Was tun in Zeiten weltweiter Umbrüche?

»Wir setzen stärker auf Themen wie Nachhaltigkeit«

2. April 2026, 15:50 Uhr | Andreas Knoll
Sebastian Schenk, Heitec: »Auf der Produktseite sehen wir einen klaren Trend zu nachhaltigen Lösungen, was sich in stetig steigenden Kundenanfragen widerspiegelt.«
© Heitec AG

Die heutige Zeit ist durch große weltwirtschaftliche und geopolitische Veränderungen mit unsicheren Lieferketten und Bauteilverfügbarkeiten geprägt. Wie können Lösungsanbieter und Dienstleister so damit umgehen, dass sie für sich und ihre Kunden Planungssicherheit und Stabilität bewahren können?

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Sebastian Schenk, Teamleiter Produktmanagement bei Heitec, gibt Antworten.

Markt&Technik: Wie reagiert Heitec auf die derzeitigen Unsicherheiten und stellt sich darauf ein?

Sebastian Schenk: Wir haben unsere Supply-Chain-Strukturen optimiert und unsere Beschaffungsstrategie beispielsweise von Made-to-Order auf Made-to-Stock umgestellt. Zusätzlich überwachen wir Obsoleszenzen und Lieferengpässe tagesaktuell, um frühzeitig gegensteuern zu können.

Inwieweit ändert Heitec seine Unternehmensstrategie?

Die Business Unit Elektronik von Heitec verfolgt zunehmend einen Local-for-Local-Ansatz: Der überwiegende Teil der in Deutschland gefertigten Produkte wird in Deutschland und der EU verkauft, während wir Produkte für den asiatischen Markt in China fertigen. Zudem bauen wir unsere Vertriebsstruktur durch die Einführung von Branchenmanagern aus, die Bereiche von Energie & Umwelt bis Medizin & Pharma abdecken, und setzen stärker auf Themen wie Nachhaltigkeit, etwa durch Rework-Services zur Verlängerung der Produktlebensdauer.

Inwieweit gestaltet Heitec seine Dienstleistungs-, Lösungs- und Produkt-Palette um?

Wir erweitern unser Dienstleistungsportfolio beispielsweise um Rework-Services, Wartungsverträge zur Obsoleszenzüberwachung und Designübernahmen. Auf der Produktseite sehen wir einen klaren Trend zu nachhaltigen Lösungen, was sich in stetig steigenden Kundenanfragen widerspiegelt.

Welche neuen Angebote nimmt Heitec in sein Portfolio auf?

Neu im Portfolio ist das Reworking und Reballing von teuren Chips wie FPGAs. So lassen sich fest verlötete Prozessoren wieder in die Fertigung zurückführen und weiterverwenden. Selbst Boards mit Chip-down-Design lassen sich dadurch kostengünstig modernisieren.

Inwieweit hat Heitec sein Obsoleszenz-Management geändert bzw. ausgebaut?

Wir bauen unser Obsoleszenz-Management gezielt für die Produkte unserer Kunden aus. Durch zusätzliche Wartungsverträge sichern wir die Langzeitverfügbarkeit und bieten notwendige Redesigns an, um die Lieferfähigkeit dieser Produkte auch über Zeiträume von mehr als zehn Jahren sicherzustellen. Außerdem haben wir eine neue Software eingeführt, die uns bei der Obsoleszenz-Überwachung, der frühzeitigen Erkennung von Abkündigungen und der Bewertung von Alternativbauteilen gezielt unterstützt.

Mit automatischem Rework macht Heitec veraltete Hardware zukunftsfähig - ein Beitrag zur Nachhaltigkeit.
Mit automatischem Rework macht Heitec veraltete Hardware zukunftsfähig - ein Beitrag zur Nachhaltigkeit.
© Heitec AG

Heitec fungiert als Anbieter von Komplettlösungen. Warum ist das in Zeiten von weltweiten Umwälzungen von Vorteil?

Durch die weltweiten Umwälzungen sind Komplettlösungen deutlich wichtiger geworden, weil Kunden heutzutage komplexe Technologien, Fachkräftemangel und hohe Projektrisiken nicht mehr allein beherrschen können. Sie suchen daher einen Partner, der Planung, Umsetzung, Integration und Service komplett übernimmt und so Time-to-Market, Verlässlichkeit und Performance sicherstellt. Genau hier kann Heitec seine Stärken als Komplettlösungsanbieter voll ausspielen.

Inwieweit fungiert Heitec als One-Stop-Shop?

Heitec fungiert als One-Stop-Shop, weil der gesamte Produktlebenszyklus von Elektronik- und Gerätesystemen abgedeckt wird - von der Idee über Entwicklung und Industrialisierung bis hin zu Fertigung, Test und Lebenszyklus-Service. Kunden erhalten damit Beratung, Entwicklung, EMS-Fertigung, Gerätemontage, Test, Logistik und Obsoleszenz-Management aus einer Hand und müssen keine unterschiedlichen Dienstleister koordinieren.

Auf welche Aspekte erstrecken sich die Designübernahmen, die Heitec anbietet?

Die Business Unit Elektronik von Heitec bietet Designübernahmen für bestehende Baugruppen und Geräte an, von der reinen Übernahme der Unterlagen (Schaltplan, Layout, Stücklisten, Tests) bis hin zur Anpassung und Optimierung des Designs. Dazu gehören unter anderem Redesigns wegen Obsoleszenzen, Technologie-Updates und die Übernahme inklusive Testing, Fertigung und optionaler Langzeitbetreuung.

E²MS bedeutet Electronics Engineering and Manufacturing Services. Heitec bietet mittlerweile E²MS+ an. Worin besteht das »+«?

Das »+« steht dafür, dass wir über klassische Electronics Engineering & Manufacturing Services hinausgehen und den gesamten Produktlebenszyklus unterstützen. Kurz gesagt: Heitec entwickelt und fertigt nicht nur, sondern übernimmt Designs, modernisiert sie, sichert ihre Langzeitverfügbarkeit und betreut sie über viele Jahre.

Bietet Heitec in letzter Zeit verstärkt eigene Produkte an? Wenn ja, welche? Wie werden sie vermarktet?

Unser hauseigenes Standard-Gehäuseportfolio optimieren wir kontinuierlich, wobei wir uns hier dem Markt- und Kundenbedarf anpassen. In unserem stark regulierten und standardisierten Umfeld liegt der Fokus aber insgesamt weniger auf vielen neuen Standardprodukten, sondern auf kundenspezifischen Lösungen, Redesigns und langfristiger Sicherung bestehender Systeme.

Welche neuen Zertifizierungen kann Heitec vorweisen? Welche Vorteile ergeben sich dadurch im weltweiten Wettbewerb?

Am Elektronik-Standort verfügt Heitec seit dem letzten Jahr über eine Zertifizierung nach ISO 27001 zum Thema Informationssicherheit. Zudem wurden wir kürzlich erneut nach ISO 13485 auditiert, eine sehr komplexe Zertifizierung, die für unsere Kunden in der Medizintechnik von großer Bedeutung ist. Darüber hinaus prüfen wir aktuell weitere Zertifizierungen für spezielle Branchen wie Luftfahrt und Bahn, etwa ATEX für den Ex-Bereich, EN 9100 als Luftfahrt-Norm und IRIS für die Bahn.

Inwieweit verschwinden derzeit kleinere Anbieter wegen zunehmender Regulierungen und Bürokratie vom Markt?

Viele kleinere EMS-Anbieter verschwinden aktuell vom Markt oder werden übernommen. Der europäische EMS-Markt ist laut aktuellen Erhebungen rückläufig, stark von Preisdruck geprägt und zugleich stark konzentriert. Ein vergleichsweise kleiner Kreis großer Anbieter erwirtschaftet den Löwenanteil des Umsatzes, was die Konsolidierung zusätzlich begünstigt. Parallel dazu belastet die zunehmende Regulierung und Bürokratie besonders KMU überproportional, weil sie die hohen Anforderungen an Compliance, Reporting und Zertifizierungen organisatorisch und wirtschaftlich deutlich schwerer stemmen können. Dadurch geraten kleinere Elektronikfertiger im Wettbewerb ins Hintertreffen und sind teilweise gezwungen, sich aus dem Markt zurückzuziehen.

Wie reagiert Heitec auf den Trend zu Embedded-/Edge-KI?

Wir haben bereits mehrere Projekte im Bereich Embedded-/Edge-KI für unsere Kunden umgesetzt, dürfen aber wegen Non-Disclosure Agreements nicht ins Detail gehen. Grob gesagt ging es dabei um gezielt KI-fähige Hardware, etwa Prozessoren mit KI-Beschleunigern oder FPGAs. Auf der embedded world 2026 haben wir zudem ein Demo-Board für OpenVPX gezeigt, das KI-Applikationen im Rugged-Wehrtechnik-Umfeld ermöglicht.

Wie integriert Heitec Embedded-/Edge-KI in seine Lösungen, und welche Dienstleistungen bietet das Unternehmen bezüglich Embedded-/Edge-KI an?

Je nach Kundenbedarf bietet die Business Unit Elektronik für Embedded-/Edge-KI vor allem Beratung und Architektur-Design, die Entwicklung KI-fähiger Hardware und Embedded-Software sowie Designübernahmen und Redesigns bestehender Plattformen an, einschließlich der Zertifizierung für CRA-konforme Produkte.

Ist das Thema »Kundenspezifisch ab Losgröße 1« in letzter Zeit wichtiger geworden?

Ja, das Thema ist in letzter Zeit deutlich wichtiger geworden, weil Kunden immer individuellere Lösungen, hohe Variantenvielfalt und kurze Produktlebenszyklen verlangen. Für die Business Unit Elektronik steigt damit die Nachfrage nach maßgeschneiderten Designs und flexibler Fertigung auch für sehr kleine Stückzahlen wie Prototypen, Vorserien oder Nischenprodukte. Intern sprechen wir deshalb gern davon, dass wir beim schnellen Umrüsten und bei der effizienten Abwicklung vieler kleiner Losgrößen besonders stark sind.

Für welche Produktions- und Systemdienstleistungen bietet Heitec eine kundenspezifische Bereitstellung ab Losgröße 1 an?

Die Business Unit Elektronik bietet grundsätzlich alle Dienstleistungen schon ab Losgröße 1 an - von bestückten Leiterplatten über System- und Gerätemontage bis hin zu Engineering, Designübernahmen und Rework. Technisch ist das alles möglich, so dass wir auch sehr kleine Stückzahlen realisieren können.

Was kann Heitec generell für seine Kunden tun, um ihnen mehr Planungssicherheit und Stabilität zu bieten?

Die Business Unit Elektronik bietet Kunden mehr Planungssicherheit und Stabilität durch langfristige Rahmen- und Lieferverträge, vorausschauende Materialbeschaffung mit Obsoleszenz-Management sowie transparente Kommunikation zu Lieferzeiten, Risiken und Alternativen. Ergänzend sorgt die Nutzung neuer Softwarelösungen wie etwa Luminovo für eine deutlich schnellere und effizientere Angebotskalkulation.


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