Ukraine-Konflikt

Globale Lieferketten wappnen sich für russische Invasion

3. Februar 2022, 15:48 Uhr | Karin Zühlke
© Russland.ru

Eine Analyse von Interos zeigt, dass mehr als 1100 US-amerikanische und 1300 europäische Unternehmen mindestens einen direkten (Tier-1-)Lieferanten in Russland haben. Im Fall des Falles könnte das kritisch werden.

In der Ukraine hingegen haben mehr als 400 Unternehmen aus den USA und Europa Tier-1-Lieferanten. Mit rund 0,75 Prozent ist der Anteil amerikanischer und europäischer Unternehmen, die russische oder ukrainische Tier-1-Lieferanten einbeziehen, auf den ersten Blick relativ gering. Dieser Wert steigt jedoch beträchtlich, wenn die indirekten Beziehungen zu Lieferanten auf Tier-2- und Tier-3-Ebene einbezogen werden.

Thomas Tack, Direktor Nordeuropa von Interos, kommentiert:
„Im Falle einer russischen Invasion in der Ukraine drohen in vier wichtigen Bereichen negative Auswirkungen auf die globalen Lieferketten:

1.    Steigende Rohstoffpreise
Russland liefert mehr als ein Drittel des Erdgases der EU, und eine Bedrohung dieser Versorgung könnte die Preise in die Höhe treiben. Einer Schätzung zufolge könnte eine Invasion die Ölpreise auf 133 EUR pro Barrel anstoßen, das weltweite BIP-Wachstum um fast 1 Prozent senken und die Inflation verdoppeln.

Ein weiteres Risiko ist die Lebensmittelinflation, da die Ukraine auf dem Sprung ist, der drittgrößte Maisexporteur der Welt zu werden, während Russland der weltweit größte Weizenexporteur ist. Steigende Lebensmittelpreise würden durch zusätzliche Preisschocks nur noch verschärft, vor allem wenn zentrale landwirtschaftliche Gebiete in der Ukraine von russischen Loyalisten eingenommen werden sollten.

Auch die Metallmärkte könnten weiterhin unter Druck geraten. Russland verfügt über etwa 10 Prozent der weltweiten Kupferreserven und ist auch ein wichtiger Produzent von Nickel und Platin.
 
2.    Exportkontrollen und Sanktionen
Der Kostendruck bei Rohstoffen könnte durch gezielte amerikanische und europäische Exportkontrollen noch verstärkt werden. Der Einsatz solcher Kontrollen, um bestimmte Unternehmen oder Produkte aus den Lieferketten auszuschließen, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Während sich viele dieser Kontrollen gegen chinesische Unternehmen richteten, sind auch immer mehr russische Firmen von Exportkontrollen betroffen. Sie sollen gegen die nationalen Sicherheits- oder außenpolitischen Interessen der Vereinigten Staaten verstoßen haben.
 
3.    Kollateralschäden der Cybersicherheit
Einrichtungen, die mit böswilligen Cyberaktivitäten in Verbindung standen, können auch mit weiteren Konsequenzen seitens der USA und ihrer Partner rechnen. Russland hat bereits zweimal das ukrainische Stromnetz unterbrochen, das erste Mal im Dezember 2015, als sich Hunderttausende von Ukrainern ohne Strom wiederfanden, und dann noch einmal im darauffolgenden Jahr. Zerstörerische Angriffe auf die Infrastruktur des Landes könnten aber auch erhebliche Kollateralschäden in globalen Lieferketten verursachen.

Im Jahr 2017 verbreitete sich der NotPetya-Angriff auf ukrainische Steuermeldesoftware innerhalb weniger Stunden über die ganze Welt, legte Häfen und Produktionsanlagen lahm und behinderte die Arbeit von Regierungsbehörden. Die Federal Reserve Bank of New York schätzt, dass die Opfer des Angriffs, zu denen Unternehmen wie Maersk, Merck und FedEx gehörten, insgesamt 7,3 Milliarden US-Dollar verloren haben.

Diese Zahl könnte im Vergleich zu den Auswirkungen eines militärischen Konflikts zwischen Russland und der Ukraine auf die globale Lieferkette verblassen, der unweigerlich auch eine Cyberkomponente beinhalten würde.
 
4.    Geopolitische Instabilität
So wie es unwahrscheinlich ist, dass sich Cyberangriffe nur auf Ziele innerhalb der ukrainischen Grenzen beschränken, so könnte die destabilisierende Wirkung einer russischen Invasion weitere geopolitische Auswirkungen haben. In Europa könnte es zu einer Flüchtlingskrise mit drei bis fünf Millionen Flüchtlingen kommen, die vor dem Konflikt Schutz suchen. In Afrika und Asien könnten die steigenden Lebensmittelpreise ebenfalls zu einer Destabilisierung der gesellschaftlichen und politischen Lage führen.

Eine russische Invasion könnte China ermutigen, militärische Maßnahmen gegen Taiwan zu ergreifen, was neben den weitreichenden geopolitischen Folgen auch erhebliche Auswirkungen auf die Elektronik- und andere globale Lieferketten haben würde.
Um diesen Bedrohungen zu begegnen, sollten Führungskräfte in den USA und Europa ihre Abhängigkeit von russischen und ukrainischen Zulieferern auf allen Ebenen überprüfen. Dies ist ein wichtiger erster Schritt in ihren Bemühungen, das Risiko in der Region einzuschätzen und ihre operative Widerstandsfähigkeit zu verbessern.“


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