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Exklusiv-Interview

»Wir beteiligen uns nie an Standardisierungen«

06. April 2021, 16:30 Uhr   |  Engelbert Hopf und Corinna Puhlmann-Hespen

»Wir beteiligen uns nie an Standardisierungen«
© Markt&Technik

Denis Giba und Thomas Irl setzen auch im zweiten Jahr der Corona-Pandemie auf selbstkontrolliertes Wachstum und treiben 2021 den Ausbau der Produktionskapazitäten nicht nur in Mühldorf am Inn voran.

ODU sieht sich als Nischenanbieter, obwohl die Firma mit 2300 Mitarbeitern weltweit zu den führenden Herstellern von Steckverbindersystemen gehört. Warum das so ist, warum sich ODU nicht an Standardisierungen beteiligt und eigene Wege bei Single Pair Ethernet geht, lesen Sie im Interview.

Denis Giba, Geschäftsführer von ODU, und Thomas Irl, Sales Director Europe, erläutern im Markt&Technik-Interview die Strategie von ODU, geben Einblick in technische Trends  und sprechen offen über die Herausforderungen in Zusammenhang mit der Pandemie. 

Markt&Technik: Lassen Sie uns zuerst über Steckverbinder sprechen. Was sind derzeit die wichtigen Trends?

Thomas Irl: Im Bereich der Datentechnik sehen wir ganz klar einen Trend hin zu höheren Datenübertragungsraten. Auch die Miniaturisierung ist immer noch ein Thema! Gerade im Bereich der Leiterplattentechnik wird eine noch engere Bauteiledichte gefordert. Wir bei ODU beschäftigen uns intensiv mit den Übertragungsprotokollen, zum Beispiel USB 3.0 und HDMI, und bringen diese in robuster, oft sehr kompakter und passender Form in die Applikation unserer Kunden. Das kann beispielsweise über unsere Push-Pull-Rundsteckverbinder erfolgen oder über unsere modularen Steckverbinder für die hybride Übertragung mehrerer Medien, zusammengefasst in einer komfortablen Schnittstelle.

Können Sie eine aktuelle Produktneuentwicklung herausgreifen, die für ODU oder besser gesagt für Ihre Kunden besonders interessant ist?

Irl: Ganz neu und eine Besonderheit ist unser Rechtecksteckverbinder ‚ODU-MAC Black-Line‘, bei dem es sich weniger um eine Komponente als um eine komplette Baugruppe handelt. Dieses Steckverbindersystem ist speziell für Mass Interconnect Solutions konzipiert und kommt in der Mess- und Prüftechnik für das Testen von Platinen zum Einsatz, als Schnittstelle zwischen Prüfling und Testgerät. Gefordert ist hier zum Beispiel eine hohe Anzahl an Steckzyklen, die wir dank unserer Kontakttechnologie gewährleisten können.

Ihr Unternehmensgründer Otto Dunkel hat vor mehr als 80 Jahren die Drahtfederkontakttechnologie erfunden und erfolgreich am Markt etabliert, die sich durch gleichbleibenden Kontaktwiderstand und damit hohe Zuverlässigkeit auszeichnet. Welche Rolle spielt das Thema Kontakttechnologie heute noch?

Irl: Die elektrischen Kontakte von ODU gibt es in den kleinsten Ausführungen, und sie sind durch die interne Galvanik und Dreherei an nahezu jede Anforderung anpassbar. Das macht uns unglaublich flexibel. Die Kontakttechnologie ist unsere Kernkompetenz, auf der letztendlich alles aufbaut! Denn dadurch ist es uns erst möglich, für unseren Kunden einen Steckverbinder zu entwickeln, der genau zu seinem Anforderungsprofil passt.

Denis Giba: Insgesamt ist es uns sehr wichtig, nahezu die komplette Fertigungskompetenz für Steckverbinder im eigenen Haus zu haben. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass es kaum andere Steckverbinderhersteller gibt, die über eine so hohe Fertigungstiefe verfügen wie wir. Diese Fertigungstiefe ist nicht nur ein wertvolles Element für unser Geschäft, sie ist wahrscheinlich die notwendige Voraussetzung dafür, dass wir so erfolgreich agieren können.

Ich gehe davon aus, dass der Großteil Ihrer Steckverbinder kundenspezifische Entwicklungen sind und dass es eine nicht zu unterschätzende Herausforderung darstellt, diese Variantenvielfalt in Produktion und Logistik abzubilden.

Irl: Zwei Drittel unserer Steckverbinder sind kundenspezifische Produkte, wenngleich auch unsere Standardprodukte wichtig sind. Die Herausforderung besteht aus meiner Sicht darin, die hohe Verfügbarkeit zu jeder Zeit sicherzustellen. Wir planen stets so, dass wir möglichst schnell Muster liefern und in die Vorserie gehen können. Das erfordert von unserer Seite eine enorme Flexibilität.

Giba: Wir gehen oft auch sehr pragmatisch vor, um Entwicklungen schnell umzusetzen. Unser Anspruch ist es, einen passgenauen Steckverbinder für unseren Kunden zu finden und diesen schnell zu liefern, immer ausgehend vom Premiumsegment. Das ist genau das, was der Kunde von uns erwartet. Flexibilität ist unser Geschäftsmodell.

Würden Sie sich als Nischenanbieter bezeichnen?

Giba: Natürlich! Oft sind wir sogar in der Nische der Nische unterwegs. Vor allem dann, wenn uns der Kunde besondere Projekte anvertraut. Wir wissen um die hohe Verantwortung, die wir dadurch haben. Dieser Vertrauensvorschuss ist uns jeden Tag bewusst, und das zeigt sich z.B. darin, dass wir bei ODU keinen internen Prozess für Produktabkündigungen haben.

Stichwort ‚Second Source‘: In letzter Zeit ist auffällig, dass konkurrierende Steckverbinderhersteller bei bestimmten Technologien bereit sind, herstellerübergreifend zusammenzuarbeiten. Ein Beispiel ist die Standardisierung des M12-Push-Pull-Steckers. Sind Sie an solchen Kooperationen beteiligt?

Irl: Prinzipiell sind wir selbstverständlich offen für partnerschaftliche Entwicklungen und Zusammenarbeit, allerdings ist aus unserer Sicht der M12-Push-Pull-Steckverbinder ein Produkt, das unter enormem Preisdruck steht und welches wir daher nicht unbedingt forcieren wollen. Außerdem sind wir eigentlich nie in Standardisierungsbemühungen eines Steckgesichts involviert, weil das nicht unserem Geschäftsmodell entspricht.

Wie sieht es bei Single Pair Ethernet aus? Ist ODU Mitglied eines der beiden Konsortien, also dem 'SPE Industrial Partner Network' oder der 'SPE System Alliance'?

Irl: Nein, wir beschäftigen uns zwar intensiv mit Single Pair Ethernet als Protokoll, übertragen dies aber über unsere eigenen Schnittstellen wie z.B. den ‚ODU Mini-Snap‘- oder 'ODU-MAC'-Steckverbinder. SPE ist für uns definitiv eine wichtige Technologie, für die wir bereits lieferbare Produkte im Portfolio haben.

Giba: Bei der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Hersteller im Bereich Single Pair Ethernet geht es ja auch darum, einen gemeinsamen Standard für den Markt zu finden. Und das ist uns eigentlich fremd, wir haben es lieber passgenau! Standardisierung ist der genaue Gegensatz zu unserer Strategie.

Gehen wir weg von den Produkten. Welches Umsatzziel haben Sie sich für das Geschäftsjahr 2021 gesetzt?

Giba: Wir sind im letzten Jahr auf Sicht gefahren und wollen dies auch so beibehalten. Als die Pandemie zum Thema wurde, haben wir uns tatsächlich über Geschäftszahlen gar keine großen Gedanken gemacht, sondern versucht, die Herausforderungen, die sich täglich ergeben haben, zu stemmen. Und das ist uns insgesamt gut gelungen. Daher haben wir uns bewusst dazu entschieden, für das Jahr 2021 kein Umsatzziel zu definieren. Wir fahren weiterhin auf Sicht, im Moment erfreulicherweise sogar ziemlich schnell!

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