Schwerpunkte

Eigene Prozessorentwicklung

Apple wirft Intel raus

23. Juni 2020, 07:26 Uhr   |  Frank Riemenschneider

Apple wirft Intel raus
© Elektronik

Apples Entwicklungszentrum in Israel ist das zweitgrößte weltweit.

In Zukunft wird Apple auch die SoCs seiner MacBooks und iMacs selbst herstellen. Wirklich überraschend kommt diese Entwicklung nicht, denn die hohe Energieeffizienz ist nur ein Vorteil. Tatsächlich geht es mittlerweile auch um die absolute Rechenleistung.

Nach 15 Jahren serviert Apple seinem langjährigen Prozessorlieferanten Intel ab. Statt der Core-i-CPUs des Marktführers, die auf der x86-CISC-Architektur basieren, wird man zukünftig wie schon heute im iPhone und iPad auf Eigenentwicklungen auf Basis der Armv8-A-RISC-Architektur setzen.

Nachdem Apple nach dem Kauf von Intels Wireless-Sparte auch eigene Modems bauen wird und den langjährigen GPU-Lieferanten Imagination durch dessen Ausbootung in die Insolvenz getrieben hat, sucht der Elektronk-Riese noch mehr Autonomie und wird noch unabhängiger von Zulieferungen anderer Chiphersteller. Softwarechef Craig Federghi zeigte bereits einen Mac-Computer, in dem dasselbe SoC steckte wie im aktuellen iPad Pro, der Apple A12Z Bionic.

Aber auch wenn man den offensichtlichsten Vorteil, die gesamte Wertschöpfungskette unter Kontrolle zu haben vom Chip bis hin zur Anwendungssoftware, außen vor lassen würde, gibt es rein auf der Hardwareebene signifikante Vorteile gegenüber den x86-CPUs.

Schon immer waren die RISC-CPUs auf Basis der Armv8-A-Architektur energieeffizienter als die CISC-Pendants von Intel oder AMD. Deshalb sind u.a. sämtliche Versuche von Intel, mit seinen Atom-Prozessoren Fuß im Handy-Markt zu fassen, kläglich gescheitert und wurden letztendlich aufgegeben. Woran alle Arm-Lizenznehmer über Jahre gescheitert sind, ist der Versuch, von der für Desktop-PCs so wichtigen absoluten Rechenleistung mit den Intel-Prozessoren mithalten zu können.

Nimmt man den Benchmark SPEC2006, können weder Qualcomms Snapdragon 865 (35 Punkte im SPECInt, 48 Punkte im SPEECfp für Gleitkomma-Arithmetik) noch Samsungs Exynos 990 (31/47 Punkte) oder erst recht nicht Huaweis Kirin 990 (28/37 Punkte) mit AMDs Ryzen 3950 (50/75 Punkte) oder Intels Core 10900K (59/78 Punkte) mithalten. Dass alle Mobil-SoCs nur einen Bruchteil der TDP von AMD/Intel aufweisen, ist für die Batterielaufzeit relevant, aber nicht für die absolute Performance.

Nur sind diese Zeiten spätestens seit Apples A13-CPUs vorbei. Seine 6 Cores (2 Hochleistungs-CPUs „Lightning“ und 4 Energieeffizienz-CPUs „Thunder“) liefern im SPEC2006 53 (Int) bzw. 65 Punkte (fp) und spielen damit in einer Liga mit den x86-CPUs. Dabei nehmen sie rund 4,5 W beim SPECInt und 5 W beim SPECfp auf, was Dimensionen unter den TDPs der genannten x86-CPUs von Intel und AMD liegt.

Natürlich kann Apple in den im Vergleich zum iPhone großen MacBooks

 

dank der verbesserten Wäreabfuhr die Taktfrequenz des A13 nochmals anheben und damit die x86-CPUs sogar wie es so schön heißt „ausperformen“. Allerdings dürften die ersten Geräte auf dem Markt bereits den A13-Nachfolger in einer 5-nm-Fertigung beinhalten, so dass man mit einem weiteren Leistungssprung rechnen darf.

Die Bildverarbeitung der Kameras, die Spracherkennung, also der ganze Bereich künstliche Intelligenz (KI) läuft dank der Neural Engine ohnehin schon um ein vielfaches schneller als auf Intel-Prozessoren. Auch die Grafik ist dank der eigenentwickelten GPU beeindruckend: In dieser Hinsicht ist ein aktuelles iPad Pro tausendmal schneller als das erste iPad.

Die Abstimmung von Apples Betriebssystem MacOS und der darauf laufenden Apps speziell auf die Apple-Prozessoren wird sein Übriges dazu beitragen, für den Benutzer das bestmögliche Erlebnis zu erreichen. Indem den Chips quasi für Apples Software maßgeschneiderte Funktionen eingebaut werden können und die Software umgekehrt direkt an die Chips angepasst werden kann, lässt sich mehr Leistung aus dem System rausholen.

Mit dem Cortex-X1 hat Arm dieses Jahr erstmals eine Standard-IP aus dem eigenen Hause vorgestellt, die seitens der Rechenleistung in die Apple-Bereiche vordringen wird. Meine Berechnungen auf Basis der von Arm genannten Zahlen dürften beim SPECInt zu einem Wert von rund 47 und beim SPECfp von rund 66 führen. Theoretisch könnten somit zukünftig auch andere PC-Hersteller wie Dell oder Acer einen CPU-Wechsel realisieren.

Apples Leiter der hauseigenen Chipentwicklung, SVP Johny Srouji, trat bei der Ankündigung mittels Videoeinspielung auf, was sehr selten ist. Apple versucht ihn normalerweise komplett von neugierigen Fragestellern wie mir abzuschirmen, in seiner mittlerweile 12-jährigen Tätigkeit für Apple ist ein einziges Interview mit einer israelischen Zeitung dokumentiert.

Den Videoclip von Srouji leitete Apples CEO Tim Cook mit den Worten ein, Srouji werde von einem "geheimen Ort" zugeschaltet. Bei diesem handelt es sich um ein vergleichsweise futuristisches Bürogebäude in der Maskit Street 12 im schönen Örtchen Herziliya nörlich von Tel Aviv, in welchem Apple sein weltweit zweitgrößtes Entwicklungszentrum betreibt. Srouji hatte ironischerweise zuvor viele Jahre für Intel in dem rund 80 km nördlich gelegenen Haifa gearbeitet, wo Intels ehemalige Legende David „Dadi“ Perlmutter einst den ersten Multicore-Prozessor entwickelte.

Externen Software-Entwicklern will Apple den Umstieg mit einer neuen Software leicht machen, die Mac-Programme so erstellt, dass sie sowohl auf alten Intel-Macs als auch auf Macs mit Apple-Chips laufen. Laut Craig Federighi arbeitet Microsoft bereits an einer Office-Version, Adobe passt

 

Bildbearbeitungsprogramme wie Photoshop und Lightroom an die neuen SoCs an. Was Apple viele neue Mac-Kunden bescheren dürfte, ist die Tatsache, dass logischerweise zukünftig auch iOS- und iPadOS-Apps auf den Laptops laufen werden.

Man kann davon ausgehen, dass Apple sein Angebot bei diesem Übergang von hinten aufrollen wird. Zuerst die weniger leistungsfähigen MacBooks, dann die iMacs und am Ende die Highend-Macs mit einem "Pro" im Namen.

Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenAuf Linkedin teilenVia Mail teilen

Verwandte Artikel

Apple GmbH