Verantwortungsvolle Beschaffung

Lieferantenvielfalt statt statische Supply Chain

8. November 2022, 14:34 Uhr | Karin Zühlke
Trade­shift
Johann Laverentz, Tradeshift: »Wenn Unternehmen wirklich etwas ändern wollen, müssen sie ihren Zulieferern Zugang zu den Instrumenten verschaffen, mit denen sie diese Änderungen vornehmen können.«
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Verantwortungsvolle Beschaffung gewährleistet, dass Waren und Dienstleistungen auf nachhaltige und sozial verantwortliche Weise hergestellt oder erbracht werden. Eng verbunden damit ist laut Jonathan Laverentz, Head of Digital Innovation bei Trade­shift, die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette.

Markt&Technik: Was bedeutet verantwortungsvolle Beschaffung für Sie?

Jonathan Laverentz: Wenn man sich die Umwälzungen der letzten zwei Jahre ansieht, wird ersichtlich, dass die Grundlagen der verantwortungsvollen Beschaffung und der Widerstandsfähigkeit der Lieferkette sehr eng miteinander verbunden sind. Ist es verantwortungsvoll, dass die meisten großen Unternehmen bis zur Pandemie ihre gesamte Lieferketten- und Beschaffungsstrategie auf der Prämisse aufbauten, dass niemals etwas Schlimmes passieren wird? Ist es verantwortungsbewusst, Teile und Materialien quer durch die Welt zu verschiffen, anstatt nach vielfältigeren, lokalisierten Produktionsmethoden zu suchen?

Warum ist eine verantwortungsvolle Beschaffung für die Lieferkette so wichtig?

Die Pandemie zeigt deutlich, was passiert, wenn Unternehmen Lieferketten aufbauen, die auf Kosteneinsparungen und Effizienz­gewinne ausgerichtet sind. Wenn etwas billig ist, bezahlt irgendjemand irgendwo dafür – wahrscheinlich mit einer weniger verantwortungsvollen Produktion. Es wird zunehmend anerkannt, dass Unternehmen mit soliden Nachhaltigkeits-Referenzen während der Pandemie besser abgeschnitten haben als solche, bei denen das nicht der Fall war. Mit anderen Worten: Widerstandsfähigkeit und Nachhaltigkeit gehen Hand in Hand. Ich persönlich bin der Meinung, dass der Klimawandel die Lieferketten in den nächsten 20 Jahren stärker und regelmäßiger stören wird, als wir es in den letzten zwei Jahren erlebt haben.

Selbst wenn wir moralische und ethische Erwägungen aus dieser Diskussion herausnehmen, werden Unternehmen, die die Grundsätze einer verantwortungsvollen Beschaffung ignorieren, in einer Welt, in der Volatilität und Störungen zur Norm gehören, einfach nicht überleben.

Wie können Unternehmen bei der Beschaffung verantwortungsvoller werden?

Ich halte zwei Punkte für entscheidend, um eine verantwortungsvollere Lieferkette zu erreichen.

Punkt eins ist: Man kann nicht reparieren, was man nicht sieht. Für viele Unternehmen ist der erste Schritt, sich ein genaueres Bild von ihrem Lieferketten-Ökosystem zu machen. Aufgrund der Komplexität und des verflochtenen Charakters moderner Lieferketten ist es für Unternehmen schwierig, unethische Verhaltensweisen zu isolieren und zu bekämpfen, die tief in ihren erweiterten Lieferketten lauern. Viele dieser Probleme sind auf einen Mangel an Daten zurückzuführen, die im gesamten Ökosystem der Lieferkette verfügbar sind. Die Digitalisierung der Beziehungen innerhalb der Lieferketten wird den Unternehmen die nötige Transparenz verschaffen, um sicherzustellen, dass ihre besten Absichten mit den besten Praktiken übereinstimmen.

Sobald die digitale Grundlage geschaffen ist, gibt es eine Reihe weiterer Möglichkeiten, wie die Technologie Unternehmen dabei helfen kann, sich stärker auf eine verantwortungsvolle Beschaffung zu konzentrieren. Ein gutes Beispiel sind B2B-Marktplätze, die Lieferanten nach ihren ethischen Grundsätzen vorab prüfen. Auch in Bereichen wie der digital unterstützten grünen Finanzierung besteht ein hohes Potenzial. Hier werden Lieferanten, die sich zu hohen ethischen Standards verpflichten, mit günstigeren Zahlungsbedingungen und Betriebskapitalvereinbarungen belohnt.

Was ist der zweite Punkt?

Ein wichtiger Bestandteil einer verantwortungsvollen Beschaffung ist die Lieferantenvielfalt. Mit einer vielfältigen und redundanten Lieferkette ist ein Unternehmen eher in der Lage, größere Einschränkungen vorzunehmen oder sogar eine Geschäftsbeziehung mit einem Lieferanten zu beenden, der in Bezug auf die Art und Weise, wie er Waren oder Dienstleistungen herstellt oder erwirbt, sich als moralisch zweifelhaft erweist.

Mit der Entscheidung, sich auf eine statische Lieferkette zu verlassen, treffen Einkäufer eine bewusste Entscheidung, sich an einen Lieferanten zu binden. Ob sie sich für eine ethische oder moralische Geschäftspraxis entscheiden, ist dabei unerheblich. Indem sie weiterhin mit einem Lieferanten zusammenarbeiten, der unverantwortlich handelt, finanzieren sie die negativen Geschäftspraktiken – und unterstützen sie damit.

Der Weg zu ethischer Nachhaltigkeit und einer widerstandsfähigen Lieferkette beginnt damit, sich zunächst Gedanken über ethische Geschäftspraktiken im Unternehmen zu machen und die Aufmerksamkeit auf die Lieferkette zu richten. Wer ist das unmittelbares Lieferantennetz, was sind die vor- und nachgelagerten Bereiche der Lieferkette und wie können Lieferanten überprüft und gegebenenfalls ersetzt werden? Das sollten sich Unternehmen aktiv fragen und danach handeln.

Nachhaltigkeit wird vermehrt von der Gesellschaft unterstützt.

Ja, Verbraucher weltweit hinterfragen die Herkunft der von ihnen gekauften Waren immer genauer und erwarten von den Herstellern Antworten. Eine aktuelle Studie von Mastercard zeigt, dass 58 Prozent der befragten Verbraucher sich seit der Pandemie bewusster über die Auswirkungen auf die Umwelt informieren. Ein Viertel weigert sich, bei einem Unternehmen einzukaufen, das seine ethischen Behauptungen nicht mit stichhaltigen Beweisen untermauert. Die neue Generation jüngerer Verbraucher, die umwelt- und sozialbewusster sind als je zuvor, ist ebenfalls sehr kritisch.

Banken und Finanzinstitute führen Programme ein, die nachhaltigkeitsorientierte Unternehmen stärker belohnen, und erschweren den Zugang zu Kapital für Unternehmen, die keine verantwortungsvollen Beschaffungspraktiken nachweisen können. Diese neue Ebene der Rechenschaftspflicht verlangt von den Unternehmen, dass sie ihre Behauptungen mit datengestützten, greifbaren Beweisen untermauern.

Auch die Regulierungsbehörden nehmen die Beschaffungspraktiken immer genauer unter die Lupe.

In Deutschland wurde im vergangenen Jahr ein Gesetzesentwurf zur Sorgfaltspflicht in der Lieferkette verabschiedet, der von Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette verlangt. Ähnliche Gesetzgebungsverfahren finden in zahlreichen europäischen Ländern sowie auf EU-Ebene statt.

Die Regulierung wird dazu beitragen, den Übergang zu einem stärker digital vernetzten Ökosystem in der Lieferkette zu beschleunigen, in dem Unternehmen Unwissenheit nicht mehr als Ausrede für nicht nachhaltige oder unethische Verhaltensweisen in ihren Lieferketten nutzen können. Es gibt eine breite Unternehmensbewegung, die Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit in ihrer Kultur verankert. Unternehmen wie Unilever haben sich seit Langem das Mantra »Gutes tun, indem man Gutes tut« auf die Fahne geschrieben. Diese Strategie trägt Früchte. Unilever erklärte kürzlich, dass seine nachhaltigen Marken 50 Prozent schneller wachsen als der Rest des Unternehmens. Investoren sind zunehmend daran interessiert, von einem Trend zu profitieren, der ihrer Meinung nach weiter an Dynamik gewinnen wird.

Was sollten Unternehmen tun, die ihre Beschaffung verantwortungsvoller gestalten wollen? Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Prioritäten?

Unternehmen müssen vor allem proaktiv handeln und das Ökosystem der Lieferanten, auf das sie sich verlassen, miteinbeziehen. Die meisten Unternehmen erkennen bereits die Vorteile von Nachhaltigkeitspraktiken in Bezug auf Reputation, Unternehmensstruktur und Geschäftsentwicklung. Die Identifizierung und Bestrafung von Lieferanten für schlechtes Verhalten sind hierbei zu kurz gedacht. Wenn Unternehmen wirklich etwas ändern wollen, müssen sie ihren Zulieferern Zugang zu den Instrumenten verschaffen, mit denen sie diese Änderungen vornehmen können.

Was ist der beste Ansatz?

Das ist eine schwierige Frage, und auf die Gefahr hin, die Dinge zu sehr zu vereinfachen, habe ich sie in vier Schritte unterteilt:

Dokumentieren: Stellen Sie sicher, dass der digitale Fußabdruck der Waren ab der Produktionsquelle mit dem dokumentierten Prozess übereinstimmt.

Audit: Überprüfen Sie regelmäßig Ihre Lieferkette im vor- und nachgelagerten Bereich.

Zertifizierung: Bitten Sie Ihre Lieferanten um eine Zertifizierung und/oder andere Nachweise für eine verantwortungsvolle Produktion und ethische Arbeitsbedingungen.
Validieren: Beauftragen Sie einen Dritten, der sich mit der Validierung der Beschaffungskette auskennt – es gibt viele Unternehmen, die Ihnen dabei helfen können!

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