Role Models

»Ich stelle Leute ein, die besser sind als ich«

9. Oktober 2022, 13:20 Uhr | Corinne Schindlbeck
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Marie-Pierre Ducharme, Vice President EMEA Supplier Marketing & Business Development bei Mouser: »Die Abwechslung und dazu die Kameradschaft im Team schätze ich sehr.«
© Mouser

Frauen sind unterrepräsentiert in Technik-Fächern und vor allem in der Elektronik. Um das zu ändern und auch das weibliche Gesicht der Branche stärker zu zeigen, berichten Vorbilder in Markt&Technik regelmäßig über ihre Erfahrungen und ihre Karriere.

Im Interview der Woche berichtet Marie-Pierre Ducharme von Mouser als Role Model für die Distribution.

Markt&Technik: Frau Ducharme, was steht aktuell auf Ihrer Visitenkarte?

Marie-Pierre Ducharme: Mein derzeitiger Titel lautet »Vice President EMEA Supplier Marketing & Business Development«. Es gibt da so einen Running Gag, über den ich gerne lache: »Je länger der Titel, desto unwichtiger der Job.« Um ehrlich zu sein, entspricht das bislang nicht so ganz meiner Erfahrung.

Wie kamen Sie in die Elektronik-Distribution, welche Umstände haben dazu geführt?

Meine jetzige Position gab es vorher noch nicht. Ich denke bzw. hoffe, dass meine Leadership Skills vielleicht ein klein wenig dazu beigetragen haben, ein gewisses Potenzial in mir zu erkennen. Zu meinem Background: Ich habe Erfahrung im Vertrieb und in der Geschäftsentwicklung und einen MBA-Abschluss mit Fokus auf das europäische Geschäft. Seitdem arbeite ich in der Elektronikbranche.

Was fällt in Ihren Verantwortungsbereich, was charakterisiert Ihre Vorstellung von Führung?

Mein Geheimnis: Ich stelle Leute ein, die alle besser sind als ich. Das heißt, ich kann mich auf sie und ihr Fachwissen verlassen. Mit solchen großartigen Menschen zusammenzuarbeiten macht mir die Arbeit leicht. Offiziell leite ich unsere Teams für Lieferanten und technische Inhalte in der EMEA-Region. Das bedeutet, vertrauensvolle und starke Beziehungen zu unseren Lieferanten aufzubauen, ihre Strategie zu verstehen und für unser gemeinsames Wachstum zu sorgen. Seit Kurzem helfe ich mit, eine Strategie rund um unsere technischen Anlagen und Schwerpunkte zu entwickeln.

Ein typischer Arbeitstag?

Den gibt es bei mir nicht. Kein Tag ist wie der andere, das ist das Schöne daran. Ich habe das große Glück, in einer Position zu sein, die viel bietet und in der jeder Tag eine andere Herausforderung oder eine – mehr oder weniger gute – Überraschung bereithält. Diese Abwechslung und dazu die Kameradschaft im Team schätze ich sehr.

Soft Skills?

Sind in meiner Arbeit unverzichtbar. Müsste ich die wichtigsten definieren, wären es wohl Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit zuzuhören. Man muss die Menschen wertschätzen, denn sie sind die wichtigste Ressource, die wir haben. Menschen zu verstehen und »lesen« zu können halte ich für essenziell, denn so kann man sich auf ihre Bedürfnisse einstellen und entsprechend reagieren oder Sachverhalte so darstellen, dass die Mitarbeiter sie auch verstehen.

Jeder möchte das Gefühl haben, dass er gehört und verstanden wird. Auf diese Weise können sich Beziehungen und Vertrauen auf natürliche Weise entwickeln. Frauen sagt man nach, dass sie emotionale Intelligenz hätten – diese halte ich in jeder Führungsposition für hilfreich.

Wenn Sie Menschen außerhalb der Branche treffen: Verstehen diese immer gleich, was Sie machen?

Häufig nicht. Wenn ich von der Elektronikindustrie spreche, denken die meisten Leute an MediaMarkt oder etwas Ähnliches. Sie denken eher an das fertige Produkt als an die Komponenten, aus denen es besteht.

Haben Sie ein Lieblingsprodukt, einen Lieblingskunden?

Nein.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach so wenig Frauen in MINT-Studiengängen?

Der Schlüssel ist, dass wir erkennen, dass Themen oder auch Fähigkeiten kein Geschlecht haben. Als Gesellschaft werden wir in dieser Hinsicht zwar langsam besser, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns. Wir müssen einfach jeden und jede ermutigen, das zu tun, wofür er oder sie sich interessiert. Und gesellschaftliche Vorstellungen darüber überwinden, wer bestimmte Berufe ausüben sollte oder auch nicht.

Kann man in der Distribution gut verdienen?

»Gut verdienen« ist sehr subjektiv und bedeutet für jeden etwas anderes, je nach Situation. Ich persönlich finde, dass Kriterien wie etwa die Unternehmensphilosophie, die Work-Life Balance, die der Job bietet, und die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, weit bessere Kriterien sind, auf die man achten sollte. Wenn man Freude an seiner Arbeit hat und gerne mit den Kollegen zusammenarbeitet, ist das ein echter Luxus. Ich finde, das sollte man mehr schätzen. Aber natürlich muss jeder von uns am Ende des Monats auch in der Lage sein, die Rechnungen zu bezahlen.

Eine Recruiting-Frage zum Schluss: Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Flughafen-Gate, auf dem Weg in den Urlaub. Hinter Ihnen hören Sie ein Gespräch mit, eine Frau spricht sehr kompetent über ihr technisches Kundenprojekt. Sie finden sie sehr sympathisch und Ihr Unternehmen sucht dringend jemanden wie sie. Welchen Trumpf spielen Sie bei der potenziellen Kollegin aus, um sie dazu zu bringen, Ihnen ihre Visitenkarte zu geben?

Wer nicht fragt, bekommt auch keine! Ich würde direkt zur Sache kommen und mit einem breiten Lächeln sagen: »Ich habe zufällig Ihr Gespräch mitgehört und wollte nur sagen, dass ich sehr beeindruckt bin von dem, was Sie gesagt haben. Würden Sie mir bitte Ihre Visitenkarte geben? Hier ist meine. Ich würde gerne mit Ihnen über die Möglichkeiten in meinem Unternehmen sprechen. Ich bleibe in Kontakt und wünsche Ihnen einen guten Flug.«


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