Automobilzulieferer

Ostdeutschland hat Standortvorteile

16. März 2022, 14:03 Uhr | Irina Hübner
Der Branchenausblick 2030+ Automotive hat sich den Standort Ostdeutschland genauer angeschaut.
© Tom Fisk | Pexels

Im Branchenausblick 2030+ Automotive hat das Fraunhofer ISI einen Schwerpunkt auf die ostdeutsche Automobilindustrie gelegt. Die Studie zeigt die Herausforderungen der Branche, aber auch die Chancen, die sich insbesondere im Osten der Republik bieten.

Die Automobilindustrie ist die wirtschaftsstärkste im verarbeitenden Gewerbe Deutschlands. Auch international ist die deutsche Automobilbranche gut aufgestellt: In Europa steht Deutschland unter den Herstellerländern an erster Stelle, weltweit zählt es zu den Top 5. Deutsche Kraftfahrzeughersteller (OEMs) exportierten 2020 rund drei Viertel ihrer hierzulande produzierten Pkw in Absatzmärkte auf der ganzen Welt.

Für den Branchenausblick 2030+ Automotive haben Forschende des Fraunhofer ISI und des Fraunhofer IMW untersucht, wie die deutsche Automobilindustrie derzeit aufgestellt und inwiefern sie von Transformationen wie Digitalisierung, Globalisierung, Klimapolitik und demografischem Wandel betroffen ist. Die Studie wurde von der Stiftung Arbeit und Umbelt der IGBCE in Auftrag gegeben.

Ein Schwerpunkt der Betrachtung lag auf Ostdeutschland. Dort haben sich nur einzelne OEMs mit reinen Produktionsstätten niedergelassen, während sich bundesweit Automobilhersteller und Zulieferindustrien vor allem im Westen und insbesondere im Süden des Landes konzentrieren. Obwohl der Wirtschaftsstandort Ostdeutschland von einer Vielzahl von kleinen und mittleren Unternehmen, einem starken Lohngefälle zu Westdeutschland, insgesamt relativ wenigen Produktionsstätten und vor allem keinem einzigen Unternehmenssitz eines OEMs geprägt ist, konnten die Wissenschaftler:innen dennoch einige Standortvorteile identifizieren.

Weniger Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor

So zeichnet sich die ostdeutsche Automobil- und Zulieferindustrie durch einen geringen Lock-in, das heißt eine geringe Pfadabhängigkeit von der Entwicklung des Verbrennungsmotors aus – was sich daran zeigt, dass viele OEMs die Produktion hier bereits teilweise oder vollständig auf Elektromotoren umgestellt haben. Auch die Ansiedlung des amerikanischen Autobauers Tesla lässt die Entstehung eines Elektromobilitäts-Clusters in Berlin/Brandenburg erahnen. Diese Entwicklungen werden begünstigt durch die hohe Akzeptanz der Automobil- und Zulieferindustrie in der ostdeutschen Bevölkerung und die stabile Stellung der Chemiebranche im mitteldeutschen Chemiedreieck.

Bislang wenig Ausbildungsmöglichkeiten im Osten

Deutschlandweit waren im Jahr 2018 rund 940.000 Menschen in der Automobilindustrie tätig, bei den Kern-Zulieferern 260.000 Menschen. Nur sieben Prozent davon entfallen auf Ostdeutschland. Der Anteil an Vollzeitbeschäftigung in der Branche ist hoch, ebenso die Bruttowertschöpfung mit mehr als 100.000 Euro pro Arbeitnehmer:in.

Auffällig ist der geringe Anteil weiblicher und ausländischer Mitarbeitenden in der Automobilindustrie in Ostdeutschland. Ebenso lässt sich feststellen, dass sich die Stellen der Fach- und Sachverständigen, insbesondere IT-Fachkräfte, vor allem im Westen konzentrieren. Ähnlich sieht es mit den Ausbildungsmöglichkeiten aus. Dies könnte erklären, weshalb der Anteil der jungen Beschäftigten im Westen höher ist. Dahingegen gibt es in Ostdeutschland mehr Weiterbildungsangebote im Verhältnis zur Einwohnerzahl.

Nachholbedarf bei Investitionen für F&E

Die meisten Betriebe in der ostdeutschen Automobilindustrie sind kleine und mittlere Unternehmen. Die wettbewerbsstärkeren Großunternehmen konzentrieren sich in Westdeutschland, ebenso wie die Investitionen für Forschung und Entwicklung. Die Automobilindustrie ist laut der Studie stärker als viele andere Branchen von Herausforderungen in den Bereichen Klimawandel, Rohstoffverfügbarkeit, Demografie und Innovationsdruck betroffen.

Die Rahmenbedingungen durch den Europäischen »Green Deal« oder das deutsche Klimaschutzgesetz stellen die Branche vor große Herausforderungen. Bei der Produktion von Elektromotoren ergeben sich für die Branche besonders risikobehaftete Lieferbeziehungen für seltene Erden. Darüber hinaus müssen sich OEMs und Zulieferer gegen die während der Covid-19-Pandemie schnell wachsende Marktmacht internationaler Tech-Konzerne und asiatischer Zulieferunternehmen behaupten.

Der Aufbau regional geschlossener Wertschöpfungsketten im Sinne einer Kreislaufwirtschaft kann dabei helfen, die Resilienz der europäischen Automobilindustrie gegen Verwerfungen zu erhöhen und gleichzeitig Ressourcen und Emissionen einzusparen. Die Ansiedlung eines internationalen Elektromobil-Produktionsclusters in Brandenburg könnte in diesem Sinn die Abhängigkeit von volatilen Weltmärkten verringern.

Weitere Handlungsempfehlungen der Fraunhofer-Forschenden für die Stärkung der deutschen und insbesondere ostdeutschen Automobil- und Automobilzulieferindustrie beinhalten unter anderem Subventionen für Forschungsaktivitäten kleiner und mittlerer Unternehmen und den Aufbau von Testfeldern für neuartige Mobilitätsmodelle. Sie heben die Bedeutung der Stärkung von Aus- und Weiterbildung beispielsweise mittels Dualer Studiengänge ebenso hervor wie einen schnellen Ausbau von Ladeinfrastrukturen und des 5G-Netzes.

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