nur in Deutschland, nach wie vor sicherer, wenn sie ihre Daten traditionell im Haus behalten. Statt alles in die Cloud gilt also vielmehr das Motto: nur das, was nötig ist, in die Cloud.