Kommentar

Alternativlose Globalisierung

3. April 2020, 9:09 Uhr | Engelbert Hopf
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Engelbert Hopf, Chefreporter, EHopf@weka-fachmedien.de
© Markt & Technik

Eindrucksvoll haben wir in den letzten Wochen erlebt, dass globale Vernetzung keine Einbahnstraße zu Wohlstand und weltweiter Völkerverständigung ist.

Wenn eine Lehre aus dem Beginn der Corona-Pandemie zu ziehen ist, dann die, dass Transparenz und Offenheit in einer globalisierten Welt eine Grundvoraussetzung sind, nicht nur um Wirtschaftssysteme, sondern ganz einfach auch die Lebens- und Arbeitswelt der Menschen vor Bedrohungen wie einem 120 bis 160 nm großen Virus zu schützen.

Wer angesichts der Pandemie wieder den nationalen Aspekt betonen will, vergisst, welchen entscheidenden Anteil die Globalisierung – nicht nur der Elektronikindustrie – an der Wohlstandentwicklung der letzten Jahrzehnte hatte. Wer trotzdem einer Umkehr der Globalisierung das Wort redet, sollte nicht nur über die dazu nötigen Ökosysteme in Europa nachdenken, sondern auch der Tatsache ins Auge sehen, dass sich an den herrschenden Verhältnissen wohl erst etwas ändern wird, wenn die Transportkosten in der Lieferkette einen höheren Einfluss gewinnen oder es zum Abbau existierender Produktionskostendifferenzen kommt.

Dass das System an einigen Stellen überdreht ist, dass es durchaus einiger Korrekturen bedarf, dürfte außer Zweifel stehen. Die Risiken einer Zentralisierung von Fertigungsstandorten sollten hinlänglich bekannt sein. Abhängigkeiten von Single Sources stellen auch in der Elektro- und Elektronikindustrie einen wohl zu überlegenden Balanceakt dar. Ob allerdings die Produktion einer systemrelevanten Branche wie der Pharmazie fast vollständig in Weltregionen wie Indien oder China ausgelagert werden sollte, wird wohl nach der Krise zu klären sein.

Wer ernsthaft über eine Rückverlagerung von Produktion nachdenkt, muss die Frage beantworten, wie in Europa eine preiswerte Produktion gewährleistet werden kann. Gelingt dies nicht, werden sich die Unternehmen entweder enormen Ertragseinbußen gegenüber sehen oder deutlichen Preissteigerungen für ihre Produkte. Letztlich haben auch das Konsumverhalten des Einzelnen und die Prämisse des Preises als einziges Entscheidungskriterium in komplexen Beschaffungssystemen zu der nun in die Kritik geratenen weltweiten Arbeitsteilung geführt. Nicht zu vergessen: Viele Unternehmen holen heute ihr operatives Wachstum aus China oder Indien, und morgen wahrscheinlich aus Afrika.

Fazit: Ohne Globalisierung wäre das Leben jedes Einzelnen wohl wirtschaftlich, kulturell und sozial deutlich ärmer. Dieser Tatsache wird man sich stellen müssen, wenn es nach Bewältigung der aktuellen Krise darum geht, welche Lehren und gegebenenfalls Konsequenzen aus den letzten Wochen zu ziehen sind.


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