Interview mit Carsten Ellermeier, Prettl

»Bei der Nachhaltigkeit dem Markt drei Jahre voraus«

21. März 2022, 14:00 Uhr | Karin Zühlke
Prettl Electronics
© Prettl Electronics

Prettl Electronics ist als EMS eine von fünf Divisionen der Prettl Group. Mit den schon lange etablierten Schwerpunkten Energie- und Medizintechnik trifft Prettl Electronics den Zeitgeist und ist dabei laut CEO Carsten Ellermeier auch technologisch am »Leading Edge«.

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Carsten Ellermeier, Prettl Electronics: »Der Druck ist überall in der Lieferkette hoch, dennoch verzeichnen nicht alle in der Kette auch einen höheren Umsatz – auch weil das Material fehlt.«
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Ein Manko sieht Ellermeier allerdings in der Lieferkette.

Markt&Technik: Längst ist nicht mehr die Inhouse-Fertigung das Standbein von Prettl Electronics, sondern die Auftragsfertigung, sprich: EMS-Dienstleistung. Wie ist die Verteilung zwischen Inhouse und Dienstleistung?

Carsten Ellermeier: Die Inhouse Fertigung macht weniger als 20 Prozent aus. 80 Prozent entfallen mittlerweile auf das EMS-Geschäft.

Was waren bzw. sind aktuell für Ihren Betrieb die größten Herausforderungen?

Beim Auftragsbestand stellen wir eine kontinuierliche und nachhaltige Steigerung fest. Aktuell befinden wir uns auf einem nie da gewesenen Allzeithoch. Das tages- und bisweilen auch abendfüllende Thema ist definitiv die Allokation. Die Teileverfügbarkeit bremst uns im Wachstum massiv aus.

Wir hatten allerdings zu Beginn der Pandemie einen Sondereffekt: Wir wurden als Lieferant für die kritische Infrastruktur - kurz: KRITIS - der Bundesrepublik klassifiziert, weil unser Kunde Dräger einen Auftrag der Bundesregierung für die Ausstattung der Krankenhäuser mit Beatmungsgeräten erhalten hatte. Wir wurden dadurch für diese Aufträge bevorzugt mit Bauteilen beliefert, nicht nur aus Deutschland heraus, sondern auch global. Viele internationale Lieferanten haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um uns mit Ware zu versorgen. Diese Hilfsbereitschaft war sensationell, so etwas hatte ich bis dato noch nicht erlebt.

Aber zurück zu den Herausforderungen: Auch den Mitarbeitern wird in diesen Zeiten sehr viel abverlangt, je nachdem wann kurzfristig Material angeliefert wird, müssen wir vom Normalbetrieb in den Drei-Schichtbetrieb an sechs Tagen die Woche wechseln. Die Mitarbeiter tragen das sehr flexibel mit. Wir können nur den Hut ziehen vor der eigenen Belegschaft. Diese Flexibilitätssteigerung hat uns immer wieder geholfen, die Markt- und Kundenforderung zur erfüllen.

Manche sprechen inzwischen von etwas Entspannung bei der Materialverfügbarkeit. Können Sie das bestätigen?

Ware, die wir vor 12 bis 15 Monaten bestellt haben, kommt langsam, aber von Entspannung zu sprechen wäre aus meiner Sicht noch zu früh. Wir informieren unsere Kunden natürlich, dass das klassische Forecast-Procedere von 12 Monaten nicht mehr greift. Die Kunden müssen ihre Forecasts auf 24 Monate ausrichten. Das ist mittlerweile üblich. Was immer abstrakter wird, sind allerdings die Wege, wie Ware wieder verfügbar gemacht wird. Diese Wege sind zum Teil schon ziemlich neu.

Inwiefern?

Es taucht viel Material spontan in Online Shops auf. Zum einen gewinnen die klassischen Online-Distributoren deutlich an Fahrt. Sie machen ihren Job gut und investieren in Lagerbestand. Zudem agieren inzwischen einige Hersteller mit eigenen Online Shops, in denen Ware verfügbar gemacht wird, die nicht in den Distributions-Kanal kommt.

Die Flexibilisierung der Supply Chain ist ein Schlüssel in der Allokation, und der Größenvorteil ist natürlich eine Stärke, die wir nutzen. Als großer EMS-Dienstleister müssen wir uns damit beschäftigen, die Qualität der Bauteile-Volumen zu verfolgen. Sprich: Wir müssen wissen, wohin welche Volumina von Herstellern geliefert werden. Wir greifen dabei auf unsere globale Einkaufsorganisation der Gruppe zurück, um weltweit in anderen Regionen teils direkt zuzukaufen. Das ist aus meiner Sicht zwingend erforderlich.

Inwieweit hat sich der Aufwand beim Materialmanagement vergrößert?

Die Materialverwaltung ist insgesamt viel komplexer geworden. Der Überprüfungsaufwand im Wareneingang hat sich vervielfacht. Sondertests, Qualifikation von Broker-Ware, Löt-Tests, Langzeituntersuchungen. Stangenware, die gegurtet werden muss, und so weiter. Unsere Röntgenanalyse ist sieben Tage die Woche rund um die Uhr im Einsatz. Dementsprechend ist natürlich auch ein erhöhter Aufwand für Traceability notwendig. Nicht außer Acht zu lassen sind die zusätzlichen Forderungen des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes.

Und wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Kunden verändert, vor allem im Hinblick auf die Digitalisierung?

Die Welt hat sich natürlich auch bei uns digitalisiert. Ich hätte es vor drei Jahren noch nicht für möglich gehalten, dass man so viel über Online Meetings abwickeln kann. Die Vorläufe waren vor der Pandemie viel länger. Die Erwartungshaltung von Kunden heute ist, dass sehr kurzfristig Eskalations-Meetings anberaumt werden können. Dadurch wurden aber auch die Abläufe bei den Herstellern stringenter und klarer.
Wir sind von früh morgens bis spät abends in Teams Sessions. Durch die Digitalisierung der Meetings hat sich die Möglichkeit der Kunden, Einfluss zu nehmen, deutlich verändert. Der Druck ist überall in der Lieferkette hoch, dennoch verzeichnen nicht alle in der Kette auch einen höheren Umsatz – auch weil das Material fehlt.

Eine der Kernfragen lautet daher: Wie managt man die Verknappung am besten?

Jeder Kunde hat den Anspruch, für jedes einzelne Bauteil fortlaufend up to date zu sein und Daten zum Teilebestand digital und transparent übermittelt zu bekommen. Dieser Teil der Digitalisierung führt zu einer transparenten Supply Chain auf allen Kundenebenen und ist eine durchgängige Forderung unserer Kunden.
Die Flexibilisierung bei der Änderung im Produktmix, bei der Bedarfsanforderung und der Transparenz bis auf die kleinste C-Teile-Ebene ist eine nachhaltige Veränderung und eine Erwartungshaltung an den EMS-Dienstleister, der sich die Branche stellen muss. Denn Effektivität, Flexibilität und Qualität lassen sich nur mit einer gesamtheitlichen digitalen Transformation nachhaltig optimieren.

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