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Online vs. Präsenz, Materialsorgen, etc

EMS-Firmen zwischen „New Normal“ und Dauerstress


Fortsetzung des Artikels von Teil 1

»Drang zurück an den Arbeitsplatz«

Nun wird vielerorts in den Produktionen an Konzepten gefeilt, die wieder mehr Normalität ermöglichen, ohne Hygienemaßnahmen zu vernachlässigen. Lange Zeit wurde bei den meisten EMS-Firmen im Shopfloor in strikt getrennten Gruppen gearbeitet. Das sei für die Mitarbeiter eine starke Belastung gewesen, bestätigt Michael Velmeden, der als Geschäfsführer die österreichische cms electronics leitet. »Die Gruppen haben wir inzwischen bewusst aufgehoben und die Mitarbeiter wieder zusammengeführt, zum einen aus Effizienzgründen und zum anderen, um den Mitarbeitern wieder etwas Heimat zu geben«, so Velmeden. Die Materialsituation führe dennoch zu Dauerstress bei seinen Beschäftigten, beklagt Velmeden, der mittlerweile einen Teil des Betriebsarzt-Budgets in einen Betriebspsychologen investiert. Dieses Angebot wird seinen Worte zufolge mitarbeiterseitig sehr gut angenommen. Auch große EMS wie Zollner Elektronik haben nach Auskunft von Markus Aschenbrenner einen Betriebspsychologen im Einsatz, der dieser Tage häufiger frequentiert wird als in normalen Zeiten. »Für die Mitarbeiter ist die Situation eine enorme psychische Anstrengung«, schließt sich auch Arthur Rönisch, Geschäftsführer von Turck duotec, an. »Sozialkontakte sind zum Teil auf der Strecke geblieben. Viele Mitarbeiter hatten den Drang, wieder zurück in die Firma zu kommen, um sich auszutauschen. Dieses soziale Gefüge wollen wir wieder pflegen und ausbauen.« Grundlegende Hygienemaßnahmen wolle man auch künftig beibehalten, betont Rönisch. Schließlich habe sich auch der Krankenstand insgesamt reduziert. Allerdings, so Rönisch, haben die Hygienekonzepte natürlich auch Geld gekostet. Ausgaben, die nicht 1:1 an den Kunden weitergegeben werden können und daher an der Marge nagen. »Langsam lockern« will auch Zollner sein standortübergreifendes Zonenkonzept, das auf strikte Trennung von festen Mitarbeitergruppen ausgelegt ist.

Wie viel „virtuell“ ist sinnvoll?

Einig sind sich die meisten Teilnehmer am runden Tisch, dass mobiles Arbeiten, wo es sinnvoll und möglich ist, auch in die neue Normalität übergehen wird. Schließlich werde Flexibilität auch weiterhin ein wichtiges Instrument für die EMS-Industrie sein.

Doch wie viel virtuelle Kultur ist gut für Mitarbeiter und Firma und inwieweit lässt sich wieder Präsenzkultur realisieren? »Die Digitalisierung, wie etwa virtuelle Meetings, hat uns in der Pandemie stark geholfen, auch in Richtung Lieferanten und Kunden. Dadurch haben wir in der Flexibilität wesentlich größere Bandbreiten erreicht. Allerdings führt das wiederum zu einer höheren Stressbelastung gerade in den administrativen Bereichen«, stellt Markus Aschenbrenner fest.

Den Effizienzgewinn von Online Meetings sehen auch anderere Diskussionsteilnehmer. Roland Hollstein nennt die Meeting-Disziplin im Hinblick auf die Dauer der Besprechung; die sei online deutlich größer: »Meetings, die sonst drei Stunden gedauert haben, dauern jetzt nur noch eine Stunde.« Virtuell gut umsetzbar sind nach Auskunft der Diskussionsteilnehmer aber z.B. Produktfreigaben oder kurze „Shopfloor Meetings“. »Virtuelle Gespräche führen wir auch weiterhin innerhalb der Firma in Arbeitsgruppen durch. Die Entfernungen in Deutschland sind groß und virtuelle Tools geben uns hier eine gute Möglichkeit, die Arbeitszeit besser zu nutzen, als auf der Autobahn zu stehen«, stellt Rönisch klar. Aber es gibt auch Themen, die sich im persönlichen Gesprächen besser besprechen lassen. »Führung auf Distanz beispielsweise funktioniert meines Erachtens nur eingeschränkt«, entgegnet Marco Balling, Geschäftsführer von productware.

Im Übrigen erwachse nicht nur intern, sondern auch extern bei Kunden und Lieferanten wieder verstärkt der Wunsch nach Präsenz-Besprechungen, wie einige Vertreter in der Runde bestätigen. Dennoch wollen die Forumsteilnehmer die Videokultur in Teilen auch in der „neuen Normalität“ beibehalten. Das Fazit lautet: Die Mischung macht‘s. »Es wird in Zukunft eine Mischung werden zwischen Neu und Alt. Ich genieße es heute sehr, allen ins Gesicht zu sehen. Das Fachliche läuft über virtuelle Besprechungen hervorragend, aber die soziale Komponente hat massiv gelitten«, fasst Schneider zusammen und weist dabei noch auf ein ganz spezielles Format der neuen Präsenzkultur bei BMK hin: »Wir haben eine „BMK-Wies‘n“ ins Leben gerufen, wo wir uns Corona-konform mit Kunden und Kollegen treffen und austauschen können. Dieses Format stößt auf große Begeisterung.«


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